Schweizer Pensions- & Investmentnachrichten
Der Wachstumsmanager

Marcel Berlinger,

Veröffentlicht am:  02. Dezember 2007

Die Sankt Gallener ASGA Pensionskasse gilt als eine der erfolgreichsten Sammelstiftungen der letzten fünf Jahre. Den Versicherungsbestand hat sie beinahe verdoppelt. Ihr Chef erklärt, wie er die Kasse führt und in welchen Punkten sich die ASGA von anderen Sammelstiftungen unterscheidet.

Fragen: Andreas Valda

Antworten: Marcel Berlinger

Marcel Berlinger kam 1949 in Will SG zur Welt. Sein erster Beruf war heilpädagogischer Lehrer. Nach diversen Aus- und Weiterbildungen im Bereich Verkauf und Versicherungen stieg er 1982 als Marketing-Leiter bei der Winterthur Leben ins Versicherungsgeschäft ein. Seine Laufbahn durchlief leitende Funktionen bei Familia Leben (1992), Rentenanstalt (1996) und Generali (2000), zuletzt als Geschäftsleitungsmitglied. Im Mai 2002 übernahm er das Ruder der ASGA. Berlinger war elf Jahre lang Kantonsrat in Sankt Gallen. Er ist verheiratet, hat zwei schulpflichtige Kinder, wohnt in Sankt Gallen und spielt Golf, wandert, liest und fährt Ski.



spn: Seit wann sind Sie Chef der ASGA?

Berlinger: Seit 2002.


spn:
Was hat sich in den fünf Jahren, seit Sie Chef sind, wesentlich verändert?

Berlinger: Die ASGA erlebte ein starkes Wachstum. Meine Anstellung erfolgte zeitgleich mit der Börsenkrise. Es war die Zeit der grossen Fehler der Lebensversicherungen. Stichworte sind sinkende Umwandlungssätze, hohe Verwaltungskosten und steigende Prämien. Nicht so die ASGA. Wir hielten unsere Tarife konstant. Die schafften uns Goodwill und viele Neuzugänge.


spn: Was freut Sie am meisten seither?

Berlinger: Dass wir das starke Wachstum bewältigt haben. Wir schafften es, mit dem gleichen Personal deutlich mehr Anschlüsse zu verarbeiten. (Er zeigt auf eine Grafik.) Sehen Sie hin: So stark stieg die Zahl der Versicherten und so sanken die Kosten. (Er strahlt über das ganze Gesicht.) Trotz starker Änderungen in unserer Aufstellung behielten wir unsere langjährigen Mitarbeiter.


spn: Um wie viel stieg denn die Zahl der Versicherten in fünf Jahren?

Berlinger: Von rund 35.000 auf 58.000. Somit hat sich der Bestand beinahe verdoppelt.


spn: Gewaltig. Und was ärgerte Sie am meisten?

Berlinger: Fehlaussagen von Konkurrenten über uns. Wir spüren den Neid.


spn: Sie werden als Kasse für Gewerbler wahrgenommen. Stimmt das Image?

Berlinger: Das stimmt. Den Begriff hatte auch schon der Schweizerische Gewerbeverband diskutiert. Wir sagen heute: Die ASGA steht den Klein- und Mittelbetrieben (KMU) aus Gewerbe, Dienstleistung, Handel und Industrie offen.


spn: Sie steht allen offen?

Berlinger: Ja. Unser Zielpublikum sind Firmen mit bis zu 150 Mitarbeitern. Wir haben aber auch Anschlüsse von Firmen mit 500 Versicherten. Mehr als die Hälfte aller Anschlüsse haben um die drei Mitarbeiter.


spn: Was lernt man von den Gewerblern, wenn man ihr Geld verwaltet?

Berlinger: (Er denkt länger nach.) Sparen. Pflege der Details.


spn: Sind Sie häufig in Kontakt mit Kunden? Pflegen Sie vor allem die Grossen?

Berlinger: Nein. Ich habe Kontakt mit allen – mit Grossen wie mit Kleinen. Oft begleite ich meine Berater zu bestehenden oder potenziellen Kunden.


spn: Also sind Sie nicht bloss die Eskalations-hierarchie?

Berlinger: Nein, nein. Sicher nicht.


spn: Ins Rampenlicht der Öffentlichkeit trat die ASGA 2002, als der Vorwurf des Rentenklaus durchs Land ging. Die ASGA stand als Musterknabe da. Warum?

Berlinger: Medien stellten fest, dass wir in der Rentenklau-Diskussion eine Ausnahme sind. Wir waren schon damals eine relativ grosse Kasse. Und wir galten als Alternative zu Lebensversicherern. Obwohl auch ich sagen muss: Der Vorwurf des Rentenklaus an die Versicherer war unbegründet. Auch wir senkten den Umwandlungssatz, wenn auch nicht so schnell. Auch wir senkten die Verzinsung. In der Folge verringerte sich auch bei uns die anwartschaftliche Rente, was nicht zu verwechseln ist mit einer versprochenen Rente. Auch wir hatten damals einen tiefen Deckungsgrad. Er lag bei rund 100 Prozent. Doch wir sind gewachsen. So verloren wir keine Schwankungsreserven.


spn: Wie stark konkurrenzieren Sie Lebensversicherer?

Berlinger: Je länger, desto mehr. Doch nicht wegen uns. Die Lebensversicherer interessieren sich heute vermehrt wieder für KMU-Betriebe, die sie in der Krise auf der Seite liessen. Und KMU-Chefs verzeihen relativ schnell – das ist ein weiterer Punkt, den man von ihnen lernen kann.


spn: Die Kennwerte Ihrer Pensionskasse gelten als Benchmark. Wie hoch sind Ihre technischen Verwaltungskosten?

Berlinger: 180 Franken pro Versicherten plus 200 Franken pro Firma werden in Rechnung gestellt. Rechnet man die Vermögensverwaltungskosten hinein, so belaufen sie sich auf 225 Franken.


s
pn: Wie hoch sind die Vermögensverwaltungskosten in Prozent des Vermögens?

Berlinger: Kleiner als 0,1 Prozent.


spn: Mit welchen Schwankungsreserven erreichen Sie welche Performance?

Berlinger: Im Schnitt der letzten fünf Jahre erreichten wir einen Durchschnitt von 4,61 Prozent. 2003 betrug der Deckungsgrad 100 Prozent, heute beträgt er 118 Prozent. Der Aktienanteil beträgt 37 Prozent.


spn: In welchem Punkt unterscheiden Sie sich wesentlich von anderen Sammelstiftungen?

Berlinger: Seit der Gründung sind wir eine reine Pensionskasse. Wir sind keine Stiftung, sondern eine Genossenschaft, ein Exot also – und dennoch anerkannt. Wir verstehen uns auch als Gemeinschaft. Der Gewinn, den wir aus den Geldern unserer Mitglieder erzielen, wird mittels Mehrverzinsung weitergegeben. Wir betreiben kein Sponsoring, wir werben zurückhaltend, wir müssen keine Aktionäre füttern. Mit den 180 Franken pro Versicherten muss ich diesen Betrieb finanzieren.


spn: Fokussieren Sie auf bessere Risiken?

Berlinger: Auf qualitatives Wachstum. Das ist unsere strategische Ausrichtung, die uns der Verwaltungsrat in den letzten fünf Jahren mitgegeben hat. Wir versuchen, diese konsequent durchzuziehen, beispielsweise im Underwriting. Wenn bei Firmen die Solvenz nicht stimmt, zu viele Zahlungen ausstehen oder die Firmenstruktur nicht stimmt, zu viele Invaliditätsfälle produziert wurden, dann zeigen diese Punkte, dass eine Firma nicht gut geführt ist. Solche nehmen wir nicht auf – zum Schutz des Bestands. Wir kündigen auch.


spn: Sind Ausstände bei KMU häufiger als bei Grossfirmen?

Berlinger: Unser Beitragsvolumen beläuft sich jährlich auf 400 Millionen Franken. Davon wälzen wir etwa 10 Millionen als Mahnungen vor uns her. Dieser Wert hat keine Steigerung erfahren.


spn: Es heisst, ein effizientes IT-System sei der wesentlichste Faktor zur Kontrolle der Kosten. Bei der ASGA auch?

Berlinger: Richtig – nicht nur für die Kosten, auch in der Abwicklung des Geschäfts: Ich kenne verschiedene Systeme aus meiner früheren Tätigkeit bei Versicherern (Er lacht.) Bei uns ist die Entwicklung ausgelagert bei einem langjährigen Partner. Wir können ihm Inputs geben, die die Abwicklung vereinfachen. So verstehen wir auch unsere Kompetenz: Wir wollen einfach und flexibel sein. Diese Eigenschaft wird uns von Kunden immer wieder bestätigt. Sie sagen: Bei Euch ist es so einfach. Eure Vorsorgeausweise sind lesbar! Unser Credo ist, die Komplexität hinunterzubrechen. Von der Wissenschaft in die Praxis. Bei uns hat ein Kleinunternehmer nicht viele Formulare. Ich denke, das ist ein Kernfaktor unseres Erfolgs: die Einfachheit. Damit meine ich auch die Sprache. Wir verwenden eine adäquate Sprache im Kontakt mit den Kunden. Der Gipser, der am Abend müde nach Hause kommt und den Ausweis lesen muss – nach ihm müssen wir uns richten.


spn: Wie viel Versicherte kommen bei Ihnen auf einen Sachbearbeiter?

Berlinger: Bei uns sind es rund 3.000.


spn: Ein sehr guter Wert. Wechseln wir das Thema: strukturierte Produkte. Es heisst, dass regulatorische Hindernisse die Pensionskassen daran hindern, mehr direkt in Hedgefonds zu investieren, und sie stattdessen gezwungen sind, auf teure strukturierte Produkte auszuweichen. Ein Problem für die ASGA?

Berlinger: Für uns kein Thema. Wir haben Hedgefonds beurteilt und sind zum Schluss gekommen: Wir investieren nicht in sie.


spn: Stichwort Subprime-Krise. Auch festverzinsliche Papiere sind betroffen. Auch solche der ASGA?

Berlinger: Nein, nur indirekt über Aktien.


spn: Die ASGA gilt als Erfolgsmodell. Warum wurde sie nicht kopiert?

Berlinger: Wahrscheinlich, weil es genügend Alternativen gab. Lange waren wir ja nur dem Gewerbe gegenüber offen. Dann erfolgte Öffnung für alle. Es gibt einige wenige vergleichbare Kassen jüngeren Datums. Doch die erleben dieselben Anfangsschwierigkeiten wie wir bei der Gründung vor 45 Jahren. Es gibt eine ältere, die PKG in Luzern, die wir damals mitgründeten. Vielleicht hätten wir das nicht tun sollen (er lacht), sondern selber machen. Auch sie ist genossenschaftlich organisiert.


spn: Was sollte auf Stufe Regulierung der Beruflichen Vorsorge (BVG) geändert werden?

Berlinger: In der letzten und bislang einzigen Revision (nach 20 Jahren) hat man zu wenig bedacht, was eigentlich das Grundkonzept der Beruflichen Vorsorge ist. Der Bund und die Politik haben überall nur geflickt. Ein Beispiel ist die Begrenzung der Einkaufssumme. Aufgrund eines Einzelfalls (ABB/Barnevik) leidet darunter der kleine Mann. Damals hiess es, dass steuerliche Angelegenheiten übers BVG geregelt sind. Das Steueramt habe nichts mehr zu sagen. – Sie können sich ja vorstellen: Kein Kanton hält sich daran. Überall wird die Steuerbefreiung anders definiert. Sie müssen im Extremfall den Kanton wechseln, damit man Ihnen die einbezahlten Gelder nicht versteuert. Oder in Fällen, wo es einer Klarheit bedurft hätte, sagten Politiker: Wir warten besser, bis das Bundesgericht einen Pilotentscheid fällt. Das gibt eine Verunsicherung. Ein drittes Beispiel: Swissfirst. Das war ein Problem der Banken, nicht aber von Pensionskassen. Dennoch wird auch bei Pensionskassen die Schraube angezogen. Die Regulierungen hindern uns zum Teil an einem fortschrittlichen Schaffen.


spn: Wir lange bleiben Sie Chef der ASGA?

Berlinger: Ich fühle mich noch fit. Solange die Jungen mir sagen: Nicht so schnell, nicht so schnell, renne ich gerne ein bisschen voraus. Ich habe nämlich vor zwei Jahren aufgehört zu rauchen. Jetzt mag ich wieder (rennen).


spn: Vielen Dank für das Gespräch.





Privacy Policy
Terms and Conditions

Mailing address: Financial Times Ltd, Number One Southwark Bridge, London, SE1 9HL, United Kingdom

© The Financial Times Limited 2010