Schweizer Pensions- & Investmentnachrichten
Die Wüste will den Schnee von gestern abschütteln

Dr. Nasser Saidi, DIFC, Chefökonom

Veröffentlicht am:  02. Dezember 2007

Der Westen weiss zuwenig über die Region am Arabischen Golf. Das gilt besonders für institutionelle Investoren. Sie lassen die Golf-Kooperationsstaaten noch gerne links liegen, obwohl diese wachsen wie noch nie und hohe Renditen versprechen. Die Zeit für einen Blick in die Wüste ist reif. Eine kritische Bestandsaufnahme.

London ist stinksauer. Vor kurzem sind den dortigen Investmentbankern stolze 180 Millionen Euro durch die Lappen gegangen. So viel Gebühren wären bei vier Banken hängen geblieben, wenn Qatar, oder besser dessen Staatsfonds Delta Two, Sainsbury übernommen hätte, wie geplant. Auch Zürich grämt sich: Die britische Supermarkt-Kette hatte sich neben Morgan Stanley auch von der UBS beraten lassen, der Staat Qatar von Dresdner Kleinwort und der Credit Suisse. „Diese Entscheidung ging auf Kosten ihrer Reputation“, äussert sich ein beteiligter Banker in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 8. November über die Investoren aus dem Golf-Staat. Künftig werde die Londoner Finanzmeile dem Staatsfonds deshalb skeptischer gegenüberstehen, denn „ein einmal gebranntes Kind scheut das Feuer“, wie die Zeitung Londoner Banker zitiert.


Ein gebranntes Kind scheut das Feuer


Auch Louis Mauser (Name von der Redaktion geändert) ist sauer. Eben hat der Geschäftsmann aus Frankfurt eine E-Mail bekommen: Qatar Airways, eine der am schnellsten wachsenden Airlines der Welt, will seinen Blackberry reparieren. Der funktioniert nicht mehr, seitdem ein Kellner in der Business Lounge der Fluggesellschaft in Doha Wasser darüber geschüttet hatte. Sechs lange Wochen hat sich Qatar Airways Zeit gelassen, den Vorfall zu prüfen. Mauser hat längst einen neuen Blackberry gekauft und nun keine Lust mehr, sich bei Qatar Airways zu melden – der Airline, die sich ihres überragenden Service und ihrer hohen Qualitätsstandards rühmt. Ein einmal gebranntes Kind scheut eben das Feuer.


„Wir müssen im Umgang mit Staatsfonds noch viel lernen“


Solche Erlebnisse wecken Vorurteile, und im Falle der Staatsfonds lassen sie sich von den Protektionisten nahtlos in die anhaltende Debatte einfügen, ob Europas Schlüssel-Industrien vor den mächtigen Fonds geschützt werden müssen. Die kontroversen Diskussionen darüber belegen, wie wenig der Westen von den neuen Mächten weiss; wie Staatsfonds und andere grosse institutionelle Investoren der Region ticken, wie sie Entscheidungen treffen und mit welchen Motiven, das alles ist eine riesige Black Box. Immerhin lautet das Fazit des oben zitierten Investmentbankers: „Wir müssen im Umgang mit Staatsfonds noch viel lernen. Wir dürfen sie nicht so einschätzen wie normale Finanzinvestoren.“


Auch grosse Europäer kokettieren mit ihrer Unkenntnis


Die „Sell Side“ im Allgemeinen und Investmentbanker im Besonderen müssen also noch viel über die Araber vom Golf lernen. Das gilt aber auch für die „Buy Side“, zum Beispiel für institutionelle Finanzinvestoren aus Europa. Bisher zucken auch die ganz grossen Pensionseinrichtungen und Versicherer in der Regel nur mit den Schultern, wenn sie über ihre Investment-Pläne in den Golf-Staaten befragt werden – von Saudi-Arabien und Kuwait über Bahrain und Qatar bis zu den Vereinigten Arabischen Emiraten und Oman, alle vereint im GolfKooperationsrat (englisch: Gulf Cooperation Council oder GCC). „Mit der Region haben wir uns noch nicht beschäftigt“, sagt zum Beispiel Roland van den Brink. Er steuert bei der Treuhänderin Mn Services immerhin 60 Milliarden Euro für holländische Pensionseinrichtungen, den Löwenanteil davon für PME und Metaal en Techniek – nur die Riesenfonds ABP und PGGM sind grösser.

Wenn Investoren Näheres aus der Golf-Region gehört haben, dann am ehesten von den Megaprojekten, die vor allem Dubai gezielt vermarktet: die künstlichen Inseln The Palm Jumeirah und Jebel Ali, The World Dubai (der Nachbau der Erde aus 300 kleinen Inseln) und der Burj Dubai, der das höchste Gebäude der Welt werden soll. Noch ist freilich nichts davon fertig. Baustellen überall – auf dem Land wie auf dem Wasser.


Wo stehen die wahren Hotels California?


Die Abstinenz von der Golf-Region erstaunt umso mehr, als etliche institutionelle Investoren bereits in hochverschuldete und politisch wie ökonomisch krisenanfällige Emerging Markets investieren – wie zum Beispiel in Südamerika. Diese Region ist bekannt, dort fühlt man sich irgendwie sicherer. Gerade diese Märkte muten aber häufig an wie ein grosses „Hotel California“, wie der Londoner Professor Avinash Persaud solche Emerging Markets charakterisiert: Man kann jederzeit auschecken, aber verabschieden kann man sich nicht. Zumindest nicht in Krisenzeiten. Dann wird der Markt schnell illiquide, man bekommt keine Preise mehr gestellt – die Liquidität verschwindet in einem schwarzen Loch.

Was macht also die Emerging Markets Südamerikas so viel attraktiver als die der Golf-Staaten? Diese Frage werden europäische institutionelle Investoren künftig beantworten müssen, zumal die Region wächst wie kaum eine andere. Qatar beispielsweise dürfte Luxemburg demnächst als das Land weltweit mit dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen ablösen. Das Bruttoinlandsprodukt wuchs 2005 um 8,8 und 2006 um 9,3 Prozent. Zudem sind die Staaten am Golf weitgehend schuldenfrei. Auch deshalb bewertet Moody’s seit Mitte dieses Jahres die längerfristigen Staatsanleihen von Bahrain, Kuwait, Oman, Qatar und Saudi-Arabien höher. Höchste Zeit also für Anleger, sich mit der Region intensiver zu beschäftigen.


Zwischen Anspruch und Wirklichkeit


Der oben geschilderte Fall „Mauser gegen Qatar Airways“ wiederum taugt dazu, weitere Skeptiker auf den Plan zu rufen: Sie werden fragen, wie weit die hohen Ansprüche der Golf-Staaten und die Wirklichkeit eigentlich auseinanderklaffen. Und sie werden fragen, ob die GCC-Staaten ihre Wachstumsdynamik durchhalten können oder bald schon die hochgesetzten Hürden reissen und ins Straucheln geraten, trotz der riesigen Summen, die sie für ihre Wachstumsprogramme reserviert haben. Schliesslich machen sich die Golf-Staaten gerade fit für das Zeitalter nach dem Öl und Gas, bauen dafür neue Industrien und Branchen auf und investieren massiv in Infrastruktur. Und dafür brauchen sie Know-how, Menschen und Investoren aus dem Ausland – alles state-of-the-art, versteht sich.


Auf dem Weg zur Wissensgesellschaft wird geklotzt


Das beste Beispiel für solche Ambitionen ist nicht Dubai oder das etablierte Finanzzentrum Bahrain, sondern das unbekanntere Qatar: 150 Milliarden Dollar will der Wüstenstaat mit der Einwohnerzahl Frankfurts und dem zweitgrössten Erdgas-Vorkommen der Erde bis 2011 investieren – in neue Branchen wie Luftfahrt, Finanzdienstleistungen und Gesundheit, aber auch in Bildung: „Wir wollen nachhaltig wachsen und uns über die Jahre in eine Wissensgesellschaft wandeln“, sagt Scheich Hamad bin Jabor bin Jassim Al-Thani, Mitglied der Herrscherfamilie der Al-Thanis und Chef von Qatars Planungsbehörde im Gespräch mit spn.

Mit den Asian Games hat sich Qatar 2006 im Ausland bereits bekannt gemacht und nebenbei die grösste zusammenhängende Sportstätte der Welt gebaut, mitten in der Wüste. Doch das war nur die Generalprobe für etwas noch Grösseres: die Olympischen Spiele und die Paralympics im Jahr 2016. Der Startschuss für die offizielle Bewerbung fiel am 25. Oktober an der Hauptverkehrsstrasse Dohas, der Corniche.

Und nicht nur das: Qatar will mit Macht Dubai und Bahrain als die beiden derzeit führenden Finanzzentren am Golf überholen, mindestens aber ebenbürtig sein. Man sieht sich als die natürliche Brücke zwischen dem Westen und Asien.


„Sträflich vernachlässigt“


„Die Region wird von europäischen Investoren sträflich vernachlässigt“, wundert sich David Heimhofer, ein Schweizer, der seit 13 Jahren in Bahrain arbeitet. Als rühmliche Ausnahme sieht er vor allem die Briten, die natürlicherweise enge Bindungen zu ihren ehemaligen Kolonien Qatar, Kuwait und Oman unterhalten. Vereinzelt zählt Heimhofer, Präsident des Investment-Komitees des Bahrainer Anlageberaters Terranex, aber auch Schweizer als aktive Investoren. Schweizer Pensionskassen brachten ihn auch auf die Idee, ein Zertifikat anzubieten, das in Infrastruktur-Projekte, künstliche Inseln und Börsenkandidaten investiert. Die angepeilte Rendite in Höhe von mindestens 20 Prozent pro Jahr hält er nicht für übertrieben. „Das Wachstum in der Region wird sich aus drei Gründen nicht als Strohfeuer entpuppen: Weil die Herrscher und deren Familien dazugelernt haben, weil sie ungeheuer finanzkräftig sind und weil sie die Macht haben, Entscheidungen schnell zu treffen und ohne grössere Widerstände durchzuziehen“, schwärmt Heimhofer.


Das erste Versäumnis in der Wüste …


Heimhofer mag recht haben. Aber vor 30 Jahren, in den Zeiten des Öl-Booms der 70er und 80er Jahre, galten seine Argumente ebenfalls – mit Ausnahme des Know-hows, das sich die Entscheider seitdem vor allem an britischen und US-Universitäten geholt haben.

Von nachhaltigem Wachstum konnte damals freilich keine Rede sein. Die hohen Einnahmen aus dem Ölgeschäft investierten die Scheichs nicht in Institutionen und Infrastruktur, die die heimischen Volkswirtschaften stimuliert hätten. Im Gegenteil: Die Volkswirtschaften des heutigen Golf-Kooperationsrates waren nicht diversifiziert genug, um das Kapital aufzunehmen. Es wurde nicht investiert, sondern importiert und konsumiert, und das Geld wanderte wieder dahin, wo es herkam. Die Regierungen bauten ihre Bürokratien auf, subventionierten unrentable Projekte und zimmerten sich Wohlfahrtsstaaten moderner westlicher Prägung. Die Folge: In den 80ern und 90ern wuchsen die Ökonomien nicht, und die Pro-Kopf-Einkommen stagnierten. Deshalb entwickelte sich mit Ausnahme Bahrains auch kein Finanzzentrum.


… soll der Schnee von gestern sein


Doch das soll Schnee von gestern sein: „Wer an der Dynamik in der Region zweifelt, der versteht nicht, dass sich die Fundamentaldaten strukturell verändert haben.“ Das sagt Dr. Nasser Saidi, Chefökonom des Dubai International Financial Centres (DIFC) im Interview mit spn. Doris Leuthard beispielsweise scheint daran nicht zu zweifeln: Erst jüngst besuchte die Bundesrätin, die seit August 2006 dem Eidgenössischen Volkswirtschaftsdepartement vorsteht, das DIFC, anlässlich der Eröffnung der Middle-East-Niederlassung der Genfer Privatbank Mirabaud.

Saidi ist selbst ein gutes Beispiel dafür, dass es die Scheichs ernst meinen: Mitte 2006 holte man den ehemaligen Wirtschafts- und Industrieminister des Libanons und Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Chicago zum DIFC – eine von 27 Freihandelszonen in den Vereinigten Arabischen Emiraten, mit eigenen Gesetzen und eigener Rechtsprechung. Der erfahrene Saidi soll neue, tiefe und liquide Finanzmärkte aufbauen. Dazu braucht es die Infrastruktur, die Märkte und die Spieler. Die Golf-Staaten haben verstanden, wie wichtig die Finanzmärkte sein werden, um den eigenen Reichtum kontrollieren und verwalten zu können und um den Umbau der Volkswirtschaften voranzutreiben, damit das grosse Ziel des nachhaltigen Wachstums erreicht werden kann.


Der Staat baut vor, und die Privaten sollen nachziehen


Die Finanzmärkte werden ab 2012 besonders wichtig. Dann sollen nach den Planungen der Scheichs der private Sektor die wirtschaftliche Lokomotiv-Funktion übernehmen und die staatlichen Investitionsprogramme langsam auslaufen. Dazu muss das Grundgerüst stehen, vor allem die Infrastruktur, also die Strassen und Flug- und Schiffshäfen. Alle laufenden Projekte in den GCC-Staaten summieren sich auf 1,2 Billionen Dollar. „Bereits jetzt erlebt die Region ein Wachstum, das viel mehr von Investitionen in der Region denn vom Öl gespeist wird. Dieser Trend wird noch zunehmen, und die Rendite für Investitionen im Privatsektor wird steigen“, hofft Saidi.

Daran glauben offensichtlich auch die Ausländer, die 2006 laut DIFC immerhin 16 Milliarden Dollar alleine in den Vereinigten Arabischen Emiraten investiert haben – also in den sieben Emiraten Abu Dhabi, Dubai, Sharjah, Ras al-Khaimah, Fujairah, Umm al-Qaiwain und Ajman. Zum Vergleich: Die ausländischen Direktinvestitionen addierten sich für China auf 70 Milliarden. Pro Einwohner gerechnet haben die Emirate damit die Nase um Längen vorne: China hat 1,35 Milliarden Einwohner, die Emirate zählen 5,5 Millionen. Solche Vergleiche sind Wasser auf Saidis Mühlen, belegen sie doch, wie attraktiv es jetzt schon ist, in den Golf-Staaten zu investieren.

Die offenkundige Attraktivität hat freilich auch ihren Preis: Das ungebremste Wachstum kann gehörig nach hinten losgehen, wenn es an den Menschen vorbeigeht. Wie hoch dieser Preis sein könnte, darüber wird offiziell nicht so gerne spekuliert und schon gar nicht geredet. Ziemlich schnell erfährt man bei der Recherche vor Ort jedoch von einem gewissen Unmut der oftmals arbeitslosen Alteingesessenen, denen vieles derzeit zu schnell geht – auch wenn sie keine Steuern bezahlen, die medizinische Grundversorgung kostenlos ist und die Herrscher und deren Familien noch Rückhalt in weiten Teilen der Bevölkerung haben.

Nicht ohne Sorgen dürften Investoren außerdem auf Saudi-Arabien schauen, das Land mit der grössten Börse und Marktkapitalisierung der Region: Dort kann mindestens ein Fünftel der Bevölkerung weder lesen noch schreiben. Eine hohe Analphabetenrate ist ein fruchtbarer Nährboden für soziale Konflikte.

Für sozialen Sprengstoff könnten auch diejenigen sorgen, die die Wolkenkratzer hochziehen und die künstlichen Inseln aufhäufen, also im wahrsten Sinne des Wortes die Drecksarbeit verrichten. Man sieht sie zu Tausenden am Strassenrand sitzen, die Arbeiter aus Pakistan, Bangladesch, Indien und einigen asiatischen Ländern. Dort warten sie auf die grossen, verstaubten Busse, die sie abends in ihre Sammelunterkünfte fahren und sie am nächsten Morgen wieder abholen. Über ihre Löhne schweigen sich die Verantwortlichen aus – noch läuft alles wie geplant.


Ohne Ausländer geht gar nichts


Ein weiteres, schon fast traditionelles Manko ist die geringe Innovationsfähigkeit in der Region, wie der Arab World Competitiveness Report des World Economic Forums belegt. Die Golf-Staaten sind also dringend auf Ausländer angewiesen. Noch gelingt es, etablierte Kräfte wie etwa den 55-jährigen Stuart Pearce für sich zu gewinnen. Pearce war zuletzt Chef von HSBC Investments in London. Heute zieht er als CEO die Fäden beim jüngsten Finanzplatz-Projekt der Region: dem Qatar Financial Centre, das erst 2005 ins Leben gerufen wurde. Dort spielt er seine Kontakte zu den etablierten Finanzzentren, allen voran London aus. Bisher mit Erfolg: Neben schweizerischen Adressen wie der Credit Suisse und Union Bancaire Privée sind mittlerweile so bekannte Namen wie Deutsche Bank, Goldman Sachs, Morgan Stanley und Barclays lizenziert und können damit Geschäfte in Qatar machen.

Auch junge, hervorragend ausgebildete Kräfte – das versichern auch kritische Gesprächspartner in der Region – ziehen gerne zu und lassen sich von der Euphorie anstecken. Sollte jedoch einer der umliegenden Krisenherde im Nahen Osten zu heiß werden oder sich der Konflikt des Westens mit dem Iran spürbar verschärfen, wird der Nachschub versiegen. Die gewünschte nachhaltige Entwicklung wird in diesem Fall kein Selbstläufer mehr sein, denn dafür fehlt dann die wichtigste Ressource: ausländisches Humankapital. Daran wird auch ein Ölpreis jenseits von 100 Dollar nichts mehr ändern können.



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