Schweizer Pensions- & Investmentnachrichten
Der Demografie die Stirn zeigen
Veröffentlicht am:  21. Juni 2007

Der demografische Wandel hat die entwickelten Volkswirtschaften fest im Griff. Die Ausgaben für die Altersvorsorge, die Gesundheitssysteme und die Langzeitpflege steigen rasant. Gefordert sind deswegen flexible Konzepte, Eigenverantwortung sowie rasches Handeln. Doch der demografische Wandel bietet auch Chancen.


Fragen: Michael Lennert
Antworten: Dr. Amlan Roy, Credit Suisse Investment Banking London,
Head of Global Demographics and Pensions Research

spn: Herr Dr. Roy, Sie stellen die These auf, dass der demografische Wandel nicht ausschliesslich langfristigen, sondern insbesondere auch sofortigen, kurzfristigen und mittelfristigen Einfluss auf volkswirtschaftliche Kennziffern sowie die Bewertung jeglicher Vermögenswerte hat. Wie begründen Sie das?

Roy: Richtig, dazu ist es von entscheidender Bedeutung, makroökonomische Zusammenhänge zu hinterfragen. Denn beispielsweise kann das Geschehen an den Aktienmärkten nicht nachvollzogen werden, wenn das Wachstum des Bruttoinlandsproduktes eines Landes nicht verstanden wird. Und hierbei lautet unsere These folgendermassen: Insbesondere der demografische Wandel hat essenziellen Einfluss auf die Entwicklung des Bruttoinlandsproduktes. Und dabei ist es unabhängig, ob es sich um das Bruttoinlandsprodukt der Schweiz, das von Deutschland, den Vereinigten Staaten oder das von Frankreich handelt.

spn: Aber der demografische Wandel stellt lediglich einen Einflussfaktor für das Wachstum eines Bruttoinlandsproduktes dar.

Roy: Sicherlich, volkswirtschaftlich gesprochen setzt sich das Bruttoinlandsprodukt eines Landes aus den Konsum-, Investitions- und Staatsausgaben sowie den Netto-Importen zusammen, wobei beispielsweise die Konsumausgaben den grössten Anteil der Bruttoinlandsprodukte der G-10-Staaten ausmachen. Doch hier wiederum sind wir bei einem entscheidenden Punkt. Beispielsweise haben sich in den vergangenen fünf bis zehn Jahren Institutionen wie die Europäische Zentralbank oder die Bank of England hauptsächlich für die Konsumausgaben als Ganzes interessiert. Nicht hinterfragt wurden jedoch Determinanten wie Alter, Herkunft, Erziehung, Sozialisation oder Risikopräferenz sowie deren Auswirkungen auf das Konsumverhalten. Doch gerade dies sind wichtige demografische Determinanten. Das war ein Versäumnis; diese Sichtweise ändert sich jedoch gerade langsam, da zunehmend erkannt wird, dass diese Faktoren einen entscheidenden Einfluss auf die Analyse der Zusammensetzung der Konsumausgaben haben.

spn: Welche gewichtigen Entwicklungen und wesentlichen Herausforderungen haben Sie bei der Analyse des demografischen Wandels identifiziert?

Roy: Der demografische Wandel hat zentralen Einfluss auf die Fiskalpolitik, die Altersvorsorge- und die Gesundheitssysteme eines Landes (vergleiche dazu auch: „Why Demographics Matters? And How?; Credit Suisse Demographics Research; 18. Juli 2006), gleichzeitig sind aber auch beispielsweise die Versicherer davon betroffen.

Um noch detaillierter zu werden: Die Herausforderungen durch den demografischen Wandel sind gewaltig, denn zum einen wird die Bevölkerung der EU-25-Staaten bis zum Jahre 2050 schrumpfen, zum anderen wird diese signifikant älter werden.

Diese Entwicklungen haben einen zentralen Einfluss auf das potenzielle Wachstum der Bruttoinlandsprodukte der einzelnen Länder, denn nach unseren Schätzungen wird dadurch das durchschnittliche Wachstum der EU-15-Staaten von 2,2 Prozent für den Zeitraum von 2004 bis 2010 über 1,8 Prozent von 2011 bis 2030 auf nur noch 1,3 Prozent für die Jahre 2031 bis 2050 sinken.

Erstens mit der Folge, dass dann lediglich die Arbeitsproduktivität in den jeweiligen Ländern der einzig treibende Wachstumsfaktor sein wird. Das Problem hierbei: Die Arbeitsproduktivität ist nur in einem europäischen Land marginal gestiegen, und zwar in Deutschland.

Zeitens damit, dass die Ausgaben für die Altersvorsorge, für das Gesundheitswesen und die Langzeitpflege drastisch steigen werden – beispielsweise wachsen die staatlichen Ausgaben für das Gesundheitswesen in den Vereinigten Staaten derzeit bereits 2,3 mal so schnell wie das Bruttoinlandsprodukt. In Deutschland beträgt dieser Faktor 2 und in Japan 1,4.

spn: Mit welchen Ausgabensteigerungsraten rechnen Sie für die nächsten Jahre?

Roy: Die EU-15-Länder geben derzeit durchschnittlich rund 10,6 Prozent ihres Bruttoinlandsproduktes für die Altersvorsorge, an die 6,4 Prozent für das Gesundheitswesen und 0,9 Prozent für die Langzeitpflege aus. Wir rechnen damit, dass die durchschnittlichen voraussichtlichen Ausgaben für die Altersvorsorge bis zum Jahre 2030 um 1,3 Prozent (2,2 Prozent bis 2050), für das Gesundheitswesen um 1 Prozent (1,6 Prozent für 2050) und für die Langzeitpflege um 0,2 Prozent (0,6 Prozent bis 2050) steigen werden.

spn: Eine Entwicklung, bei der sich die Frage nach der zukünftigen Finanzierbarkeit aufdrängt.

Roy: Eine derartige Entwicklung kann nur finanziert werden, indem etwa die Steuern eines Landes massiv angehoben werden. Ob dies jedoch sinnvoll ist, darf stark bezweifelt werden. Deswegen plädieren wir dafür, beispielsweise bisher vereinbarte Leistungen nachhaltig neu zu verhandeln, die vorhandenen Systeme effizienter zu gestalten, sprich auch Einsparungen vorzunehmen, aber auch länger und vor allem flexibler zu arbeiten sowie unproduktive Prozesse outzusourcen.

spn: Sie sagen, die Bevölkerung soll länger arbeiten. Bis zu welchem Alter, denken Sie denn, sollte gearbeitet werden?

Roy: Diese Frage kann pauschal nicht beantwortet werden, da vor allem flexible Lösungen gefragt sind (vergleiche dazu auch: „New Jobs, New People – The Demographic Manifesto“; Credit Suisse Research 2000). Generell sollte das Erwerbsalter an die Lebenserwartung und die Art der Tätigkeit – beispielsweise hat ein Minenarbeiter eine geringere Lebenserwartung als ein Banker – gekoppelt sein. Gleichzeitig bin ich zudem der Meinung, dass staatliche Leistungen mit zunehmendem Alter abgebaut werden sollten, sprich ein 90-Jähriger sollte weniger staatliche Transferleistungen als ein 80-Jähriger erhalten, da diese Leistungen ausnahmslos vom Staat finanziert werden. Dazu ist jedoch notwendig, die Altersversorgungssysteme auf mehrere Säulen zu stellen: eine private, eine staatliche und eine unternehmensbasierte. Zudem sollte es möglich sein, Versicherungslösungen zu nutzen.

spn: Wie sieht für Sie die optimale Finanzierung eines Gesundheitssystems aus?

Roy: Auch hier gilt: Es sollte ein Finanzierungsmix zwischen der öffentlichen Hand und den Privaten sein, wobei der Trend eindeutig dahin gehen muss, dass die Privaten, und hier insbesondere die Vermögenden, einen zunehmend stärkeren Finanzierungspart übernehmen müssen. In den USA beispielsweise ist dies schon der Fall, nicht jedoch in Europa. Meine These lautet: Der Staat sollte sich insbesondere um die 20 Prozent der Ärmsten und um die 20 Prozent der Ältesten eines Landes kümmern, der Rest sollte schwerpunktmässig privatwirtschaftlich organisiert und finanziert werden.

spn: Welches sind für Sie weitere Implikationen, die der demografische Wandel mit sich bringt?

Roy: Nehmen Sie beispielsweise die Rolle der Frauen. Leider ist es immer noch so, dass Frauen in Ländern wie Italien, Deutschland, Japan, aber auch der Schweiz schlechtere berufliche Aufstiegschancen geboten werden als ihren männlichen Pendants. Beispielsweise bekommen in Deutschland von arbeitsfähigen 100 Männern 68 Männer einen Job angeboten, bei den Frauen hingegen liegt diese Rate knapp unter 50. In Italien ist dieser Unterschied noch gravierender. Hier wird beispielsweise 62 von 100 arbeitsfähigen Männern ein Job angeboten, jedoch lediglich 35 von 100 arbeitsfähigen Frauen. Und das nicht, weil die Frauen schlechter ausgebildet sind oder Ähnliches. Im Gegenteil, sie sind oft fleissiger und zielstrebiger, zudem sind sie mobiler. Hier wird eindeutig Humankapital und Potenzial nicht genutzt.

Das Gleiche gilt für die Vereinbarkeit von Arbeit, Familie und Kindern. Auch hier sind flexible, individuelle Lösungen gefordert, insbesondere auch finanzielle Anreize durch den Staat. Ziel: Die Tendenz der rückläufigen Geburtenraten in Europa sollte wenigstens abgemildert, am besten natürlich gestoppt und umgedreht werden. Gleichzeitig sollte man hierbei nicht glauben, dass dieses Problem durch Migration gelöst werden kann, denn die Netto-Migration der EU-25 Länder wird bis zum Jahre 2050 lediglich bei 0,2 Prozent liegen. Interessant ist zudem zu analysieren, wie viel Prozent der Zuwanderer die Staatsbürgerschaft des Landes annehmen. In der Schweiz beispielsweise liegt dieser Anteil, ebenso wie in Deutschland und Italien, lediglich bei drei Prozent, in den USA und Frankreich liegt er bei sechs, in den Niederlanden gar bei sieben Prozent.

spn: Gibt es denn auch Gewinner des demografischen Wandels?

Roy: Sicherlich, zu den Gewinnern des demografischen Wandels gehört insbesondere gerade die Altersgruppe der 65- bis 74-Jährigen – vor allem aus finanzieller Sicht. Sie profitierten am meisten von den rasanten Kursgewinnen an den Aktien-, Renten- und Immobilienmärkten in den 80er und 90er Jahren. Doch nicht nur das. Es war auch die Zeit der höchsten volkswirtschaftlichen Wachstumsraten. Deswegen sollte das Wealth Management auch speziell die Bedürfnisse dieser Zielgruppe adressieren und bedienen. Zu nennen sind hier insbesondere individuell zugeschnittene Versicherungs- und Altersvorsorgeprodukte, aber auch Branchen, die vom demografischen Wandel profitieren wie beispielsweise die Tourismusbranche, der Pharma-, Biotechnologie, und der Immobiliensektor (vergleiche dazu auch: „Global Demographic Change and Sector Implications“; Credit Suisse Demographics Research; 8. Mai 2007) – und hier speziell Immobilien, die für den ruhigen und angenehmen Alterswohnsitz bestimmt sind. Nichtsdestotrotz, wenn sich die Gesellschaft als Ganzes, aber auch jeder Einzelne für sich dem demografischen Wandel stellt, wird der grösste Teil der Gesellschaft hierbei als Gewinner hervorgehen.




Der Mann hat etwas zu sagen, und er tut es auch: als gefragter Gastredner auf Konferenzen und an Universitäten, beispielsweise an der London School of Economics, an der Boston University, der University of Iowa – die Liste lässt sich beliebig fortsetzen: Dr. Amlan Roy, seit 1998 bei der Credit Suisse in London insbesondere für Fragen des demografischen Wandels zuständig. Das Rüstzeug hierfür erarbeitete sich Roy unter anderem als Senior Research Fellow bei der London School of Economics, Financial Markets Group und im UBS Pensions Research Centre. Doch auch für Roy gibt es ein Leben neben der Demografie. Entspannen kann sich der Vater von zwei Töchtern insbesondere beim Langstreckenlauf, bei Filmen und im Theater.
ML



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