Schweizer Pensions- & Investmentnachrichten
Mit Sicherheit in die Zukunft

Dr. Thomas Hohl, Migros Pensionskasse, Geschäftsleiter

Veröffentlicht am:  21. Juni 2007

Von Michael Lennert

Es geht ihr gut, der Migros Pensionskasse – eine Leistungsprimatskasse, die per Ende des vergangenen Jahres etwas mehr als 81.000 Personen versicherte, davon knapp 25.500 Rentner. Dazu einige Beispiele: Die Migros Pensionskasse erwirtschaftete im vergangenen Jahr eine Rendite von 5,9 Prozent, im Jahr davor waren es sogar 10,7 Prozent. Dieser Ertragsüberschuss wurde vollumfänglich zur Verstärkung der Vorsorgerückstellungen verwendet. Mit dem Ergebnis, dass die Wertschwankungsreserven per Bilanzstichtag rund 2,2 Milliarden Schweizer Franken betrugen und das Gesamtvermögen auf 16,5 Milliarden Schweizer Franken anstieg. Hiervon werden an die 7,2 Milliarden in Nominalwert-Anlagen, primär Obligationen, und 5,5 Milliarden beziehungsweise 3,8 Milliarden Schweizer Franken in Aktien und Immobilienanlagen investiert. Einer der Haupt-Performance-Treiber im vergangenen Jahr waren dabei die Aktienanlagen, da diese eine Performance von 20 Prozent – Aktien Schweiz – beziehungsweise 13,7 Prozent – Aktien Ausland – erzielten. Dabei reduzierte sich der Deckungsgrad, der das Verhältnis des Vermögens zur Summe der Verbindlichkeiten ausdrückt, leicht um 1,7 Prozent auf 115,9 Prozent. Unter Ausklammerung einer ausserordentlichen Rückstellungsbildung hätte sich ein Deckungsgrad von 120,1 Prozent ergeben.

Auf der Agenda: steter Aufbau der Wertschwankungsreserven

Gleichwohl, es gibt immer etwas zu tun, auch bei der Migros Pensionskasse, oder anders ausgedrückt: Die Agenda ist weiter prall gefüllt. Denn zum einen gilt es, kontinuierlich administrative Anpassungen vorzunehmen: Beispielsweise tritt am Anfang des nächsten Jahres eine Vorsorge-Reglements-Revision in Kraft, hauptsächlich bedingt durch die neue BVG-Revision; zu nennen sind hier etwa die Heraufsetzung des möglichen vorzeitigen Rücktrittsalters von 55 auf 58, aber auch die Auswirkungen des neuen Partnerschaftsgesetzes; gleichzeitig wird gerade eine neue Immobilienverwaltungssoftware eingeführt und: „Wir sind nach wie vor dabei, unsere Wertschwankungsreserven weiter aufzubauen. Das ist zwar momentan kein Sorgenkind, aber eine stete Aufgabe“, sagt Dr. Thomas Hohl, Geschäftsleiter der Migros Pensionskasse, und verweist auf die Lehren der Jahre 2001 bis 2003 und den Fakt, dass man diese schnell vergisst, insbesondere wenn die Börsen gut laufen. Nicht jedoch bei seiner Pensionskasse, bei der die Sicherheit der Zukunft ein hohes Gut ist.

Individuelle Gegebenheiten beachten

Wie hoch eine optimale Wertschwankungsreserve sein sollte, steht natürlich auf einem anderen Blatt und hängt von den individuellen Gegebenheiten der Kasse ab. Sprich eine Kasse, die vornehmlich sehr junge Versicherte und wenig Altersrentner hat, hat andere Möglichkeiten als eine „bald reife Kasse, wie wir es sind, und bei der das Deckungskapital Aktiv und Passiv ungefähr gleich ist“, sagt Hohl und verweist darauf, dass dies überhaupt kein Problem sei, lediglich eine Feststellung. „Deswegen sollten wir 17 Prozent Wertschwankungsreserven haben“, erklärt er weiter und analysiert dabei die Implikationen von verschieden hohen Deckungsgraden: Denn natürlich sei es für eine Pensionskasse vernünftig, wenn diese einen Deckungsgrad von über 100 ausweist, noch besser wäre natürlich ein Deckungsgrad von über 120. Ob ein Deckungsgrad von über 130 hingegen noch sinnvoll, aber auch vor allem notwendig ist, darüber lasse sich laut Hohl trefflich streiten, denn sicher ist dabei nur eins: Irgendwann wollen die beteiligten Player, so beispielsweise die Altersrentner, indem sie einen vollen Inflationsausgleich auf ihre Renten fordern, aber auch die Aktiven und die Arbeitgeber ein Stück vom über zu verteilenden Kuchen abhaben, und das könne, da die Aufsichtsbehörden ja verlangen, dass man alle teilhabenden Parteien gleich bedienen muss, die Führungsgremien einer Pensionskasse doch in eine gewisse Verteilungsbedrängnis bringen.

Überhaupt kein Problem: ein technischer Zinssatz von 3,5 Prozent

Ausgiebig diskutiert werden kann zudem stets über eine angemessene und sinnvolle Höhe des technischen Zinses. Dieser liegt bei der Migros Pensionskasse im Moment bei vier Prozent. Speziell vor dem Hintergrund, dass bei den Schweizer Pensionskassen, insbesondere den grossen, die Tendenz besteht, diesen systematisch zu senken. Interessant ist, dass es für Hohl gerade hier regional unterschiedliche Strömungen gibt. „Beispielsweise können Westschweizer es überhaupt nicht verstehen, dass man einen geringeren Zinssatz als vier Prozent ansetzt, da es sich für diese hierbei um eine Langfrist-Betrachtung handelt“, erklärt er.

Doch dessen ungeachtet, auch hier steht bei der Migros Pensionskasse das Rad nicht still, denn beschlossene Sache ist Folgendes: Es besteht die Möglichkeit einer Senkung des technischen Zinses auf 3,5 Prozent, zu dem Zeitpunkt, zu welchem die Pensionskasse einen allfälligen Primatwechsel hin zum Beitragsprimat vornehmen wird, und zwar am Anfang des nächsten Jahrzehntes. Man warte beispielsweise nur noch auf die gesetzliche Fixierung und Neufestlegung des AHV-Rücktrittsalters der Frauen von 64 auf 65. „Die geplante Senkung des Mindestzinses wurde nicht überall verstanden, gleichwohl erhöht dies langfristig die Sicherheit der Kasse, da diese nicht mehr so viel Rendite am Markt erzielen muss“, erklärt der Geschäftsleiter, denn: Die Gefahr, aufgrund ungenügender Rendite Defizite zu erwirtschaften, werde damit kleiner beziehungsweise die Chance, freie Mittel zu erwirtschaften, grösser.

Und Hohl wäre nicht Hohl, wenn er nicht bereits jetzt alles daransetzen würde, Unsicherheiten von seiner Pensionskasse fernzuhalten. So hat die Migros Pensionskasse in den vergangenen zwei Jahren systematisch eine Bewertungsreserve, von zunächst 4 Prozent auf 3,75 Prozent und letztlich 3,5 Prozent aufgebaut –, dies entspricht einem Betrag von rund einer Milliarde Schweizer Franken – um die geplante Senkung zu finanzieren. „Wir könnten also von einem Tag auf den anderen jetzt schon den technischen Zinssatz von 4 auf 3,5 Prozent senken. Die Reserven sind da. Das kann man natürlich nicht in schlechten Jahren machen, sondern nur in guten“, erklärt Hohl dazu und legt dar, dass bei der Migros Pensionskasse per Ende 2006 ein technischer Zinssatz von 3,5 Prozent einem Deckungsgrad von 115,9 entspricht, einer von 3 Prozent exakt 120,1 und ein technischer Zinssatz von 4 Prozent einem Deckungsgrad von 124,3 gleichkommt.

Wohin mit dem ganzen Geld?

Doch auch ein Geschäftsleiter hat sein Päckchen zu tragen. „Neuanlagen in Obligationen sind seit geraumer Zeit kaum möglich“, klagt Hohl, der Zinssatz sei einfach zu tief, und rechnet er vor, dass die Pensionskasse eine Zielrendite von mindestens 4,7 Prozent erwirtschaften muss. Diese Zahl setzt sich zusammen aus der Verwendung eines technischen Zinssatzes von vier Prozent und dem Bestreben, dem Altersrentner die Teuerung anzupassen, beziehungsweise dem Arbeitgeber, der zwei Drittel der Gesamtbeiträge aufbringt, eine Beitragserleichterung gewähren zu können. „Deswegen brauchen wir die 0,7 Prozent zusätzlich“, erläutert er. Das sei mit ihren Schweizer Obligationen, bei denen der effektive Obligationenzinssatz gegenwärtig für Neuanlagen über 3,0 Prozent liegt, jedoch schlichtweg unmöglich.

Indexnah und passiv

Gleichwohl, Not macht erfinderisch, oder anders ausgedrückt: Das notwendige Alpha muss eben woanders herkommen. Doch woher? „Wir schauen uns alles an, was wir können. Wenn wir jedoch beispielsweise Strategien wie Portable Alpha hören, dann gratulieren wir, wenn die Portfolio Manager es schaffen, zwei Jahre hintereinander ein zusätzliches Alpha zu erwirtschaften. Ob sie es jedoch drei Jahre hintereinander schaffen, daran glauben wir schon nicht mehr. Nur die Kosten sind immer sehr hoch. So etwas interessiert uns nicht“, erklärt der Pensionskassen-Verantwortliche seine Anlage-Philosophie und verweist darauf, dass die Migros Pensionskasse ein indexnaher passiver Anleger ist, bei dem die Risikofähigkeit grösser ist als die Risikobereitschaft und bei der die internen Portfoliomanager gleichwohl Länder oder Branchen – natürlich innerhalb vorgegebener interner Restriktionen – über- und untergewichten dürfen. Hierbei werden alle grossen Anlagen intern gemanagt.

Eine Strategie, die dazu führe, dass sich die Pensionskasse im Performance-Vergleich zu ihren Mitstreitern in einem guten Börsenumfeld im Mittelfeld wiederfindet – auch insbesondere vor dem Hintergrund, dass der Aktienanteil vergleichsweise zu den anderen Pensionskassen geringer ist – und in einem schlechten Umfeld im oberen Drittel. „Sicherlich vergleichen wir uns informell mit anderen grossen Kassen, auch speziell mit denen von Grossbanken, die das ganze Know-how ja im Hause haben. Dessen ungeachtet kann ich stets nur eines betonen: Wir sind immer bei den Leuten, jedoch bei viel geringeren Kosten“, resümiert Pensionskassen-Leiter Thomas Hohl.

Starkes Gewicht auf Immobilien

Bei den einzelnen Asset-Klassen ist die Migros Pensionskasse traditionell stark mit Immobilien verwurzelt. Früher beispielsweise wurden über 70 Prozent des Vermögens in Immobilien investiert. Der Anteil wurde zwar mittlerweile auf 23 Prozent der Asset Allocation reduziert, soll jedoch wieder auf 26 Prozent erhöht werden. So auf jeden Fall sieht es die strategische Asset Allocation vor. Ein nicht immer leichtes Unterfangen, denn in Zahlen ausgedrückt muss die Pensionskasse jedes Jahr über 200 Millionen Schweizer Franken in Immobilien platzieren. „Es ist schwierig, diese Beträge zu investieren, denn sie müssen nachhaltig rentieren. Der Immobilienmarkt ist zwar noch intakt, wir sind jedoch nicht gewillt jeden Preis zu zahlen“, sagt Hohl hierzu und verweist zudem darauf, dass sich andere sehr liquide Player am Markt billig fremdrefinanzieren und sie somit höhere Risiken eingehen können. Eine Möglichkeit, die der Pensionskasse verwehrt ist. Gleichwohl zeigt er sich insgesamt zufrieden, lediglich bei den Gewerbeliegenschaften sei es sehr mühsam, hier müsse man bei Neuvermietungen Einbussen in Kauf nehmen; ein Umstand, warum die Pensionskasse Gewerbeliegenschaften auch untergewichtet hat.

Alles in allem sieht Hohl zudem bei Immobilien eine Tendenz zu indirekten Anlagen, eine Entwicklung, die die Pensionskassen-Verantwortlichen auch dazu veranlasste, in die neuen strategischen Anlagerichtlinien zu schreiben, dass nunmehr vier Prozent des Vermögens in indirekte Anlagen im Ausland fliessen soll. Damit hätte man gerade begonnen. In der Schweiz hingegen ist es kassenintern nur erlaubt, in indirekte Anlagen zu investieren, wenn keine direkten Investitionen infrage kommen, da habe man jedoch noch nichts indirekt platziert. Generell gilt zudem: Investitionen in Immobilienaktiengesellschaften sind tabu, da man keine Korrelationen mit Aktien erreichen will, sondern auf eine stetige Normalrendite und Diversifikationseffekte, und nicht eine kurzfristige Top-Rendite, aus ist.

Durchaus offen, aber mit Bedacht

Ein Ansatz, der sich auch in der Asset Allocation widerspiegelt, denn diese ist mit 40 Prozent Nominalwert-Anlagen und 60 Prozent Sachwert-Anlagen eher stabil und konservativ ausgerichtet; ein Szenario, das eigentlich auch gut als Inflationsschutz dienen könnte. Gleichwohl glaubt die Pensionskasse auch an die Chancen von Aktien, denn diese sind derzeit übergewichtet, beispielsweise werden in Aktien Schweiz 12,3 Prozent des Vermögens investiert, die Strategievorgabe liegt hier bei 10 Prozent, und in Aktien Ausland 17,2 Prozent, hier wiederum liegt der Strategiewert bei 16 Prozent.

Alternative Anlagen wie Hedgefonds, Private Equity und Commodities werden gerade mit zwei externen Partnern, der UBS und der Avadis Anlagestiftung, aufgebaut; angestrebt ist ein strategischer Anteil von vier Prozent. Doch auch hier gilt: Es wird nicht nach der ganz hohen Rendite gesucht, sondern die Diversifikation steht im Vordergrund. Allerdings, schlecht rentieren sollen sich diese Anlagen natürlich auch nicht, sonst ist die Unzufriedenheit, wie im Moment gross: „Unsere Erfahrungen mit alternativen Anlagen sind durchzogen, leider wurden die Renditevorstellungen im Durchschnitt in der Vergangenheit nicht erreicht“, zeigt sich der Geschäftsleiter enttäuscht.

Stringent und nicht Knall auf Fall

Und noch etwas zur methodischen Vorgehensweise: Die Migros Pensionskasse erstellt alle vier Jahre eine strategische Asset Allocation sowie eine Asset-Liability-Studie, früher zusammen mit KPMG, heute heisst der Partner hierfür Ecofin. Die taktischen Bandbreiten werden intern selbst definiert. „Hierbei ist unsere Philosophie ganz einfach. Wir wissen zwar, was wir wollen, gleichwohl suchen wir eine Bestätigung von Fachleuten, dass wir auf dem richtigen Weg sind“, sagt Hohl und erläutert gleichzeitig das grundsätzliche Vorgehen der internen Anlagekommission, die sich drei bis viermal im Jahr trifft. Diese halte sich relativ starr an die einmal gefundene Strategie und führe beispielsweise taktische Anpassungen immer stufenweise und nie Knall auf Fall aus, denn der Gedanke dahinter lautet: „Die Führung der Migros Pensionskasse ist kein Kurzfrist-, sondern ein Langfrist-Job.“ Unterstützt wird die Pensionskasse dabei von der UBS, die den jährlichen Risiko-Check-up für die Wertschriften durchführt, Complementa berechnet monatlich Abweichungen zur Strategie sowie zur Benchmark und bewertet die Abweichungen, den Deckungsgrad und die Rendite regelmässig. Zudem gibt es interne Anlagevorschriften und strenge Qualitätsanforderungen an die Anlageprodukte. Des Weiteren verfolgt die Pensionskasse intensiv die Hauptversammlungen Schweizer Unternehmen – rund 50, – in denen sie investiert ist. Dazu gebe es klare interne Verhaltensanweisungen, mehr wollte der Geschäftsleiter jedoch nicht sagen, lediglich dass die Pensionskasse zwar eine Stiftung ist, die Arbeitgeberseite jedoch genossenschaftlichen Hintergrund kenne.

Pensionskasse begrüsst Vorschläge zu neuem BVG

Auskunftsfreudiger zeigt sich Hohl, der gleichzeitig einer von zwei Vizepräsidenten des Asip ist, über die kürzlich vorgestellten Vorschläge des Asip für ein neues BVG. Ein dabei verfolgter Gedanke: Aufzuzeigen, dass es auch möglich ist, und zwar losgelöst von der Politik, und ausschliesslich mit Hilfe der Pensionskassen-Experten, Grössen wie den Mindestzins und den Umwandlungssatz individuell auf Pensionskassen-Ebene festzulegen. Ein weiterer Gedanke: Der Versuch, das 1985 in Kraft getretene und mittlerweile mit etlichen Verordnungen zunehmend komplizierter gewordene Gesetz zu entrümpeln und es auf rund 50 Artikel zu reduzieren.

Es lebe die Eigenverantwortung

Das ausgegebenes Ziel ist die Eigenverantwortung der Kassen zu steigern. „Sicherlich braucht es wie ursprünglich vorgesehen ein Rahmengesetz, bei dem Minimalvorschriften vorhanden sind, wie: Wer muss versichert werden? Wer muss die Person versichern? Und wie sind die Leistungsanforderungen an die Kassen zu definieren? Das Ziel eines Gesetzes sollte es jedoch immer sein, eigenverantwortliches Handeln zu fördern und nicht zu beschneiden“, sagt der Chef der Migros Pensionskasse, der sich gleichzeitig auch bewusst ist, dass die Vorschläge nie eins zu eins übernommen werden. Gleichwohl solle der Vorschlag als Orientierung dazu dienen, aufzuzeigen, wie man es machen könnte.

Ein ähnlich wünschenswertes eigenverantwortliches Verhalten gelte für ihn auch bei den Anlagevorschriften. „Uns stören die Anlagerichtlinien zwar nicht. Wir sind jedoch der Meinung, eine Pensionskasse braucht keine präzis definierten und ausformulierten gesetzlichen Anlagevorschriften, sondern sie benötigt fachmännisches Vorgehen, Liquidität und genügend Risikostreuung sowie marktnahe Renditevorstellungen“, erklärt Geschäftsleiter Hohl. Die Prudent Man Rule lässt grüssen. Denn wenn eine Pensionskasse die Maxime einer Prudent Man Rule befolgt, „führt dies automatisch zu einem ausgewogenen Portfolio.”








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