Schweizer Pensions- & Investmentnachrichten
Uneins über die Nachhaltigkeit

Rolf Banz, Pictet Asset Management, Chief Investment Architect

Veröffentlicht am:  29. März 2007

Die hehren Ziele von Socially Responsible Investments (SRI) sind begrüssenswert: Berücksichtigung von Corporate Governance, Umwelt und Gesellschaft. Zudem wird aktives Engagement gelebt. Leider wurden jedoch auch Fehler gemacht; einige Produkte enttäuschten doch sehr. Doch aus Fehlern will man gelernt haben.

Von Michael Lennert

Die Nachrichten sind voller Schreckensszenarien: Die Gletscher schmelzen, der Uno-Klimabericht spricht von einem Klimawandel mit rasantem Temperaturanstieg, Dürreperioden und steigenden Meeresspiegeln. Doch nicht nur das. Die Globalisierungskonflikte nehmen zu, ebenso wie der Kampf um limitierte Ressourcen, zeitgleich gehören ethische Konflikte mittlerweile zur Tagesordnung.

Zudem erschüttern regelmässig Skandale die Finanzwelt: Stich–worte wie Worldcom, Enron, Parmalat, aber auch die Skandale um die Swissfirst oder die Siemens Pensionskasse sind allseits bekannt und rütteln auf. Denn diese haben ihre Konsequenzen: So stiegen in den vergangenen Jahren nicht nur die Gefahr und die Anzahl von Schadensersatzklagen, insbesondere auch in der Höhe – der Fall „Exxon Valdez“ lässt grüssen –, nein, simultan werden sich die Unternehmen auch zunehmend ihrer Reputationsrisiken bewusst.

Das Bewusstsein für nachhaltige Anlagen nimmt zu

Gleichwohl, eine Medaille hat auch immer zwei Seiten: Denn wenn bei den einen Investoren der Leidensdruck steigt, wächst bei den anderen die Erkenntnis und das Bewusstsein, ökologische, soziale und Corporate-Governance-Aspekte auf ihre Agenda zu setzen, etwa in-dem sie Socially Responsible Investments (SRI) tätigen, (vergleiche dazu auch: Langfristig von Vorteil – Socially Responsible Investments setzen auf strategische Erfolgsfaktoren, Seite 25 fortfolgend).

Auch die Schweiz verzeichnet dynamisches Wachstum ...

Und tatsächlich: Auch in der Schweiz wächst der Markt für nachhaltige Anlagen rasant, im vergangenen Jahr sogar fünf Mal stärker als der gesamte schweizerische Fondsmarkt. Dies geht aus einer Marktanalyse hervor, die halbjährlich von Ethos, SAM, Sarasin, Swisscanto, UBS, Vontobel und der ZKB an das Beratungshaus onValues in Zürich in Auftrag gegeben wird und an der 21 Schweizer Anbieter teilgenommen haben. In Zahlen ausgedrückt erreichte der Markt von nachhaltigen Kollektivanlagen, Mandaten und strukturierten Produkten in der Schweiz Ende 2006 ein Volumen von 17,9 Milliarden Schweizer Franken und wuchs damit um rund 69 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Interessant hierbei: Insbesondere Schweizer institutionelle Investoren sind mit 59 Prozent weiterhin die wichtigste Investorengruppe im Markt für nachhaltige Anlageprodukte.

… jedoch noch auf niedrigem Niveau

Gleichwohl, betrachtet man die absoluten Zahlen im Verhältnis zum Gesamtmarkt, bewegen sich diese immer noch auf recht niedrigem Niveau. Beispielsweise investieren Schweizer Pensionskassen laut aktueller Swisscanto Pensionskassen-Studie 2006 durchschnittlich nur 0,1 bis 0,7 Prozent ihres Portfolios in nachhaltige Anlagen, lediglich bei einigen ganz grossen Pensionskassen, ab fünf Milliarden Schweizer Franken Vermögen, ist ein satter Investitionssprung zu sehen; diese investieren 8,6 Prozent ihres Portfolios in nachhaltige Anlagen.

Die Suche nach den Ursachen

Doch warum ist der Anteil so gering? Wenn Pensionskassen von SRI überzeugt sind, müssten sie dann nicht grosse Teile, wenn nicht gar das ganze Portfolio hierin investieren? Denn neben der reinen finanziellen Rendite wird ja zudem noch eine Umwelt- und Sozialrendite versprochen. Oder sind nachhaltige Anlagen doch nur eine Feigenblatt-Anlage? „Nachhaltige Anlagen haben in der Schweiz für institutionelle Investoren immer noch eine Alibifunktion. Die Ausnahme bilden einige sehr grosse Pensionskassen mit einer grösseren Quote in ihrer Allokation. Bei den meisten PKs könnte der geringe Anteil auch aus Imagegründen mitgeführt werden“, sagt etwa Peter Bänziger, Mitglied der Geschäftsleitung der Swisscanto Gruppe. Denn zum einen befürchten etliche Investoren nach wie vor eine Underperformance, zum anderen gibt es immer noch Schwierigkeiten, die Anlageklasse im Rahmen der Asset Allocation richtig einzuordnen. Bänziger weist zudem darauf hin, dass nachhaltige Anlagen beispielsweise von Consultants praktisch gar nicht empfohlen werden.

Obwohl, entscheidende Fragen lauten hierbei sicherlich auch: Erwirtschaften nachhaltige Anlagen mehr, weniger oder gleich viel Performance wie traditionelle Anlagen und wie hoch ist die zusätzliche Umwelt- und Sozialrendite?

Zweifel am Renditepotenzial?

Und genau hier scheiden sich die Geister: Denn während die einen vom Renditepotenzial nachhaltiger Anlagen durchaus überzeugt sind (vergleiche dazu auch: Der Nachhaltigkeits-Himmel ist doch schön, Seite 23, sowie die Abbildungen 1 und 2), zeigen sich andere regelrecht enttäuscht und denken darüber nach, ihre Anlagestrategie neu zu überdenken. Dazu drei Beispiele: René Nicolodi etwa, stellvertretender Leiter Nachhaltigkeitsresearch bei der Zürcher Kantonalbank, vertritt die Ansicht, dass sich nachhaltige Anlagen auf jeden Fall nicht schlechter entwickeln als traditionelle Anlagen; gleichzeitig zeigt er auf, dass die Renditen von nachhaltigen Anlagen über die Perioden von einem und drei Jahren sogar höher ausfielen als die von traditionellen. Auf der anderen Seite legen beispielsweise (vergleiche dazu die Praxisbeispiele auf Seite 24) Andres Haueter, Leiter Vermögensverwaltung bei der Pensionskasse Post, und Robert Scholl, Leiter Kapitalanlagen bei der Aargauischen Pensionskasse, unabhängig voneinander glaubhaft dar, dass ihre Nachhaltigkeits-mandate in der Vergangenheit weniger erwirtschafteten als die traditionellen Anlagen. Doch woran liegt dies?

Reicht die Nachhaltigkeit als Kriterium alleine aus?

Eine mögliche Antwort liefert Rolf Banz, Chief Investment Architect bei Pictet Asset Management. Denn er stellt sich die Frage, ob die Konzentration auf ein Investment-Kriterium an sich, in diesem Falle also die Nachhaltigkeit, per se die Rendite eines Portfolios verbessern kann. „Nicht unbedingt, denn wenn man ehrlich ist, müssen auch die grössten Anhänger zugeben, dass die Sache nicht ganz eindeutig ist“, sagt er, da dies in erster Linie auch eine empirische Frage sei: Denn bekanntermassen sei es laut Banz sicherlich immer möglich, einen Markt zu finden und eine dazugehörige Zeitperiode, über welche nachhaltige Aktien besser performen als traditionelle Anlagen, und dann finden sich auf der anderen Seite auch immer wieder ein Markt und eine Zeitperiode, bei denen es genau umgekehrt ist. „Wenn ich als Investor einen beträchtlichen Teil in nachhaltige Anlagen investieren will, reicht die finanzielle Begründung alleine nicht aus“, erklärt er weiter und verweist beispielsweise auf grosse Pensionskassen, insbesondere mit öffentlich-rechtlichem Hintergrund, bei denen eben auch andere Motive ausschlaggebend seien. „Wenn bei einem Investor auch die politische Seite der Nachhaltigkeit eine Rolle spielt und dieser politisch überzeugt ist, dass die Pensionskasse eine führende Rolle übernehmen will, und Nachhaltigkeit somit zur strategischen Zielsetzung einer Pensionskasse wird, macht dies natürlich Sinn“, sagt Banz, der gleichzeitig nicht als reiner Zweifler verstanden werden will und deswegen auf nachhaltige Sektoren verweist, denen er durchaus zutraut, einen echten Mehrwert zu erwirtschaften, beispielsweise alternative Energien oder die Wasseraufbereitung, jedoch nicht eben ausschliesslich aus Nachhaltigkeitsgründen.

Engagement setzt Kräfte frei

Dominique Biedermann, der Direktor der Ethos Stiftung, möchte noch auf einen anderen relevanten Aspekt hinweisen. Denn „die meisten Anbieter leisten nur die Hälfte, da sie lediglich ein Portfolio mit den Titeln aufbauen, die die Nachhaltigkeitsfilter gemeistert haben. Wir hingegen gehen einen Schritt weiter und üben aktives, nachhaltiges und langfristiges Engagement aus, indem wir im Dialog mit den Unternehmen stehen und die Aktionärs- und Stimmrechte der Anteilseigner vertreten“, sagt er und betont hierbei die zunehmende Bedeutung des active ownerships. Denn durch ein aktives Auftreten bei Hauptversammlungen, dem Publizieren von Missständen und dem Zusammenschluss und der Vernetzung von weltweit tätigen Institutionellen könne durchaus Druck auf Unternehmen ausgeübt werden.

Aus Fehlern lernen

Zu Misserfolgen der Vergangenheit hingegen bekennt sich Angela de Wolff, Gründerin Conser Invest S.A., Responsible Investment Solutions, deutet jedoch gleichzeitig auf die Heterogenität der Research- und Investment-Ansätze hin. „Es stimmt, Socially Responsible Investments leiden immer noch darunter, dass es in der Vergangenheit misslungene Versuche gab, insbesondere durch die Auswahl eines zu engen Anlageuniversums sowie fehlerbehaftete Investment-Ansätze, und dadurch die Performance etlicher Fonds gelitten hat“, sagt de Wolff.

Gleichzeitig weist sie jedoch darauf hin, dass daraus gelernt wurde. Denn verbessert hätte sich unter anderem Folgendes: Die Produkte seien transparenter geworden, die Investment-Ansätze vielschichtiger, das Anlageuniversum grösser, die Professionalität und das Research der Investoren besser; zudem könnten die nachhaltigen Anlageprodukte nun exakter auf die Bedürfnisse der Investoren zugeschnitten werden.

Der Markt ist in Bewegung

Und in der Tat. Der Markt lernt aus seinen Fehlern und er ist in Bewegung. So lassen die vor knapp einem Jahr von der Uno lancierten „Principles for Responsible Investments“ (PRI, www.unpri.org) eine Artverwandtschaft mit „Socially Responsible” oder „Sustainable“ Investments erkennen. Das Ziel: die Berücksichtigung einer ganzheitlichen Finanzanalyse; hierbei werden explizit auch Corporate Governance, Umwelt und Gesellschaft und deren zunehmender Einfluss auf Investitionen genannt. Unterzeichnet haben weltweit Investoren, die zusammen mehr als fünf Billionen Dollar verwalten. Diese bejahen zudem eine Politik des aktiven Eigentümers, des sogenannten „active ownership“, und geloben, dass die Berücksichtigung der PRI-Kriterien dem Primat ihrer treuhänderischen Verpflichtung, der „fiduciary duty“, nicht entgegenläuft. Andere Institutionelle wiederum haben die „Enhanced Analytics Initiative“ (www.enhanced-analytics.com) ins Leben gerufen. Hierbei unterstützen und fördern die Unterzeichner eine bessere Integration langfristiger und nachhaltiger Aspekte in der Finanzanalyse von Brokern und Research-Institutionen.

Fazit: Der Markt ist in Bewegung. Das ist gut – ebenso, dass die Anbieter aus den Fehlern der Vergangenheit lernen. Gleichwohl: Letztendlich nachhaltigen Erfolg bringen jedoch nur transparente, qualitativ hochwertige Produkte. Und davon kann es nie genug geben.


Praxisbeispiele

Die Pensionskasse Post hat zwei nachhaltige Aktienmandate – rund sechs Prozent des Aktienanteils – an Sarasin und Ethos vergeben. Die Mandate orientieren sich dabei am globalen Aktienuniversum des MSCI World, sind jedoch konzentriert ausgerichtet. Der derzeitige Wermutstropfen: „Die Performance der nachhaltigen Anlagen war in den vergangenen Jahren schlechter als die der normalen Aktienmandate“, erklärt Andres Haueter, Leiter Vermögensverwaltung bei der Pensionskasse Post, die hierin seit 2002 investiert. Dabei seien die Unterschiede laut Haueter zwar nicht gewaltig, gleichwohl handelt es sich eben auch um „hohe Beträge“. Einerseits zeigt er hierfür Verständnis und plädiert für Geduld, da es sich bei nachhaltigen Anlagen um ein „längerfristiges Investment“ handelt, andererseits verweist Haueter aber gleichzeitig auf das Dilemma einer Pensionskasse: Die Pensionskassen-Verantwortlichen müssen immer im Sinne der Versicherten agieren und hierbei sei eindeutig die Performance stets das ausschlaggebende Argument. „Deswegen werden wir auch über das weitere Vorgehen sprechen müssen“, erklärt er weiter und stösst gleichzeitig eine Diskussion an, dass nachhaltiges Investieren an sich auch eine reine Definitionssache sei: Denn zum einen sei jede Pensionskasse automatisch in nachhaltigen Unternehmen investiert, auch wenn sie kein nachhaltiges Mandat vergeben hat, zum anderen enthält ein Nachhaltigkeitsmandat gleichzeitig etliche Aktien, die auch in anderen Mandaten vertreten sind. Auch das müsse berücksichtigt werden. „Denn bedenkt man dies, investieren wir einen viel höheren Anteil in nachhaltige Anlagen als ausgewiesen“, sagt der Leiter Vermögensverwaltung.

Ein anderes Beispiel ist die Aargauische Pensionskasse. Diese hat vor rund drei Jahren ein 60 Millionen Schweizer Franken schweres Mandat an Sustainable Asset Management (SAM) vergeben und schlägt in eine ähnliche Kerbe. Da die Aargauische Pensionskasse rund sechs Milliarden Schweizer Franken verwaltet, entspricht dies fast genau einem Anteil von einem Prozent der Asset Allocation. „Leider haben die nachhaltigen Anlagen im Vergleich zu traditionellen Anlagen enttäuscht und keinen Mehrwert erwirtschaftet. Ganz im Gegenteil, ausländi-sche Aktien rentierten im vergangenen Jahr ganze 50 Basispunkte besser“, sagt Robert Scholl, Leiter Kapitalanlagen bei der Aargauischen Pensionskasse, und erklärt zudem, dass das Mandat drei Jahre hintereinander nicht ein einziges Mal die eigene Mandats-Benchmark, den Dow-Jones-Sustainability-World-Index, schlagen konnte. Als mögliche Gründe hierfür nennt er etwa die Sektor-Allokation, im Portfolio befänden sich einfach zu viele volatile Technologietitel, die auch ein entsprechendes Umfeld benötigten, einen sehr hohen Turnover und seiner Ansicht nach zu viele Transaktionen im Portfolio und die Tatsache, dass es in den vergangenen drei Jahren ganze drei verschiedene Portfolio Manager gab. „Summa summarum hatten wir bis jetzt keine nachhaltigen Erträge und müssen unsere Strategie neu überdenken“, erklärt Scholl und verweist zudem auf die Kosten, denn: Es koste ja schliesslich auch etwas und sei nicht günstiger als andere Mandate. Deswegen, und auch vor dem Hintergrund, dass die Performance immer ein höheres Gewicht habe, „werden wir nachhaltige Anlagen derzeit sicherlich nicht weiter ausbauen“, sagt Scholl. ML





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