Schweizer Pensions- & Investmentnachrichten
Langfristig von Vorteil – Socially Responsible Investments setzen auf strategische Erfolgsfaktoren
Veröffentlicht am:  29. März 2007

Wer ein günstiges Rendite-Risiko-Profil in der Vermögensanlage zum Ziel hat, muss nicht nur über Diversifikation, sondern auch über Strategien nachdenken. Sozial verantwortliches und nachhaltiges Anlegen etabliert sich zunehmend mit Strategien, die an Logiken des ganzheitlichen, strategischen Managements anknüpfen.

Von Stephan Dahlem und Christof Trauffer

Institutionelle Investoren, die sich für sozial verantwortliches und nachhaltiges Anlegen interessieren, tun dies in der Regel nicht nur aus ökologischen oder ethischen Überlegungen. Dahinter kann auch handfestes ökonomisches Kalkül stecken. Die Konzepte und Anlagestrategien, die in den letzten Jahren als Socially Responsible Investments (SRI) angewendet werden, zielen auf die Vision eines nachhaltigeren Wirtschaftens. Dabei knüpfen sie in unterschiedlicher Intensität an Logiken aus den Kernbereichen der Betriebswirtschaft an, insbesondere an das strategische Management. Die Idee dahinter: Nachhaltigkeit bringt langfristig ökonomischen Erfolg. Dazu zwei Beispiele:

Wer Risiken im Griff hat, senkt langfristig Kosten

Ein Unternehmen der Chemieindustrie, welches die Risiken im eigenen Betrieb und im Umfeld besonders aufwendig identifiziert, bewertet und analysiert, um adäquate Strategien und Massnahmen zu deren Bewältigung einzuleiten, muss zwar kurzfristig höhere Kosten für Risikomanagement in Kauf nehmen, langfristig kann das jedoch die Folgekosten aus Schadensfällen drastisch reduzieren. Das Beispiel zeigt, dass mit einem ganzheitlichen Konzept, dem Etablieren eines Risikomanagementsystems, nicht nur Ressourcen geschont werden können, sondern langfristig auch gewinnbringender gehandelt wird. Das ist echtes strategisches Management.

Wer Mitarbeiter ganzheitlich führt, erntet Innovationserfolge

Die Maschinenbaufirma Hilti versteht ihre Mitarbeiter als Ideenentwickler und Innovatoren. Deshalb fördert sie Konzepte zu sozial verantwortlicher Führung im eigenen Unternehmen. Dadurch kann Hilti Innovationen nicht nur näher am Kunden entwickeln und schneller hervorbringen, sondern erreicht strategische, schwer einholbare Wettbewerbsvorteile. Diese zahlen sich in Form von kontinuierlichem Wachstum bei Umsatz und Gewinn auch für die Aktionäre aus.

Was jeder Unternehmer weiss: Strategie gewinnt

In den beiden genannten Beispielen wird durch Logiken aus dem strategischen Management nachhaltig und ökonomisch gehandelt, indem strategische Erfolgsfaktoren gezielt genutzt werden. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass Investoren heute mehr als ein finanzmathematisch optimiertes Portfolio suchen, wenn es darum geht, eine effiziente und langfristig ausgerichtete Anlagepolitik zu etablieren. In den letzten Jahren gewannen die Ansätze und Anlagestrategien, die sich zusätzlich der Nachhaltigkeit verschrieben hatten, zunehmend an Bedeutung: Sie befinden sich bei Institutionellen wie auch bei Privatanlegern im Aufschwung. Dementsprechend steigen Produktvielfalt und Anlagevolumina in diesem Marktsegment. Unter dem Begriff der Nachhaltigkeit werden in diesem Kontext verschiedene Strategien zur Selektion eines Portfolios verstanden – auch nicht erstaunlich, denn bekanntlich führen viele Wege nach Rom.

Die Niederlande und Grossbritannien führen in Volumen und Ethik

In der strengen Auslegungsart ist SRI sowohl in Europa als auch in der Schweiz mit rund 100 Milliarden Euro Anlagegeldern immer noch eine Nischenstrategie. Gemessen an den Volumina, die auf diese Weise von inländischen Fonds oder Institutionellen veranlagt werden, liegt die Schweiz in der europäischen Rangliste der „European SRI Study 2006“ von Eurosif noch vor Deutschland, Österreich und den südeuropäischen Ländern. Mit etwa sieben Milliarden Euro Anlagevolumen zählt sie dennoch lediglich zum europäischen Mittelfeld, knapp hinter Belgien und Frankreich. Die grösste Bedeutung haben in diesem anspruchsvollen Segment die Niederlande mit rund 41 Milliarden Euro Anlagevolumen und Grossbritannien mit rund 31 Milliarden Euro (vergleiche auch Abbildung 1).


Abbildung 1: Anlagevolumina und Anspruchsniveaus von SRI in Europa; Quelle: Eurosif Studie, 2006.

Sustainability-Paradoxon: Nicht weniger, sondern mehr Volatilität

Der erste Aktienindex im Bereich Nachhaltigkeit, englisch Sustainability, wurde 1999 von der Schweizer SAM Gruppe entwickelt. Der Nutzenbeitrag für die finanziellen Messgrössen eines Portfolios ist bisher jedoch nicht bewiesen – weder wissenschaftlich noch in der Fondsrealität. Auch wenn die Idee hinter SRI grundsätzlich plausibel ist, bedeutet das nicht zwingend mehr Rendite oder weniger Risiko für das eigene Portfolio: Der Dow-Jones-Sustainability-World-Index von SAM schneidet im Rendite-Risiko-Profil in beiden Dimensionen jeweils schlechter ab als sein Pendant, welches ohne Nachhaltigkeitsansatz strukturiert ist – und zwar jeweils über die Zeiträume drei Jahre, fünf Jahre und sieben Jahre (vergleiche Abbildung 2).


Abbildung 2: Sustainability- versus Benchmark-Indizes im Rendite-Risiko-Profil; Quelle: Pension Fund Excellence, Universität St. Gallen; Reuters, 28. Febr. 2007.

In 2006 hat SAM einen weiteren Index vorgestellt, der auf Europa fokussiert ist. Dieser Dow Jones Euro Stoxx Sustainability 40 zeigt gegenüber dem klassischen Euro Stoxx 50 einen Renditevorteil von rund zwei Prozent pro Jahr, der auf einer Rückwärtsrechnung des Index basiert. Obwohl beide Sustainability-Indizes anhand eines anspruchsvollen Best-in-Class-Ansatzes aufgebaut sind, wird auch bei dem europäischen Sustainability Index keine Optimierung des Risikoprofils sichtbar, wenn man die Volatilität als Messlatte verwendet. Tatsächlich ist der Sustainability-Index in der Baisse von 2000 bis 2003 sogar stärker gefallen als seine Benchmark. In der anschliessenden Hausse der letzten vier Jahre ist er dagegen stärker gestiegen. Das ist paradox, da man eher das Gegenteil annehmen würde. Über die Gründe kann man nur Vermutungen anstellen: Unter Umständen kommt es zu Verzerrungen bei der Evaluation, wenn der Best-in-Class-Ansatz, wie bei SAM, zu einem grossen Teil auf einer Selbstbewertung der Unternehmen basiert. Vielleicht sind auch längere Zeiträume notwendig, bis sich die strategischen Wettbewerbsvorteile auszahlen, die durch eine nachhaltige Unternehmenspolitik erreicht werden können.

Ganzheitlichkeit gefragt – die reine Finanzbrille greift oft zu kurz

Am Ende des Tages geht es den meisten Investoren um die Rendite und das Risikoprofil ihrer Anlagen. Dennoch gibt es gute Gründe, weshalb sich Anleger für nachhaltige Ansätze bei ihren Strategien entscheiden und damit nach mehr Ganzheitlichkeit und langfristiger Wertsteigerung streben. Für die einen stehen ethische Werte und Normen im Vordergrund, insbesondere für karitative oder religiöse Einrichtungen. Für andere Investoren sind dagegen finanzielle Grössen das Mass aller Dinge. Diese berücksichtigen andere Aspekte allenfalls als Erweiterung des Shareholder-Value-Ansatzes. Ein grosses Augenmerk legen nachhaltig orientierte Investoren auch auf einen fairen Umgang mit den verschiedenen Interessengruppen eines Unternehmens, insbesondere den Lieferanten, Mitarbeitern und Kunden. Wenn es um die Interessen der Aktionäre geht, wird der Fokus auf die Corporate Governance der Unternehmen gelegt. Eine gute Corporate Governance leistet einen entscheidenden Beitrag zur Umsetzung einer Nachhaltigkeitsstrategie. Sie ermöglicht den Aktionären, bei Versammlungen nicht nur Anträge zu stellen, sondern nimmt diese auch ernst. Auf diese Weise können ihre Anliegen in allen Dimensionen – neben den sozialen, ökologischen und ethischen auch in den ökonomischen Fragen – nicht nur geäussert, sondern auch realisiert werden. Ausgehend von den unterschiedlichen Schwerpunkten, welche Investoren bei der Umsetzung ihrer Nachhaltigkeitsstrategie setzen, haben sich unterschiedliche Methoden herauskristallisiert, um solche Aspekte einfliessen zu lassen, die weit über die oft kurzfristig verstandene finanzielle Dimension der Quartalsberichterstattung hinausgehen.

Das systematische Filtern des Anlageuniversums

Grundsätzlich lassen sich zwei Vorgehensweisen bei der Realisierung einer nachhaltigen Anlagestrategie unterscheiden, eine mit negative selektierenden Anlagekriterien und eine mit positiven. Bei den negativen Anlagekriterien handelt es sich um Ausschlusskriterien, die sich aus der eigenen Anlagepolitik ableiten. Dabei werden aus dem Anlageuniversum aus ethischen, ökologischen oder sozialen Gründen einzelne Unternehmen, Branchen oder sogar Länder mit einem Malus belegt und ausgeschieden. Diese Selektionsansätze waren der Ursprung nachhaltig orientierter Anlagestrategien. Pioniere waren britische und US-amerikanische Anleger. Sie weigerten sich, in Unternehmen zu investieren, die in bestimmten Geschäftsfeldern – wie Alkohol und Glücksspiel – ihr Geld verdienten. Durch öffentlichkeitswirksame Massnahmen gewannen negative Anlagekriterien zunehmend an Popularität. Aufsehen erregte die kalifornische Calpers, die grösste Pensionskasse der USA, als sie sich wegen der Rassendiskriminierung in Südafrika in den frühen Achtzigerjahren mit einer Kampagne gegen Investitionen in südafrikanische Unternehmen wandte. Bei der anderen Vorgehensweise – unter Verwendung von positiven Anlagekriterien – werden innerhalb eines Anlageuniversums diejenigen Unternehmen mit einem Bonus belegt und ausgewählt, welche die jeweils festgelegten Anforderungen besonders gut erfüllen. Auf diese Weise können anhand von Kriterien diejenigen Unternehmen identifiziert werden, die etwa im Bereich der Corporate Governance zu den Besten gehören oder Pionierleistungen hinsichtlich ökologischer, sozialer oder ethischer Aspekte geschaffen haben. In der Praxis werden die beiden Vorgehensweisen häufig kombiniert. Dabei treten viele verschiedene Facetten in Bezug auf das Anspruchsniveau auf, mit dem bewertet und gefiltert wird (vergleiche auch Abbildung 3).

Abbildung 3: Strategien und Anspruchsniveaus zur Selektion nachhaltiger Anlagen; Quelle: Eurosif Studie, 2006.

Malus durch Ausschlusskriterien:

Ethische Ausschlusskriterien: Sie beziehen sich auf eine Anlagestrategie, die eine grosse Anzahl ethischer Ausschlusskriterien beinhaltet und nicht nur einzelne Geschäfte ausschliesst, wie Waffen.

Einzelne Ausschlusskriterien: Diese Anlagestrategie schliesst diejenigen Branchen, Unternehmen oder Länder aus, die lediglich einzelne ökologische, soziale oder ethische Kriterien nicht erfüllen, beispielsweise Tierversuche oder Pornographie.

Normenorientierte Ausschlusskriterien: Dabei werden Firmen und Staaten ausgeschlossen, die gegen internationale Normen und Standards verstossen, wie diejenigen von OECD, UN, UNICEF.

Bonus durch Qualitätsbewertung:

Pioniere: Investiert wird in Unternehmen, welche die positiven Anlagekriterien am besten erfüllen und in Bereichen führend sind, etwa in der Reduktion von Emissionen, der Entwicklung ökologischer Produkte oder der Verhinderung von Kinder- und Zwangsarbeit.

Best-in-Class: Es werden Unternehmen ausgewählt, die im Branchenvergleich in ökologischer, sozialer und ethischer Hinsicht die höchsten Standards setzen – ohne Branchen generell auszuklammern.

Integration in die traditionelle Finanzwelt:

Aktive Aktionärspolitik: Eine solche Anlagestrategie hat die aktive Einflussnahme auf die Unternehmenspolitik im Fokus, die Aktionäre ergreifen können, solange sie Aktien eines Unternehmens besitzen, indem auf Versammlungen Anträge gestellt werden oder das Stimmrecht im Sinne der eigenen Anlageziele genutzt wird. Hier zeigt sich der grundlegende Unterschied gegenüber den Ausschlusskriterien, die dazu führen, dass die Aktien eines Unternehmens erst gar nicht gekauft oder aus dem Portfolio eliminiert werden: Durch die Ausübung der Aktionärsrechte wird versucht, die Ausrichtung des Unternehmens und wichtige Entscheidungen mitzugestalten.

Integration in die Finanzanalyse: Die traditionelle Finanzanalyse steht weiterhin im Vordergrund, ergänzend werden jedoch Fragen der Nachhaltigkeit und der Corporate Governance explizit in die Bewertungsmodelle einbezogen.

Pioniere nahmen soziale Verantwortung schon früh ernst

Sozial verantwortliches und nachhaltiges Handeln ist keine Erfindung der jüngeren Vergangenheit und auch keine blosse Weiterentwicklung ökologischer Ansätze aus den Siebziger- und Achtzigerjahren. Vielmehr entspringt es einem integrativen Denken, das in vielen Facetten bereits früher anzutreffen war. Mehrere erfolgreiche Unternehmer, die das letzte Jahrhundert massgeblich prägten, handelten im Gegensatz zur damals gängigen Praxis nicht ausschliesslich mit ökonomischem Kalkül. Der Automobil Fabrikant Henry Ford bezahlte weit überdurchschnittliche Löhne, führte einen Acht-Stunden-Tag ein und beteiligte seine Mitarbeiter am Unternehmensgewinn. Der Schokoladenfabrikant George Cadbury, dessen Unternehmen später mit Schweppes fusionierte, schaffte die Kinderarbeit ab, baute Wohnungen und Sportanlagen für seine Arbeitskräfte, führte die Fünfeinhalbtage-Woche ein und etablierte demokratisch gewählte Betriebsräte. Mit diesen nachhaltigen Ansätzen betraten beide für ihre Zeit Neuland und zeigten umfassende soziale Verantwortung für ihre Mitarbeiter, deren Familien und andere Bezugsgruppen in ihrem Umfeld. Es gelang ihnen dadurch, schneller zu wachsen als ihre Wettbewerber. Ausserdem konnten sie langfristig die Loyalität und Produktivität ihrer Mitarbeiter deutlich erhöhen. Dafür nahmen sie kurzfristig höhere Kosten in Kauf. Langfristig allerdings konnten sie den Unternehmensgewinn und den Unternehmenswert in bekannter Weise zum Vorteil der Aktionäre massiv steigern.

Nachhaltigkeit ist eine relative Grösse in der Fondsindustrie

Begriffe wie sustainable, eco oder ökologisch werden in der Fondsindustrie fast schon inflationär verwendet. Doch teilweise sind die Anlagen der Fonds gar nicht so nachhaltig, wie ihre Bezeichnung vermuten lässt. Immer wieder tauchen in solchen Portfolios Aktien von Unternehmen auf, die viele Investoren aus sozialen, ökologischen und ethischen Aspekten eigentlich meiden wollen. Diese Tatsache ist darauf zurückzuführen, dass viele Fondsanbieter die Aktienauswahl nach dem oben beschriebenen Best-in-Class-Ansatz festlegen und nicht anhand von Ausschlusskriterien. Ausserdem wird auch die Reichweite der Ausschlusskriterien unterschiedlich gehandhabt: Das eine Fondsmanagement betrachtet lediglich das Unternehmen selbst, das andere bezieht auch angeschlossene Unternehmen und Beteiligungen mit in die Bewertung ein. Eine genaue Analyse der Rechenschaftsberichte zu den jeweiligen Fonds bleibt deshalb unabdingbar.

Fazit: Die Erschliessung des Erfolgspotenzials steht noch aus

Dass der Ansatz der Nachhaltigkeit langfristig einen positiven Effekt auf ein Unternehmen, die Gesellschaft und die Natur hat, ist kaum zu bestreiten. Insofern ist SRI auch geeignet, einen graduellen, stetig fortschreitenden Prozess des Wandels in der Wirtschaft und der Finanzanalyse zu etablieren. Die in der Fondsindustrie bisher verwendeten Anlagestrategien haben jedoch noch Verbesserungspotenziale in Bezug auf Systematik, Stringenz und Evaluationsmethoden, um die Verpflichtung, die sich daraus ergibt, auch tatsächlich einzulösen. Wenn es gelingt, die Methoden und Kriterien zur Selektion eines nachhaltigen Portfolios konsequent auf die bewährten Prinzipien des strategischen Managements auszurichten, werden die Investoren vermutlich auch einen messbaren Vorteil für ihr Rendite-Risiko-Profil erhalten.



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