Schweizer Pensions- & Investmentnachrichten
Hier wird selbst Hand angelegt
Veröffentlicht am:  29. März 2007

Benchmark war gestern, heute ist Absolute Return angesagt. Und zwar auf der ganzen Linie. So jedenfalls lautet das Motto der Pensionskasse Julius Bär. Doch nicht nur das: Drei neue Anlagestrategien in der Zusatzkasse gibt es seit Neuestem – und die Herausforderung, eine weitere Pensionskasse zu integrieren.

Fragen: Michael Lennert
Antworten: Stefan Angele, Julius Bär, Head of Asset Allocation and Fixed Income

Eigene Wege gehen, Vorstellungen äussern und mit Herzblut dafür einstehen – insbesondere auch beruflich: Wohl eines der Mottos von Stefan Angele. Als Grundstock hierfür hat ein Studium der Volkswirtschaftslehre an der Universität Zürich noch niemandem geschadet. Das dachte sich auch Angele. Doch dies war nur der Anfang, denn er legte nach: mit Advanced Portfolio Manager Studies und einem Abschluss als Certified European Financial Analyst (CEFA). Doch auch in der Praxis war der Jahrgang 68 Geborene nicht untätig. So verdiente er seine Sporen im Portfolio Management bei der Credit Suisse sowie neun Jahre lang in verschiedenen Positionen bei der Zürcher Kantonalbank. Stefan Angele arbeitet seit September 2006 bei Julius Bär.

ML


spn: Herr Angele, Sie sind ein Verfechter des Absolute-Return-Gedankens. Hat für Sie die alte Benchmark-Orientierung ausgedient?

Angele: Ich würde es einmal so formulieren. Meiner Ansicht nach gibt es verschiedene Fehlentwicklungen, die zu substanziellen Opportunitätsverlusten führen. Punkt eins: Viel zu viele Pensionskassen richten ihre Anlagepolitik immer noch zu sklavisch an Benchmarks aus und rennen dadurch blind irgendwelchen Indizes hinterher. Ein Herdenverhalten, durch welches eindeutig Chancen vergeben werden. Punkt zwei: Viel zu viele Pensionskassen schränken zudem ihr Anlageuniversum immer noch zu sehr ein. Denn sie investieren beispielsweise lediglich geringe oder gar keine Anteile des Vermögens in alternative Anlagen wie Hedgefonds, Private Equity und Rohstoffe, oder diversifizieren schlichtweg zu wenig in ausländische Immobilien.

spn: Untersuchungen zeigen, dass lediglich wenige Fondsmanager ihre Benchmark auf lange Sicht schlagen. Ist es daher nicht gleich sinnvoller in kostengünstige Indexprodukte zu investieren?

Angele: So günstig, wie man denkt, sind viele Indexprodukte eigentlich gar nicht, und ob der einmal gewählte Index in verschiedenen Marktzyklen immer ein effizientes Portfolio darstellt, ist zu bezweifeln. Doch dies ist eigentlich kein Problem der Pensionskassen, sondern ein Problem der Asset-Management-Industrie, denn diese hat in der Vergangenheit in der Tat ihre Freiheitsgrade zu wenig clever genutzt. Deswegen plädieren wir ja dafür, die uns gegebenen Freiheitsgrade intensiv zu nutzen. Doch zurück zu den Pensionskassen. Wenn eine Pensionskasse schon im grossen Stil in Indexprodukte investiert – was ich zwar nicht für sinnvoll halte –, dann stellt sich immer noch die Frage, wie und von wem wird die Asset Allocation gesteuert? Letztendlich sollten die PensionskassenVerantwortlichen wenigstens hier aktiv werden. Denn dass man durch die aktive Steuerung der Asset Allocation mittelfristig keinen Mehrwert erzielen kann, lässt sich doch offensichtlich widerlegen.

spn: Deswegen gehen Sie auch einen anderen Weg.

Angele: Genau. Infolgedessen lautet unser Credo, sich gerade nicht an einer Benchmark zu orientieren, sondern durch die gezielte Allokation der Asset-Klassen, natürlich innerhalb des uns vorgegebenen Risikobudgets, eine positive absolute Rendite zu erwirtschaften. Hierfür nutzen wir das gesamte Spektrum der Anlageklassen, also beispielsweise auch die bedeutsame Beimischung von Hedgefonds, Private Equity, Rohstoffen und Immobilien. Auch deswegen, da wir davon ausgehen, dass wir durch die Beimischung dieser tief korrelierten Asset-Klassen Absicherungseffekte erzielen, die die Volatilität des gesamten Portfolios senken können.

spn: Sie sagten, dass Sie zum einen als aktiver Manager, zum anderen durch die Steuerung der Asset Allocation Outperformance erzielen wollen. Wie darf man sich das konkret vorstellen?

Angele: Wir haben für unsere Pensionskasse strategische Zielwerte definiert, gleichzeitig existieren grosszügige taktische Bandbreiten, die wir aktiv ausnutzen. Die strategischen Zielwerte lauten im Einzelnen: Als Liquiditätsanteil werden derzeit 6 Prozent definiert, der strategische Wert für Obligationen beträgt 47 Prozent, der von Aktien 15 Prozent. Der tiefe Wert von Aktien steht dabei in engem Kontext mit dem Deckungsgrad, der derzeit bei rund 112 Prozent liegt. Denn aufgrund unserer Risikofähigkeit benötigen wir eine konservative Strategie, wobei wir aber im Rahmen der taktischen Positionierung markante Abweichungen zulassen, um alle Opportunitäten zu nutzen. Bei den alternativen Asset-Klassen verhält es sich wie folgt: Der strategische Anteil der Immobilien beträgt zwölf Prozent, wobei wir ausschliesslich in indirekte Anlagen investieren. Wir halten also keine physischen Immobilien in der Schweiz. Bei den alternativen Anlagen glauben wir insbesondere an den Erfolg von Hedgefonds, insgesamt rund zwölf Prozent der Asset Allocation werden hierin investiert, dazu auch eine kleine Beimischung in Private Equity. In Rohstoffe investieren wir gesondert, und zwar einen strategischen Anteil von acht Prozent.

spn: Durch welche Über- beziehungsweise Untergewichtungen versuchen Sie derzeit Alpha zu generieren?

Angele: Derzeit glauben wir aufgrund des günstigen wirtschaftlichen Umfeldes grundsätzlich weiterhin an Aktien. In diese dürfen wir zwischen einer Bandbreite von 0l bis 30 Prozent investieren. Aktuell sind es 19,5 Prozent, wobei ein substanzieller Anteil dieses Risikos über Optionen abgesichert ist. Vor zwei Monaten lag der Wert sogar bei 26 Prozent. Da der strategische Anteil bei 15 Prozent liegt, sieht man, wie aktiv wir die verfügbaren Bandbreiten nutzen. Und noch zu den anderen Asset-Klassen: Obligationen erachten wir derzeit als eher unattraktiv, vielleicht mit Ausnahme von Emerging Market Bonds. Anders sieht dies wiederum bei Hedgefonds aus. In diese investieren wir derzeit 14 Prozent. Maximal erlaubt sind 15 Prozent. Innerhalb aller Anlageklassen setzen wir zudem aktiv auf Themen, Sektoren, Styles und spezifische Marktsegmente, welche aus unserer Sicht vernünftig bewertet erscheinen und ein überdurchschnittliches Potenzial bieten.

spn: Ist ein andauerndes Umschichten des Portfolios nicht zu kostenintensiv?

Angele: Sicherlich, aber nur wenn alle kurzfristigen taktischen Positionen in den Direktanlagen vollzogen würden. Deswegen schichten wir das Portfolio, wenn wir von kurzfristigen Schwankungen profitieren wollen, nicht immer physisch um, sondern auch synthetisch über eine derivative Overlay-Struktur. Dies ist häufig kostengünstiger, einfacher, schneller und ermöglicht Asymmetrien und weitere Renditequellen aktiv zu nutzen. Dabei setzen wir beispielsweise auf Wertsicherungsstrategien oder versuchen Volatilitäten als weitere Anlageklasse aktiv einzubeziehen. Die Overlay-Struktur stimmen wir dabei integral auf das unterliegende Portfolio ab, da die Overlay-Struktur ja in einem Zusammenhang mit dem stehen muss, was im Basis-Portfolio gemacht wird.

spn: Wie hoch ist Ihr Renditeziel und wie erfolgreich waren Sie bisher mit Ihrem Ansatz?

Angele: Unser längerfristiges, durchschnittliches Renditeziel wird abgeleitet von unserer Asset-Liability-Struktur, unser Pensionskassen-Experte hierfür ist Swisscanto, und beträgt 5,2 Prozent. Im vergangenen Jahr betrug die Benchmark-Rendite, die es bei unserer risikoarmen Strategie zu erwirtschaften galt, allerdings nur 3 Prozent. Effektiv erwirtschafteten wir jedoch 5,5 Prozent. Das bedeutete, dass wir mit unserer aktiven taktischen Umsetzung eine Outperformance von 2,5 Prozent erzielten und nur dadurch unser Renditeziel erreichen konnten. Mit dem Effekt, dass wir den Deckungsgrad trotz vorsichtiger Strategie von 109 auf 112 steigern konnten. Wir reden also nicht nur über aktives Management, wir setzen es im Rahmen der Vorgaben auch effektiv um.

spn: Hätten Sie Ihre Freiheitsgrade nicht noch mehr nutzen können, indem Sie beispielsweise in einem guten Aktienumfeld wie in der Vergangenheit, mit Erlaubnis des Stiftungsrates natürlich, die Aktienquote noch weiter erhöht hätten?

Angele: Nein, für unsere Pensionskasse nicht. Wir verfolgen wie gesagt eine auf die längerfristigen Verpflichtungen ausgerichtete Absolute-Return-Strategie und das muss aufgrund unseres Deckungsgrades und unserer Risikofähigkeit auch sein. Ich sage Ihnen: Die Märkte werden sich meiner Meinung nach in den kommenden Jahren nicht immer so glänzend entwickeln wie in den vergangenen. Und was passiert dann? Dann wird sich die Spreu vom Weizen trennen und die Pensionskassen, die blind den Indizes nachlaufen, auch steil mit den Indizes nach unten fahren.

Mit unserem aktiven Absolute-Return-Ansatz versuchen wir aber gerade dies zu verhindern: In einem guten Umfeld erwirtschaften wir ansprechende risikoadjustierte Renditen; wenn die Märkte nach unten gehen, versuchen wir genau das zu verhindern. Und dafür bieten ein möglichst breites Anlageuniversum und grosse taktische Freiheitsgrade eine gute, wenn nicht sogar notwendige Voraussetzung.

spn: Sie deuteten im Vorgespräch an, dass Freiheitsgrade auch bei Ihrer Pensionskasse eine gewichtige Rolle spielen. Was meinten Sie damit?

Angele: Richtig, es gibt seit Anfang dieses Jahres drei neue Anlagestrategien in der überobligatorischen Zusatzkasse, in die ab einem Jahreseinkommen von 119.340 Schweizer Franken investiert werden kann. Die Anlagepolitik ist dabei unterschiedlich ausgestaltet, der Mitarbeiter kann beispielsweise zwischen einer konservativen, ausgewogenen oder wachstumsorientierten Anlagepolitik wählen, wobei der obligatorische Beitrag in die Sockelpensionskasse natürlich für alle Mitarbeiter bleibt. Mit diesem Entscheid wollten wir den Mitarbeitern die Möglichkeiten geben, aktiv zu wählen und ihre Anlagestrategien mündig, systematisch und individuell umzusetzen.

spn: Welche weiteren Herausforderungen stehen bei Ihnen auf der Agenda?

Angele: Wie Sie wissen, hat die UBS ihre drei Privatbanken sowie GAM Ende 2005 an Julius Bär verkauft. Die drei Banken, Ferrier Lullin & Cie, Ehinger & Armand von Ernst und die Banco di Lugano, haben zusammen eine eigene Pensionskasse. Ziel ist es, diese beiden Pensionskassen zusammenzulegen. Dies ist eine anstehende Herausforderung, da die beiden Pensionskassen unterschiedliche Parameter und Strukturen aufweisen.



Privacy Policy
Terms and Conditions

Mailing address: Financial Times Ltd, Number One Southwark Bridge, London, SE1 9HL, United Kingdom

© The Financial Times Limited 2008