Schweizer Pensions- & Investmentnachrichten
Wenn Laien mit Milliarden spielen

Autor: Bernhard Raos

Veröffentlicht am:  17. Dezember 2006

Von Bernhard Raos, Freier Journalist.

Kein Prestige, viel Verantwortung und bestenfalls ein Trinkgeld als Entschädigung – das ist die Realität für die meisten der rund 16.000 Stiftungsräte der Schweizer Pensionskassen. Entsprechend schwer tun sich viele Vorsorgeeinrichtungen, ihr paritätisches Leitungsorgan zu besetzen. Arbeitgeber-Vertreter werden meist aufgrund ihrer Funktion abkommandiert, die Arbeitnehmervertreter von ihren Chefs oder den Personalabteilungen zum Mitmachen genötigt.

Wer kann, drückt sich vor der Verantwortung. Die Zeit in Sitzungen und zur Vorbereitung ist zwar bezahlt, aber die Arbeit im Job bleibt meist liegen. Die Vorsorgeeinrichtungen hätten laut Gesetz auch die Aus- und Weiterbildung ihrer Stiftungsräte „so zu gewährleisten, dass diese ihre Führungsaufgabe wahrnehmen können.” Bei der bestehenden Ausgangslage ist klar, dass ohne viel Idealismus gar nichts passiert. Die Zeitschrift Beobachter hat kürzlich Arbeitnehmervertreter von 15 Pensionskassen zum Thema befragt: In den vergangenen drei Jahren haben die überdurchschnittlich engagierten Stiftungsräte insgesamt zwischen zwei und 27 Tage in ihre Fachbildung investiert. Nur bei grossen, professionell geführten Vorsorgeeinrichtungen geschieht dies regelmässig und systematisch.


Groteske Ungleichgewichte


Finanziell ist ein Mandat im Stiftungsrat völlig unattraktiv: Die Mitglieder der Organe werden mehrheitlich nicht entlohnt, nur eine Minderheit wird zu einem tiefen Ansatz – in der Regel einem Sitzungsgeld – entlohnt.

Das zeigt der aktuelle „Swiss Institutional Survey“ von Lusenti&Partners. Fazit der Studie: Stiftungsräte werden für die übernommene persönliche und kollektive Verantwortung sowie die komplexen Aufgaben grundsätzlich nicht angemessen entschädigt. Das Label „paritätisch” muss herhalten, um alle Mängel zu heilen.

Das oberste Führungsorgan der Pensionskassen tagt 4,2 mal pro Jahr. Bei hunderten von Kassen muss eine jährliche Sitzung genügen. Es besteht vielfach ein groteskes Ungleichgewicht zwischen der Verantwortung und der zeitlichen Präsenz. Schliesslich stellen Stiftungsräte die Weichen für ein Vorsorgevermögen von mittlerweile weit über 600 Milliarden Franken. Und sie haften, wenn es schief geht, im Extremfall mit ihrem Privatvermögen.

Die Laiengremien sind laut Gesetz für die Anlagestrategie der Zweiten Säule verantwortlich. Und davon hängen bis zu 80 Prozent der künftigen Rente ab. Wie schaut die Bilanz aus? Nehmen wir den repräsentativen Risiko Check-up 2006 von AWP/Complementa als Messlatte, hatten zuletzt nur sechs von zehn Pensionskassen genügend Schwankungsreserven, um wieder ein schlechtes Anlagejahr zu verkraften. Rund acht Prozent der Vorsorgeeinrichtungen sind unterdeckt. Das ist zwar deutlich besser als beim Check im Vorjahr, wo noch jede vierte Pensionskasse ihre Verpflichtungen nicht voll decken konnte. Es zeigt aber auch, wie schwach die Zweite Säule ist gepolstert ist.

Beim Performance-Vergleich schwangen die grösseren und ganz grossen Kassen obenauf, während ganz kleine Kassen mit weniger als 100 Millionen Vorsorgevermögen deutlich zurücklagen. Sie erzielten eine durchschnittlich 0,7 Prozent schlechter Performance.

Was nach wenig tönt, schenkt auf Dauer beträchtlich ein: Kann eine Pensionskasse während der durchschnittlichen Erwerbsdauer eines Versicherten auf dem angesparten Geld netto drei Prozent statt nur zwei Prozent erwirtschaften, läppert sich das auf insgesamt 15 Prozent mehr Sparkapital zusammen. Die Rente fällt ebenfalls entsprechend höher aus.

Die letzte Börsenbaisse stellt für die Pensionskassen eine Zäsur dar. Seit 2001 sind die Zinsen tief und es gibt keine Inflation mehr, mit der man wie in den 1980-ern die Kassen entlasten und die Rentner teilweise enteignen konnte. Heute ist es für Vorsorgeeinrichtungen viel schwieriger, den Ansprüchen zu genügen. Und sie gehen teilweise mehr Risiken ein, als ihren Destinatären lieb sein kann. Gemäss Umfragen setzt bald jede zweite Pensionskasse auf alternative Anlagen, auch solche mit Unterdeckung und ohne genügend Schwankungsreserven. Der Anteil alternativer Anlagen am Gesamtportfolio hängt dabei nicht vom Deckungsgrad einer Pensionskasse ab. Will heissen: Da stochern Kassen im Anlage-Nebel, die es sich besser nicht leisten sollten.

Bei komplexen Finanzprodukten und Anlagestrategien haben nur noch Spezialisten den Überblick, von Laienvertretern in den Stiftungsräten kann man dies sicher nicht erwarten. Viele sind überfordert und wissen oft gar nicht, worüber sie entscheiden. Sie tun es, weil ihnen ihre Experten, die Möglichkeiten der trendigen Kapitalanlagen schmackhaft machen. Hand aufs Herz: Wer weiss schon, was tatsächlich hinter „Liability Driven Investments” oder „dynamischen Anlagestrategien ohne Shortfall-Aversion” steckt?

Zuviele Stiftungsräte treten zuviel Macht an Vermögensverwalter, Berater und Experten ab. Doch Verantwortung ist nicht delegierbar: Wichtige Geschäfte wie das Risikomanagement oder die Vermögensanlage darf sich der Stiftungsrat nicht aus der Hand nehmen lassen. Sonst geht’s schief. Eigentlich erstaunlich, dass bisher noch nicht mehr passiert ist und Unregelmässigkeiten (Siemens-Pensionskasse und Swissfirst-Bank) sowie massive Verluste (Ascoop Pensionskasse und Berner Lehrerversicherungskasse) noch Ausnahmen sind.



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