Schweizer Pensions- & Investmentnachrichten

Bilder: Helvetia, Hauptsitz Basel

Eigenleistung als Trumpfkarte
Veröffentlicht am:  21. Juni 2010

Die Helvetia Gruppe erledigt nicht nur Asset Management, sondern auch das ALM selbst, schreibt Alexander Saheb

Für einmal ist der „Deckungsgrad“ kein Thema. Die zwei Vorsorge-Sammelstiftungen der Helvetia Schweiz sind nämlich nach dem Vollversicherungsmodell gestaltet und wissen ihre Risiken durch die Helvetia zu 100 Prozent gedeckt. Die 1961 gegründete Helvetia Sammelstiftung für Personalvorsorge zählte Ende letzen Jahres 9.728 angeschlossene Vorsorgewerke/Unternehmen, 3,7 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Zahl der Versicherten legte um 2,1 Prozent auf 76.271 zu und die Beitragseinnahmen wuchsen um 7,3 Prozent auf 728 Millionen Franken. Die Altersguthaben erreichten 5,9 Milliarden Franken. Die kleinere, 1984 gegründete Stiftung Helvetia Prisma ist für Kader- und Zusatzvorsorge zuständig und weist rund 435 Millionen Franken Altersguthaben aus.

Viel Geld, sollte man meinen, doch es gibt noch mehr. Die Stiftungsräte überlassen die Kapitalanlage der Helvetia Gruppe, und dort kumulierte das Anlagevermögen Ende 2009 auf 33,1 Milliarden Franken nach 30,8 Milliarden im Vorjahr. Ralph-Thomas Honegger ist seit 2002 als Leiter Anlagen (CIO) für die Steuerung der Investments verantwortlich. Aufgrund der schieren Masse wird das Asset Management grösstenteils inhouse erledigt. Auf rund 110 Vollzeitstellen-Äquivalente belaufen sich die Personalressourcen von Honeggers Stab, dazu kommen nochmals 70 vollamtliche und rund 250 nebenamtliche Hauswarte für die selbst verwalteten Immobilien. Der Anlageprozess wurzelt bei der Helvetia im ALM. Dieses wird von Mitarbeitern der Gruppe erledigt. Honegger bewertet das ALM als „eine der ganz wichtigen Kernkompetenzen für einen Versicherer“, die deshalb auch firmenintern ausgeführt werde. Für ihn ist es von zentraler Bedeutung, die dabei verwendeten Modelle vollumfänglich zu kennen. „Ich möchte verstehen, was in diesen Modellen abläuft“, betont er. Externe Berater werden deshalb nicht hinzugezogen. Einmal im Jahr wird das ALM überprüft, bei grossen Portfolios kann es bei Bedarf auch ein kürzerer Zeitraum sein.

Aus dem ALM wird dann die strategische Asset Allocation des jeweiligen Geschäftsbereiches abgeleitet – sei es Kollektivleben oder Einzelleben oder Nichtleben in den Tätigkeitsregionen Schweiz, Deutschland, Frankreich und anderswo. Ziel ist es, jedem Geschäftsbereich eine zu seinen Verpflichtungen passende Anlagestruktur zu liefern. „Die Asset Allocation bestimmt 70 bis 75 Prozent des Erfolges“, stellt Honegger fest. Auch wenn das schmeichelhaft für das ALM-Team klingen mag, erst mit der Umsetzung der Strategie durch die Portfolio Manager wird aus planerischen Vorgaben finanzielle Wirklichkeit. Im Geschäftsjahr 2009 warf das Portfolio für die Gruppe einen Gewinn von 1,4 Milliarden Franken ab. Davon geht rund eine Milliarde in die Erfolgsrechnung, der Rest äufnet als nicht realisierter Gewinn die Eigenkapitalbasis. Die direkte Rendite betrug 3,2 Prozent, die Anlageperformance 4,8 Prozent.

Die Portfolio-Struktur der Gruppe kann als defensiv bezeichnet werden. Obligationen, Hypotheken und Immobilien stellen rund 79 Prozent aller Anlagen dar. Beim mit 56 Prozent Portfolio-Anteil grössten Anlagemittel Obligationen weisen rund 97 Prozent derselben mindestens ein A-Rating auf. Davon sind rund 60 Prozent Triple-A und gegen 30 Prozent Double-A. Als grösste Gegenparteien nennt der Geschäftsbericht die Schweizer Eidgenossenschaft, die Bundesrepublik Deutschland, die Republiken Italien, Österreich und Frankreich. Dann folgt als erster Corporate die deutsche Commerzbank und an zehnter Stelle kann man UBS lesen. Aktien, Anlagefonds und alternative Anlagen bilden lediglich einen Block von 12 Prozent des Helvetia-Portfolios. Im Portfolio der Helvetia Vorsorgestiftung spielen diese Anlageklassen eine noch kleinere Rolle und stellen lediglich gegen sechs Prozent des Portfolios dar.

Aufgrund der Portfoliogrösse erledigt die Helvetia Gruppe das Asset Management nahezu vollständig selbst. Gleich, ob Obligationen oder Aktien, es werden vorwiegend Einzeltitel erworben. Obwohl die Portfolio Manager einen aktiven Ansatz haben, wird ihr Anlageverhalten durch Benchmarks stark in die Nähe repräsentativer Indizes gelenkt. Einzelne Märkte werden mit ETFs abgedeckt. Externe Asset Manager kommen lediglich bei Hedgefonds zum Zuge, ebenso bei Investments in Emerging Markets oder dem fernen Osten. Hier hält es Honegger nicht für angebracht, eigene Kompetenzen aufzubauen. Namentlich möchte er die Asset Manager nicht nennen. Bei Hedgefonds gibt es derzeit vier „preferred Provider“, die Gelder stecken in Dachfondsanlagen. Von der Anlageklasse Private Equity trennte man sich 2006. Nach mehr als zehn Jahren war man der Meinung, dass erstens die eigenen Investments nicht gross genug waren und zweitens die erzielbaren Zusatzerträge der Illiquidität der Anlagen nicht genug Rechnung trug. Damals blieb man aus Diversifikationsgründen in Hedgefonds investiert. Derzeit läuft aber ein neuer Review zu dieser Anlageklasse. Rohstoffe und strukturierte Produkte kommen im Portfolio nicht vor. Laut Honegger setzt man lieber auf Basisprodukte.

Helvetia strebt danach, die Anlagen währungskongruent zu den aus den Geschäftsaktivitäten entstehenden Verpflichtungen zu tätigen. Franken und Euro sind mit 64 und 34 Prozent die zwei wichtigen Portfolio-Währungen. Dollar und andere erreichen nur je rund 1 Prozent. Lediglich im Schweizer Leben-Portfolio ist das nicht möglich, weil es zu gross ist. Das bestehende Währungsexposure wird zu mehr als 90 Prozent abgesichert, weil man nicht der Auffassung ist, dass das Eingehen von Währungsrisiken mittel- oder langfristig entschädigt wird.

Im laufenden Jahr stehen in Sachen Kapitalanlage keine speziellen Projekte an. Vorrangig wird man sich der Anlage der zufliessenden Neugelder widmen. Die Aktienquote könnte bei guter Marktentwicklung auf zwischen 5 und 6 Prozent steigen. Der Anteil der Hypotheken und Immobilien in der Asset Allocation soll stabil bleiben. Im Bondmarkt sucht man Staatspapiere oder solche mit staatlicher Garantie, Honegger betont auch die grosse Bedeutung von Pfandbriefen für das Portfolio.

Mit Blick auf die zwei Sammelstiftungen ist ein operatives Projekt von Interesse. Der Bereich Kollektivleben treibt die Automatisierung des Dokumentenmanagements und -versands voran. Zudem arbeitet der Bereich an der Ausweitung der Web-Fähigkeit der Kollektivleben-Applikation. Diese Ausweitung geschieht über mehrere Jahre und dauert voraussichtlich bis 2012. Die Ablehnung der Senkung des Umwandlungssatzes durch das Stimmvolk soll auf kurze Sicht die Profitabilität des Kollektivlebengeschäfts nicht tangieren.


Fragen:Alexander Saheb

Antworten: Ralph-Thomas Honegger

Was beobachten Sie derzeit an den Märkten?

Mit Blick auf unsere Hauptanlageklasse Obligationen, die gegen 56 Prozent ausmacht, sind die tiefen Zinsen einer Herausforderung, insbesondere wenn man auch auf unsere Verbindlichkeiten schaut. Wir glauben, dass die Zinsen vorderhand auch noch tief bleiben werden und rechnen nicht mit einem grossen Zinsschub in kurzer Zeit. Bei den Aktienmärkten haben wir 2009 eine sehr schöne Entwicklung gesehen mit Zuwächsen zwischen 20 und 40 Prozent. Im laufenden Jahr erwarten wir keine grösseren Einbrüche.

Wie wirkt es sich langfristig auf die Erfüllung ihrer Verpflichtungen aus, wenn die Zinsen weiter tief bleiben?

Da der BVG-Mindestzins regelmässig an die Marktverhältnisse angepasst wird, sind tiefe Zinsen für dieses Geschäft weniger problematisch. Eine Änderung der Mindestverzinsung betrifft, anders als bei der Einzellebenversicherung, auch gleich den ganzen Bestand. Im klassischen Lebensversicherungsgeschäft generieren tiefe Zinsen doch eher höhere Herausforderungen.

Sie haben nennenswerte Hypothekenbestände. Sind die dank guter Zinsen ihr Notnagel?

Das würde ich nicht so sehen. Hypotheken waren für uns immer ein wichtiger Portfolio-Bestandteil, den wir stets gepflegt haben. Unser aktueller Bestand von rund 3 Milliarden Franken hat sich gegenüber dem Vorjahr auch nicht markant verändert. Wir betreiben das Geschäft konservativ mit strikten Richtlinien und finanzieren maximal 80 Prozent. Dazu kommt, dass wir die Hypothekenvergabe oft mit einer indirekten Amortisation koppeln können, die mit verschiedenen Produkten der Helvetia Versicherung umgesetzt werden kann.

Warum bilden Aktien einen so kleinen Anteil Ihres Portfolios?

Aktien haben aufgrund ihrer hohen Volatilität einen erheblichen Einfluss auf die Gewinn- und Verlustrechnung. Aus diesem Grund können wir nur beschränkt in diese Anlageklasse investieren.

Wie weit spielt das in ihre Portfolio-Gestaltung mit hinein?

Wir haben immer Absicherungsstrategien mittels Put-Optionen implementiert. Dadurch verringert sich bei schwacher Kursentwicklung unser Aktienbestand automatisch und zu festen Verkaufspreisen. Im Dezember 2008 hatten wir deshalb fast keine Aktien mehr im Portfolio.

Sie müssen also sichere Aktien wählen und das auch noch absichern. Lohnt sich das überhaupt noch?

Grundsätzlich lohnen sich Aktien bei langer Anlagedauer immer, hat die Historie gezeigt. Die Absicherung mag je nach Marktlage einiges kosten. Die Märkte sind zudem volatil. Setzt man aber Jahrzehnte als Zeithorizont, muss man bei den ausserordentlich guten Jahren einfach dabeisein. Man muss die Extremwerte mitnehmen können. Mit der Absicherung sind wir nach unten abgesichert und können die positive Spitzenperformance mitnehmen.

Sie setzen also auf die paar tollen Jahre die in fünfzig Jahren passieren können?

Wir gehen davon aus, dass diese Ausschläge eintreten werden. Mit unserer Strategie wollen wir an diesen extremen Ausschlägen partizipieren.

Wenn man alle Investments anschaut, was hat ihnen in jüngster Zeit am meisten Freude gemacht?

Das waren sicher die positive Wertentwicklung des Aktien-Portfolios und der stabile Ertrag unserer Immobilien. Auch unsere Hypotheken zeigen eine schöne Stabilität.

Hat sich diese Entwicklung 2010 fortgesetzt?

Das kann man so sagen.

Wie stellt sich für Sie der Schweizer Immobilienmarkt dar?

Der Schweizer Immobilienmarkt ist eher hochpreisig, aber auch im Nachgang der Krise sehr stabil und verwerfungsfrei. Wir haben typischerweise keine Immobilienblase.

Wie legen Sie selbst in diesem Markt an?

Unser Immobilien-Portfolio besteht zu 90 Prozent aus Schweizer Objekten. Für uns sind jedoch weniger fertige Häuser interessant als vielmehr die Projektentwicklung. Im Idealfall realisieren wir Wohnobjekte allenfalls mit einem Gewerbeanteil zwischen 20 und 50 Millionen Franken. Dort übernehmen wir zwar das Erstvermietungsrisiko, können aber unsere notwendigen Investitionsvolumina besser umsetzen und erzielen auch angemessene Renditen. Ein Beispiel mag die Wohnsiedlung „Wasserschöpfi“ in Zürich sein, wo in zwei Etappen insgesamt 154 Wohnungen gebaut werden. Im Jahr müssen wir in der Lage sein, Immobilien-Ivestments zwischen 100 und 150 Millionen Franken zu machen.





Privacy Policy
Terms and Conditions

Mailing address: Financial Times Ltd, Number One Southwark Bridge, London, SE1 9HL, United Kingdom

© The Financial Times Limited 2010