Schweizer Pensions- & Investmentnachrichten
Grundlegend neue Kapitalanlagen

Das Zuhause der Stiftung Auffangeinrichtung ist das „Schimmeltor” in Zürich-Wiedikon

Veröffentlicht am:  22. März 2010

2009 brachte der Stiftung nicht nur eine neue Strategie, sondern erstmals auch „eigene“ Mitarbeiter, schreibt Alexander Saheb

Die Stiftung Auffangeinrichtung ist in der schweizerischen Vorsorgelandschaft ein Unikat. Sie wurde 1983 im Auftrag des Bundes von den Spitzenverbänden der Arbeitnehmer und Arbeitgeber gegründet. Sie stellt sicher, dass jeder nach BVG versicherungspflichtige Arbeitnehmer auch eine entsprechende Versicherung hat. Als einzige Vorsorgeeinrichtung muss sie jeden Anschlusspflichtigen aufnehmen. „Wir sind der Schlussstein der zweiten Säule“, formuliert Geschäftsführer Markus Stieger den Auftrag allegorisch. Betreut werden 896.100 (2008: 778.162) aktive Versicherte und die Bilanzsumme der Einrichtung beträgt 6,2 (5,2) Milliarden Franken.

Insgesamt existieren vier Geschäftsbereiche. Die 26.100 (30.851) Versicherten des Geschäftsbereiches BVG stammen zu drei Vierteln aus Kleinstanschlüssen, beispielsweise einzelne Hausangestellte. Die übrigen Versicherten kommen von zwangsweise angeschlossenen Unternehmen. Ein weiterer Geschäftsbereich ist die Führung von Freizügigkeitskonten (FZK). 2009 zählte man fast 700.000 Stück mit einem Volumen von 4,6 (3,8) Milliarden Franken. Hierher fliessen Austrittsleistungen, wenn Versicherte ihrer Pensionskasse keine Weisung zu deren Verwendung erteilen. Ferner realisiert die Stiftung die Risikoversicherung der zweiten Säule für Arbeitslose. 172.700 (118.762) Personen und ein Anlagevermögen von 421 (383,8) Millionen Franken zählt die Sparte. Der vierte Geschäftsbereich ist die Wiederanschlusskontrolle, die sicherstellt, dass die Vorsorgeeinrichtung wechselnde Arbeitgeber sich auch tatsächlich wieder einer neuen anschliessen.

Das Geschäftsjahr 2009 war für die Stiftung das erste mit einer vollständig eigenen operativen Organisation. Bisher arbeitete man mit OutsourcingPartnern in der Finanz- und Versicherungswirtschaft. Rund 120 Mitarbeitende formierten sich im vergangenen Jahr unter der Leitung von Markus Stieger. Er leitet die Stiftung zwar schon seit 2001, tat das damals aber noch als Angestellter der Swiss Life. Anfang 2008 wurden die Mitarbeiter der Geschäftsstelle angestellt, Anfang 2009 der Grossteil der Mitarbeitenden von den bisherigen Outsourcing-Partnern. Fast die Hälfte kam von Swiss Life. Das Insourcing realisierte massive Kosteneinsparungen. Im Geschäftsbereich BVG wurden die Verwaltungskosten beispielsweise glatt halbiert und gingen von 25 auf rund 12,5 Millionen Franken zurück. Pro Versicherten gingen die Verwaltungskosten auf 400 von bisher 700 Franken zurück. Stieger möchte diese Kosten aber noch weiter senken.

Mit Blick auf die Kapitalanlagen hat sich die Stiftung im Jahr 2009 nicht beklagen können. Sie erreichte auf die Vermögensanlagen eine Performance von 7,3 Prozent. Der Deckungsgrad der gesamten Einrichtung erreichte damit rund 105 Prozent (2008: 99,8 Prozent). Im Bereich BVG nennt Stieger für 2009 etwa 106 Prozent als Deckungsgrad, bei den Freizügigkeitskonten sind es 101 und im Bereich der ALV gegen 110 Prozent. Er betont, dass dies noch ungeprüfte, vorläufige Zahlen für 2009 seien. Die Stiftung hat im Verlauf der Finanzkrise eine zunehmend defensive Anlagepolitik verfolgt. Zunächst wurde die Implementierung der für 2008 vorgesehenen Anlagestrategie mit fast 30 Prozent Aktienanteil sistiert. Diese sah auch einen Abbau der Obligationenbestände zugunsten alternativer Anlagen vor. Im Zuge der Finanzkrise wurden dann die Aktienbestände taktisch schrittweise reduziert auf eine Quote von minimal 10 Prozent des Gesamtvermögens, während der Anteil der Liquidität auf gut 25 Prozent anstieg. Dazu mussten die Bandbreiten der Anlagestrategie mehrmals erweitert werden.

Im Jahr 2009 wurden für die drei zentralen Geschäftsbereiche ALM-Studien durchgeführt. Diese erstellte PPCmetrics. Darauf basierend schlug man eine wesentlich konservativere Strategie ein. Stieger streicht heraus, dass der Stiftungsrat die Risikofähigkeit niedriger angesetzt habe. Die bisherige Anlagestrategie war nur mit den hohen Deckungsgraden der Vergangenheit gerechtfertigt, mit der neuen finanziellen Situation per 31. Dezember 2008 war sie zu ehrgeizig. Im Bereich der FZK wurde eine dynamische Strategie eingeführt, die bei niedrigem Deckungsgrad sehr konservativ ist und nur mit ausreichender Risikofähigkeit die Quote von Aktien und anderen volatileren Anlagen erhöht. Ähnlich ging man im Bereich ALV vor. Die Prämien für diese Leistungen werden vom Bundesrat festgesetzt.

Die Kapitalanlagen wurden unter diesen Prämissen grundlegend neu strukturiert. Bisher hatte man zahlreiche Asset Manager und gegen zehn Depotbanken, die über die Wertschriftenbuchhaltung bei Complementa vernetzt waren. „Kostenmäs-sig und mit Blick auf die Steuerung war das mit zunehmendem Volumen nicht mehr die beste Lösung“, sagt Stieger. Nun wurde Anfang 2010 mit der UBS ein Global Custodian unter Vertrag genommen, der zudem fünf Private Label Funds für die Stiftung auflegte. Diese Fonds gibt es für die Asset-Klassen Liquidität, Obligationen Schweiz und Ausland sowie Aktien Schweiz und Ausland. Innerhalb der Fonds arbeiten wiederum verschiedene Asset Manager nach Auswahl durch die Stiftung. Dabei gilt jeweils ein indexierter Investment-Ansatz, der gängige Indizes wie den SBI, den SPI oder den MSCI World zur Grundlage der Anlagetätigkeit macht. Die Stiftung achtet bei der Manager-Auswahl besonders auf kostengünstige Leistungserbringung und Sicherheit. Die verschiedenen Geschäftsbereiche der Stiftung kaufen sich zu unterschiedlichen Anteilen in diese Fonds ein. Stieger ist mit der Effizienz der Lösung zufrieden. Als Nebeneffekt spare man noch die Stempelsteuer, freut er sich.

Die neue Asset Allocation gewichtet Obligationen und Liquidität nun wesentlich höher. Beispielsweise gilt für BVG- und FZK-Anlagen nun eine Quote Obligationen und Liquidität von rund 67,5 und 70 Prozent, während die Anlagestrategie 2008/09 dafür noch jeweils 50 Prozent vorgesehen hatte. Die Anteile für Aktien Schweiz und Aktien Ausland wurden auf 18,5 beziehungsweise 15,5 Prozent von bisher 28 Prozent reduziert. Bei den Anlagen der Freizügigkeitsstiftung hat es derzeit einen hohen Liquiditätsanteil von rund 27 Prozent. Dieser dient aber nicht der Deckung von anfallenden Auszahlungsverpflichtungen, sondern hat strategischen Charakter. Man möchte mit ihm die Duration des Bond-Bortfolios verkürzen. Diese liegt, weil der SBI abgebildet wird, bei sieben bis acht Jahren. Das flüssige Geld wird am Geldmarkt oder in unterjährige Anleihen investiert. Immobilien Schweiz und Ausland, die mit vergleichsweise kleinen Portfolioportionen vertreten sind, werden vollständig indirekt über Fonds und Anlagestiftungen dargestellt.


Fragen: Alexander Saheb

Antworten: Markus Stieger

Wie verlief der Aufbau der Geschäftsstelle mit 120 Mitarbeitenden?

Nach meinen bisherigen Erfahrungen bei Grossfirmen und dort ablaufenden Reorganisationen ist das eigentlich sehr problemlos gelaufen. Das Kernteam bestand aus Persönlichkeiten, denen es gelungen ist, sowohl die mannigfaltigen Sachfragen zu lösen als auch die bisherigen und die neuen Mitarbeiter in eine völlig neue Situation zu führen und zu motivieren. Im laufenden Alltag beobachten wir keine besonderen Schwierigkeiten.

Wie ist Ihnen die Einrichtung der eigenen IT gelungen?

Im Kernteam waren auch Fachleute für Administration und IT vertreten. Dies ermöglichte es, für die Verwaltung der Freizügigkeitskonten innerhalb eines knappen Jahres eine eigene, vollständig prozessgesteuerte Informatiklösung aufzubauen, die sich reibungslos in die Umgebung integrierte und vom ersten Tag an eine Verfügbarkeit von weit über 99,9 Prozent aufwies. In den Bereichen Risikovorsorge für Arbeitslose und BVG haben wir bekannte Systeme eingekauft und für die Auffangeinrichtung konfiguriert.

Welches sind Ihre Planungen im laufenden Jahr?

Unsere Hauptziele waren, die Kosten zu senken und vom ersten Tag an operativ zu sein. Beide wurden vollumfänglich erreicht. Nun geht es darum die Leistungsqualität weiter zu steigern und beispielsweise die Bearbeitungszeiten von Vorgängen noch mehr zu reduzieren. Ferner möchten wir die Kommunikation mit unseren Kunden verbessern und die Verständlichkeit der Dokumente erhöhen. Zu diesem Zweck wollen wir auch den Internetauftritt neu gestalten.

Wie werden Sie 2010 die BVG-Guthaben verzinsen?

Wir halten uns dieses Jahr an das gesetzliche Obligatorium und leisten 2 Prozent Zinsen. Allerdings haben wir 2008 beispielsweise eine Überverzinsung durchgeführt, da wir Anfang des Jahres finanziell sehr gut dastanden.

Was planen Sie in Sachen Kapitalanlage im Jahr 2010?

Bei den einzelnen Asset-Klassen sind keine wesentlichen Umschichtungen geplant. Bei den Immobilien werden wir ein neues Anlagekonzept entwickeln, welches sich weniger auf einen einzelnen Produktanbieter fokussieren wird. Neue Anlagekategorien werden wir nicht aufmachen.

Nutzen Sie eigentlich Overlay-Strukturen zur Währungsabsicherung?

Im Moment ist das nicht der Fall. Derzeit nehmen wir die Währungsabsicherung selber vor. Die Implementierung einer Overlay-Struktur ist jedoch in der Diskussion.

Wenn Sie keinen Anlagerestriktionen unterworfen wären, gäbe es eine Asset-Klasse, die Sie so-fort aufnehmen würden?

Wir sind eher traditionell aufgestellt, und deshalb ist das nicht der Fall. Unsere Anlagen müssen einfach und transparent sein. Wir sind auch im Bereich Anlagen sehr kostenbewusst und möchten nicht Gefahr laufen, weitere Fee Layers einzuziehen.

Möchten Sie die Zahl der be-schäftigten Asset Manager re-duzieren?

Die Reduktion der Asset Manager ist nicht unser Ziel. Wir möchten vorrangig die Organisation und Kosten der Vermögensverwaltung optimieren. Derzeit vergeben wir die Mandate der Liquiditätsmanager neu. In der Auswahl sind beispielsweise Pictet, State Street, Swisscanto oder die Deutsche Bank.

Somit steht doch eine Reihe an Mandatsvergaben an?

Wir sind dabei, alle Mandate zu überprüfen. Das geschieht, weil wir für unsere neue Kapitalanlagestruktur teilweise neue, passende Manager suchen. Das machen wir jedoch nicht allein, sondern immer in Zusammenarbeit mit einem Consultant wie Ecofin oder PPCmetrics.

Haben Ihre Asset Manager eine erfolgsabhängige Performance?

Es gibt solche, aber die grosse Mehrheit wird mit einer Flat Fee entlohnt.

Wie viel Prozent Ihrer in der Vergangenheit eingeschalteten Asset Manager haben auf Dauer besser als der Benchmark abgeschnitten?

Da fällt mir bei unserer Stiftung keiner ein.

Welcher Asset Manager hat Sie im vergangenen Jahr am meisten beeindruckt?

Weil wir vornehmlich passive oder regelbasierte Mandate vergeben haben, ist diese Frage nicht leicht zu beantworten. Eine Erwähnung verdient hat jedoch sicherlich das Liquiditätsteam von State Street Global Advisors (SSgA), welchem es im vergangenen Jahr gelungen ist dank konsequentem Bond Picking, im wenig Rendite abwerfenden Bereich der CHF-Liquidität einen substanziellen Mehrwert zu generieren.





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