Schweizer Pensions- & Investmentnachrichten
Nachhaltigkeit visualisiert
Veröffentlicht am:  07. Dezember 2009

Von über 1.000 Investoren zählen nur 159 zum nachhaltigen Universum. Nachhaltige Ansätze spielen immer noch eine untergeordnete Rolle. Und: Anbieter müssen noch viele Mythen adressieren. So lauten die Ergebnisse der Studie „Nachhaltige Investoren und ihre Dienstleister – eine netzwerkanalytische Perspektive”.

Wie „nachhaltig“ das Thema Nachhaltigkeit ist, wollten wir von institutionellen Investoren erfahren, die in der Verbreitung nachhaltiger Ansätze eine sehr wichtige Rolle spielen. Das Feedback reichte von „Marketing-Gag der Investment-Industrie“ über „sollte man sich anschauen“ bis hin zu „extrem wichtig“ – dabei wurde sehr deutlich, dass die Nachhaltigkeit ein wenig wie der Zauberer von Oz zu sein scheint, von dem jeder glaubt, dass er etwas anderes verkörpert. Auf jeden Fall spielen bei der Diskussion um die Bedeutung der Nachhaltigkeit ideologische Sichtweisen und Lebensanschauungen von Investoren eine bedeutende Rolle.

Mit einer neuartigen Untersuchung, die sich der Netzwerkanalyse und einer rigorosen Methodologie bedient, möchten wir eine Bestandsaufnahme durchführen und aufzeigen, wie weit Deutschland, Österreich und die Schweiz in puncto Nachhaltigkeit gekommen sind und welche Dienstleister bei institutionellen Investoren eine Rolle spielen.

Im Gegensatz zu bisherigen Studien zum Thema Nachhaltigkeit nutzen wir netzwerkanalytische Ansätze, um einen neuen Massstab im methodologischen Vorgehen zu setzen.

So wurden beispielsweise institutionelle Investoren nicht einfach zufällig kontaktiert, sondern auf Basis einer Schneeballmethode systematisch untersucht. Hierbei haben wir uns nicht nur die Investoren einzeln angeschaut, sondern auch alle relevanten Dienstleister im Segment der Nachhaltigkeit, die im deutschsprachigen Raum aktiv sind. So umfasst die Arbeit über 500 Asset Manager sowie Produktanbieter, Rating- und Research-Agenturen, Indexanbieter, Consultants, wissenschaftliche Einrichtungen, nachhaltige Foren bis hin zu Verbänden, die auf ihre Beziehungen zu institutionellen Investoren (vor allem Unternehmen und ihre Investment-Vehikel, Versicherer, Pensionseinrichtungen wie auch Versorgungswerke, kirchliche Einrichtungen, Stiftungen) hin untersucht wurden.

Dabei haben wir auch von der Kommunikationsfreudigkeit der Dienstleister profitiert, die durch unterschiedliche Kanäle zu ihren Kunden Stellung nehmen. Wann immer eine Beziehung zu einem Investor deutlich wurde, haben wir diesen Anleger zum Universum der nachhaltigen Investoren hinzugefügt.

Darüber hinaus wurden separat über 1.000 Investoren aus den relevanten Ländern und den unterschiedlichen Segmenten zusätzlich auf nachhaltige Anlagen untersucht. Hierbei wurden auch über 1.000 Artikel, Publikationen, Geschäftsberichte und Webseiten ausgewertet. In Anlehnung an den Schneeballansatz wurde so lange weitergesucht, bis keine neuen Anleger mehr zum oben erwähnten Universum hinzukamen. Das Resultat: ein Universum von 159 institutionellen Investoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, die zumindest nach den vorhandenen Informationen und Verbindungen nachhaltig investieren. In vielen Fällen wurde aus den Quellen jedoch nicht direkt ersichtlich, wie die nachhaltige Anlage konkret umgesetzt wird.

Diese 159 institutionellen Investoren wurden, als Resultat des Screenings, individuell kontaktiert. Hier handelte es sich jedoch nicht – wie bei gängigen Studien häufig praktiziert – um zufällig ausgewählte Investoren, sondern solche, die sich im Rahmen des Schneeballansatzes als nachhaltigkeitsaffin herausgestellt hatten, wie bereits veranschaulicht. Somit ist dieses Universum weitaus repräsentativer als bei bisherigen Studien.

Neben überwiegend persönlichen telefonischen Gesprächen wurden Antworten auch per E-Mail eingeholt. Mit über 50 Prozent Partizipationsrate und 81 durchgeführten Interviews (Stichtag 10. September) unter den nachhaltigkeitsaffinen Investoren wurde ein solides Ergebnis erzielt, insbesondere wenn man bedenkt, dass dieses Resultat innerhalb von sechs Wochen realisiert wurde.

Anders als in bisher verfügbaren Studien üblich, haben wir „institutionelle Investoren“ (insbesondere Versicherer und Banken), für die das Thema Nachhaltigkeit weniger bei der Eigenanlage, sondern mehr für den eigenen Vertrieb von fondsgebundenen Lebensversicherungen oder von Publikumsfonds eine Rolle spielt, in der weiteren Analyse nicht berücksichtigt. So wurden auch Anleger (insbesondere Unternehmen) herausgefiltert, die sich Nachhaltigkeit auf die Fahne schreiben (um zum Beispiel in einen Nachhaltigkeitsindex aufgenommen zu werden), nachhaltige Ansätze jedoch bisher nicht im Rahmen der Eigenanlage verfolgen. Danach bleiben noch 56 institutionelle Investoren für die finale Analyse übrig (von insgesamt 81 befragten, aus einem Universum von 159).


Abb. 1: Welche Ansätze nutzen institutionelle
Investoren (n = 56) im Rahmen ihrer Eigenanlage?;
Quelle: Funds@Work AG.

Die Ergebnisse sind sehr aufschlussreich: So kombinieren 23 der institutionellen Investoren Negativkriterien und den sogenannten Best-in-Class-Ansatz miteinander, insgesamt 12 Anleger nutzen neben Negativkriterien und Best-in-Class-Ansatz auch Positivkriterien, und 4 von 56 Investoren verfolgen darüber hinaus noch einen Engagement-Ansatz (Abbildung 1). Unter den uns genannten Vermögensverwaltern fällt auf, dass Sarasin und F&C (mit ihrem Engagement-Ansatz) am häufigsten erwähnt werden (Abbildung 3) – die Visualisierung der Netzwerke in den Abbildungen 7 und 8 zeigt, in welchen Ländern und insbesondere bei welchen Zielgruppen diese Anbieter aktiv sind. Der Dow Jones Sustainability Index, der vor zehn Jahren mit SAM eingeführt wurde, stellt sich mit den beiden Vigeo-Indizes als zentrale Messlatte für die teilnehmenden Investoren heraus, gefolgt von FTSE 4 Good (Abbildung 4). Dass immerhin 17 Investoren eigene Standards angeben und zielgruppenspezifisch unterschiedliche Standards genutzt werden, zeigt, wie schwer es künftig sein wird, eine einheitliche Definition für Nachhaltigkeit zu etablieren und damit einhergehend auch gemeinsame Standards zu nutzen (Abbildung 5). Wichtig für die Anbieter ist es deshalb, Flexibilität einzuräumen, die es jedem institutionellen Investor überlässt, seine Nachhaltigkeitskriterien und -ansätze selbst zu bestimmen und dennoch auf gewissen Minimumstandards aufzusetzen. Ein zentrales Element dieser Arbeit war es auch, die Investoren auf ihre Dienstleister anzusprechen. Immerhin 53 der institutionellen Anleger, die in der finalen Analyse berücksichtigt wurden, gaben über ihre Partner Auskunft. In der Abbildung 6 sind die Investorengruppen aufgeführt, die in der Netzwerkanalyse berücksichtigt wurden.

Auf Basis der Aussagen dieser Investoren haben wir ihre Netzwerke rekonstruiert, um neue Einsichten zu bekommen, die für die Transparenz auf dem Markt für nachhaltiges Investieren von grosser Bedeutung sein könnten. Die Abbildung 7 zeigt die Anbieter (dunkle Quadrate) und die anonymisierten Investoren (gelbe Kreise = deutsche Investoren, rote Kreise = österreichische Anleger und orange Kreise = Schweizer Investoren). Diese Netzwerklandschaft macht viele Dinge sichtbar, die für die Orientierung von Investoren bedeutend sein können. So wird auf einen Blick ersichtlich, dass beispielsweise F&C Asset Management ausschliesslich deutsche Kunden zu haben scheint, genauso wie etwa Sustainalytics. Ethos hat ausschliesslich Verbindungen zu Schweizer Investoren und Kepler zu österreichischen. Oekom Research wie auch Sarasin arbeiten über Ländergrenzen hinaus mit dem Schwerpunkt auf Österreich und Deutschland. Interessant ist auch, wie viele Verbindungen einzelne Investoren zu verschiedenen Anbietern haben.

Eine weitere Perspektive stellt die Netzwerkvisualisierung aus Sicht der Investorengruppen dar (Abbildung 8). So ist F&C sehr stark bei kirchlichen Investoren aktiv. Oekom Research wiederum hat Verbindungen zu unterschiedlichen Kundengruppen. Mit der vorliegenden ersten Analyse sollte trotzdem deutlich sein, welche Möglichkeiten in der Visualisierung von Informationen stecken und welchen Mehrwert Investoren, aber auch ihre Dienstleister daraus ziehen können. Nachhaltige Ansätze, so zeigen es unsere Interviews, spielen immer noch eine untergeordnete Rolle, und häufig wird Marktteilnehmern eine opportunistische Haltung nachgesagt (Greenwashing). Ausserdem: Die verschiedenen Investorengruppen halten sich an diverse Standards und verfolgen unterschiedliche Ansätze – das stellt eine allgemeingültige, standardisierte Ansprache in Frage und verlangt nach individuellen Lösungen für Investoren.

Deutlich wurde auch, dass einige Mythen, wie zum Beispiel „Nachhaltigkeit kostet nur Geld und Performance“, von Anbietern dringend adressiert werden müssen. Die Netzwerkanalyse, auf Basis eines dynamischen Screening-Prozesses und der systematischen Bestandsaufnahme aller Investorengruppen und ihrer Dienstleister, kann dabei helfen, wertvolle Einblicke in die Industrie und ihre Anbieterstrukturen zu erhalten – insbesondere auch über Ländergrenzen hinweg, wie es unser Beispiel für Deutschland, Österreich und die Schweiz zeigt. Die Analyse werden wir im Interesse aller Marktteilnehmer deshalb systematisch fortführen, um die Veränderungen im Laufe der Zeit zu erfassen und das Universum zu erweitern.

Unser Fazit: Die Visualisierung von Informationen liefert sehr viele Einsichten und fördert den Informationsfluss getreu dem Motto: „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte.“





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