Das „Zweite Schweizer Leadership Pensions Forum“ anfangs Oktober in Zürich beschäftigte sich mit den Folgen der Finanzkrise für die Vorsorgeeinrichtungen. Fazit der hochkarätig besetzten Veranstaltung: Es gibt weder einfache Lösungen noch ein allgemeingültiges Rezept. Krisen lassen sich eindämmen, nicht verhindern.
Es ist nicht immer verkehrt, das Pferd von hinten aufzuzäumen. Der Schlusspunkt des „Zweiten Schweizer Leadership Pensions Forum“, veranstaltet von Financial Times Global Events und den Schweizer Pensions & Investmentnachrichten am 1. Oktober im Zürcher Marriott-Hotel, war zugleich einer der Höhepunkte: Thomas Held, Direktor von Avenir Suisse, skizzierte in seinem Referat die Eckpunkte der „neuen Normalität“, wie sie sich ein Jahr nach Ausbruch der Finanzkrise präsentieren. Held beschönigte nichts: „Was passiert ist, bewegt sich ausserhalb der Expertenmodelle. Wir müssen in Zukunft von geringeren Wachstumsraten, schwächerem Konsum und höherer Arbeitslosigkeit ausgehen.“ Die Gewichte in der Weltwirtschaft würden sich verschieben – weg von den USA, hin zu den BRIC-Ländern Brasilien, Russland, Indien und China.
Held machte seine Auslegeordnung zu den ökonomischen, politischen und gesellschaftlichen Paradigmen nach der Krise. Er sieht zwar keine Zeitenwende und kein Ende des Kapitalismus, doch einen scharfen Einschnitt mit einer Explosion der Staatsverschuldung. Es bringe uns nicht weiter, nun „eine populistische Hexenjagd auf Banker“ zu veranstalten. Was es brauche, sei eine nüchterne Aufarbeitung und Interpretation der Krise. Held sieht dabei im globalen Kontext erste Ansätze eines Konsens – das System sei gekippt, weil die einen zu expansiv agierten (USA), während die anderen zu viel sparten (China/Indien). Dazu kam das regulatorische Versagen halbstaatlicher Institute wie Fannie Mae und Fannie Mac, die alle US-Amerikaner zu Hausbesitzern machen wollten – unabhängig von deren Bonität. In dasselbe Kapitel gehört für den Thinktank-Chef die Milliarden-Spritze für die serbelnde Automobilindustrie. „Branchen müssen sich schöpferisch erneuern, sonst verschwinden sie“, so Held, der zugleich vor Protektionismus warnt.

„Pensionskassen müssen eine attraktive Rendite erwirt-schaften. Dieser Druck ist nicht schlecht.“
Werner Hertzog, Direktor Publica
Man werde die Ansprüche an den Staat redimensionieren müssen, um die Verschuldungskrise zu bewältigen. Leider fehle es da der politischen Linken an Einsicht. Held befürchtet, dass wir etwa die AHV und die zweite Säule gegen die „demografische Wand fahren“. Die Politiker wollten ihren Wählern jede Zumutung ersparen und würden verteilen, was sie nicht hätten. Schon ab 2012/2013 drohten erhebliche demografische Belastungen, verschärft durch eine Periode mit tieferem Wachstum. Was wiederum zu heftigen Verteilungskonflikten führe: „Die Demografie ist noch nicht eingeflossen in die Prognosen.” In Zukunft seien etwa durchschnittliche Aktienerträge von sechs bis acht Prozent pro Jahr wenig realistisch. Viele Pensionskassen berechnen ihren technischen Zinssatz noch auf dieser überholten Basis.
„Den Mindestzins sollte man im Nachhinein festlegen.“
Hans Kaufmann, Nationalrat SVP
Gehen Staaten bankrott?
Was passiert, wenn der Wachstumsmotor längere Zeit stottert? Held malte da rabenschwarz. Früher hätten solche Verwerfungen zu Kriegen geführt. Funktioniere die Umverteilung nicht mehr, herrsche rundum Ratlosigkeit. Er fürchtet einen neuen finanziellen Nationalismus und schliesst auch in Europa bankrotte Staaten oder „No-go-Zonen“ ohne Rechtssicherheit nicht aus. Wegen ihrer vergleichsweise tiefen Verschuldung und intakten Infrastrukturen attestiert Held der Schweiz eine relativ gute Position. Noch. Ohne Reformen, höherer Produktivität und der Verteidigung der guten Rahmenbedingungen sei es mit dieser guten Position im globalen Standortwettbewerb rasch vorbei: „Die strukturellen Probleme bei IV, AHV und zweiten Säule sind nicht gelöst. Machen wir uns nichts vor – der Kampf wird international auch mit unsauberen Mitteln geführt.“
Die Teilnehmer der gut besuchten Veranstaltung hörten nicht nur die Kassandra-Rufe von Thomas Held. Auch andere Voten aus je drei Panel-Diskussionen und Fachpräsentationen blieben haften. So sieht Hans Kaufmann, SVP-Nationalrat, Finanzspezialist und PK-Berater, die Vorsorgeeinrichtungen im Dilemma zwischen Leistungsversprechungen und Finanzerträgen. Auch er hat kein pfannenfertiges Rezept: „Nach dieser Krise sind die alten die neuen Probleme. Die Lebenserwartung und die Anlagerenditen bleiben die grosse Unbekannte.“
„Die Politik fährt die zweite Säule gegen die demografische Wand.“ Thomas Held,
Direktor Avenir Suisse
Run auf die Vorsorge-Milliarden
Kaufmann verwies auf eine zusätzliche Herausforderung an das Vorsorgesystem, die sich durch die geplante Abschaffung des Eigen-mietwerts beim Wohneigentum ergeben könnte: Wenn rasch 100 bis 200 Milliarden Vorsorgegelder abgezogen werden, beeinflusst dies die Liquiditätsplanung der Pensionskassen. Und die Banken müssen damit rechnen, dass vor allem die guten Schuldner ihre Hypothekardarlehen zurückzahlen. „Die schlechten Schuldner bleiben – da macht man sich noch zu wenig Gedanken.“ Werner Hertzog, Direktor der PK Publica, nimmt diese Herausforderung für seine Kasse gelassen: „Das bringt mehr Markt ins Vorsorgegeschäft. Dieser Druck ist nicht schlecht.“
Uneinig war sich das Politiker-Panel, in dem auch der FDP-Ständerat Hans Altherr sass, über den Ausgang der bevorstehenden Abstimmung zum Umwandlungssatz in der zweiten Säule. Gegen die im Parlament beschlossene Senkung auf 6,4 wurde bekanntlich das Referendum ergriffen. Für Kaufmann ist der Abstimmungskampf nur schwer zu gewinnen, weil die Gegner der Senkung auf der Klaviatur von Rentenklau und Boni-Exzessen spielten. Dass die Aktiven die Zeche bezahlen und die Beiträge für Versicherte und Arbeitgeber steigen, ist für ihn die logische Konsequenz. Altherr ist optimistischer. Er nimmt die Abstimmung zur IV-Finanzierung als Beleg dafür, dass der Stimmbürger für rationale Argumente zugänglich sei. Für ihn ist klar, dass mathematische Parameter wie Umwandlungssatz und technischer Zins nicht ins Gesetz gehören. Einig waren sich alle, dass über die Mindestverzinsung erst im Nachhinein entschieden werden soll – also am Jahresende über das abgelaufene Jahr. Altherr kritisiert den politischen Basar: „Die Linke fordert 2,5 Prozent, Versicherer und Wirtschaft 1,5 und der Bundesrat beschliesst dann 2 Prozent als Kompromiss.“ Mit den Realitäten an den Anlagemärkten hat das nichts zu tun, wie die letzten Jahre mehrfach bewiesen.
„Wir müssen Sollbruchstellen einbauen, wenn die ganze Maschine heiss läuft.“
André Kohler, Mitglied
der Geschäftsleitung der B+B Vorsorge
Das Klumpenrisiko der Grossbanken
Die „Lehren aus der Finanzkrise“ diskutierte ein Experten-Quartett in einem weiteren Panel. Konsens bestand darüber, dass die Konkurs-Spirale zwar gestoppt werden konnte, die Wirtschaft aber in einer tiefen Rezession stecke. Nach wie vor liege viel Illiquides auch in den Portefeuilles der Pensionskassen. Stephan Hepp, CEO von SCM Strategic
Capital Management AG, bezeichnete die Schweiz mit ihrem Klumpenrisiko der beiden Grossbanken als „Island ohne Meeranschluss“. Hätte die CS wie die UBS agiert, wären die Konsequenzen für das Land nicht mehr beherrschbar gewesen. Dass die Aufsichtsbehörden rund um den Globus die brennende Lunte im Bankensystem nicht sahen, wertet Hepp als „wenig ermunterndes Beispiel“.
Direkt angesprochen war Christian Wicki, Leiter Strategieberatung für institutionelle Kunden bei der CS. „Wir überdenken unser Geschäftsmodell und fahren die Bilanz runter.“ Man müsse zwingend auf internationaler Ebene ein System finden, auch grosse Player Konkurs gehen zu lassen, ohne dass alles zusammenbreche.
„Mich erstaunt das Vertrauen in die staatlichen Aufsichtsbehörden.“
Stephan Hepp, CEO,
SCM Strategic Capital Management AG
In dasselbe Horn stiess André Kohler, Pensionskassenberater bei B+B Vorsorge: „Wir brauchen Sollbruchstellen, wenn die ganze Maschine heiss läuft.“ Anspruchsvoller wird es nach Ansicht von Kohler für die PK-Verantwortlichen, die ein Bewusstsein für das Funktionieren komplexer Systeme entwickeln müssten. Es sei nicht immer damit getan, alles nur an Experten zu delegieren.
„Der Stimmbürger ist für rationale Argumentezugänglich.“
Hans Altherr,
Ständerat FDP
„Reduktion der Komplexität“ war ein weiteres Schlagwort und ein Steilpass für Jaques-Etienne Doerr, Chef Geschäftsentwicklung bei Vanguard Schweiz. Zuvor hatte er in seiner Fachpräsentation die Überlegenheit indexierter Anlagen gegenüber aktiv gemanagten Fonds mit Zahlen unterlegt. Nach Abzug der Kosten performen indexierte Core Funds über den Zeitraum von zehn Jahren in 91 Prozent der Fälle besser. Wo eine Überrendite aktiv bewirtschafteter Fonds erzielt wird, entspricht dies meist den Management Fees – für die Anleger also im besten Fall ein Nullsummenspiel. Warum trotzdem auch viele Pensionskassen auf aktive Anlagefonds setzen, sieht Doerr in der menschlichen Natur begründet: „Indexanlagen gelten als weniger sexy.“ Hepp sagte es noch pointierter: „Die Ziele von Banken und Pensionskassen sind nicht dieselben. Je komplizierter und unverständlicher ein Produkt ist, desto hochmargiger ist es für die Anbieter.“ Selbstredend parierte Bankvertreter Wicki diese Attacke: Die Konkurrenz um PK-Mandate sei kompetitiv und die Kosten, immer ein Thema. „Ich muss meine Budgetziele nicht über versteckte Produktkosten erreichen.“
Nachhaltigkeit ist auch für Pensionskassen ein Thema, erst recht in Krisenzeiten. Wohltuend unaufgeregt referierte dazu der US-Amerikaner George Dallas von F&C Investments. Sein Overlay-Ansatz: „Wir vertreten die Interessen der Anleger gegenüber den Unternehmen mit einem langfristigen Ansatz.“ F&C zeigt nicht die Rote Karte, sondern misst Meilensteine in der nachhaltig positiven Entwicklung. Dazu Dallas: „Wir sind nicht immer erfolgreich. Konstruktiv sein bedingt oft Geduld.“ Und: Pensionskassen hätten nicht in erster Linie die Aufgabe, die Welt zu retten, sondern Performance zu erzielen.
Um das Adjektiv „wohltuend“ nochmals zu verwenden – dies galt auch für die diversen Sponsoren des Pensions Forums, die sich präsentierten, aber nicht in den Vordergrund drängten. Dank der Sponsoren F&C, Vanguard, Banque Privée Edmond de Rothschild, J.P.Morgan, BNP Paribas, Credit Suisse, SCM und MFS war der Anlass samt Steh-Lunch und Erfrischungen für die Teilnehmer gratis, was allseits goutiert wurde.
„Wir versuchen das Kapital dorthin zu lenken, wo die Zukunft liegt.“
Christoph Müller, Anlageverantwortlicher
Weiser aus der Krise
Das erste Nachmittags-Panel liess erst gar keine Schläfrigkeit aufkommen. Urs Fischer, Präsident der Anlagekomitees der Pensionskasse Alcan Schweiz, relativierte das Tagungsthema: „Wir gehen nicht gestärkt, aber etwas weiser aus dieser Krise hervor. Wir waren wie viele naiv und haben wichtige Dinge nicht richtig gesehen.“ Herbert Brändli, Präsident des Stiftungsrates der Sammelstiftung Profond, gestand ein, dass er sich schlecht fühlte, als der Deckungsgrad seiner Kasse auf 80 absoff und der Druck durch die amtliche Aufsicht zunahm: „Die legalisieren nur, verstehen aber von der Sache nichts. Wir müssen lernen, mit den Schwankungen der Märkte zu leben. Die Beurteilungsinstrumente sind im Kern falsch.“
„Wir gehen etwas weiser aus der Krise hervor.“
Urs Fischer,
Präsident des Anlagekomitees,
PK Alcan Schweiz
Im Nachhinein ist es bekanntlich einfach, Fehlentwicklungen zu beurteilen. „Je mehr billiges Fremdkapital im Markt ist, desto eher wird es auch eingesetzt“, erklärte Sebastian Lang, Dozent für Corporate Finance an der Universität Sankt Gallen. Selbstkritisch schob er die Frage nach, ob nicht auch die Wissenschaft in Sachen Risikoprämien die falsche Brille getragen habe. Und keiner habe etwa die Konsequenzen des Lehman-Konkurses erwartet. Für ein „back to the basics“ plädierte Michael Mewes von J.P.Morgan Asset Management: „Wir sollten nur sichere Wetten eingehen.“ Profond-Chef Brändli kann der Krise aber auch etwas Positives abgewinnen: „Wir haben die Kosten der Vermögensverwaltung um zwei Drittel reduziert.“
„Wir müssen lernen mit den Schwankungen des Marktes zu leben.“ Herbert Brändli,
Präsident Stiftungsrat,
Sammelstiftung Profond
Keine leichte Aufgabe hatte dann Alessandro Pini, Portfolio Manager der Genfer Privatbank Edmond de Rothschild. Er präsentierte seinen Ansatz in Sachen alternative Anlagen im Bereich von Fund of Funds. Seine Bank habe dreimal weniger Liquidationen zu verzeichnen gehabt als der Durchschnitt der Branche. Seit dem Madoff-Skandal gelten Hedgefonds noch mehr als Black Boxes. Dieser Kelch ging an Pinis Bank vorüber, man war nie bei Madoff investiert.
„Nachhaltigkeit heisst nicht Null-Risiko.“
Hans-Peter Burkhard,
Direktor Center für Corporate
Responsibility and Sustainability,
Universität Zürich
Das letzte Panel diskutierte über nachhaltiges Investieren. Es gehe darum, das „Kapital dorthin zu lenken, wo die Zukunft liegt“, erklärte Christoph Müller, Anlageverantwortlicher bei der Nest Sammelstiftung. Mit einer Performance von –8,7 habe man das schwierige Jahr 2008 relativ gut überstanden. Für George Dallas, Direktor bei F&C, bringt die Krise eine Gelegenheit, um nachzudenken: Wer nicht nachhaltig wirtschafte, riskiere sein Geschäft – vielleicht nicht in ein, zwei Jahren, aber langfristig. Noch werde aber mehr über Nachhaltigkeit geredet als tatsächlich gehandelt. „Nachhaltigkeit heisst nicht Null-Risiko. Aber das Risiko ist geringer, dass man in Zukunft neben den Schuhen steht“, formulierte Hans-Peter Burkhard griffig. Der Direktor des
Center for Corporate Responsibility and Sustainability an der Universität Zürich sieht Nachhaltigkeit als Gegenkonzept zur Finanzkrise. Diese andere Risikowahrnehmung werde weiterhelfen. Sein Wort in aller Akteure Ohr.- Konrad Hummler, Wegelin
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