Schweizer Pensions- & Investmentnachrichten
Die Zukunft der Kapitalanlage – die US-Perspektive
Veröffentlicht am:  02. November 2009

Der Putz von Amerika ist ab. Genau die richtige Zeit, um im Mutterland der Finanzkrise von renommierten US-Wissenschaftlern direkt zu erfahren, welche Lehren sie gezogen haben und was sie ihren Studenten künftig predigen werden. Das Ergebnis sind unsere zehn Thesen zur Zukunft der Kapitalanlage.

Für einen guten Wissenschaftler ist es das ultimative Ziel, Theorien zu entwickeln. Diese müssen zum einen rigoros sein und entsprechenden Prüfungen standhalten, zum anderen müssen sie auch relevant sein, insbesondere für ihre Adressaten. Im Zuge der Finanzkrise setzen sich Akademiker weltweit mit den Lehren auseinander, die Investoren ziehen sollten. Die Amerikaner nehmen dabei eine ganz besondere Rolle ein. Die Wall Street ist nach wie vor die Hochburg der Kapitalmärkte, und die USA sind zugleich der Ursprung der aktuellen Probleme.

 

Doch welche Thesen von heute führen zu den Theorien von morgen? spn hat vor Ort mit sieben namhaften Wissenschaftlern von der Harvard Business School und dem Massachusetts Institute of Technology in Cambridge bei Boston gesprochen, um herauszufinden, wie sich die institutionelle Kapitalanlage verändern wird und was Asset-Management-Talente an US-Eliteunis künftig lernen werden.

Das Ergebnis sind unsere zehn Thesen über die Zukunft der Kapitalanlage:

1. Der Rentenmarkt muss reformiert werden

Dies ist eine zentrale Erkenntnis von Harvard-Professor Ken Froot. Er erkennt fundamentale Fehler, wie die Bond-Märkte strukturiert sind: „Die Preissteller, die Broker und Handelsabteilungen, haben viel zu viel Macht.“ Da der Bond-Handel nicht annähernd so elektronisch organisiert ist wie der Aktienhandel, ist er weltweit sehr intransparent. Kombiniert mit der Marktmacht der Broker war das ein geeigneter Nährboden für das Marktversagen auf den Rentenmärkten. Froots Appell lautet daher, den Anleihenhandel so weit wie möglich über Börsen zu organisieren. Bisher handeln institutionelle Investoren kaum Renten, vor allem wegen der nicht unerheblichen Kosten.

Froot hofft jedoch, dass die Renteninvestoren aus ihren teilweise desaströsen Erfahrungen lernen: „Wenn der Markt konkurrenzfähiger wird, stehen die Chancen gut, dass Anleihen aktiver gehandelt werden – und die Kosten würden langfristig sinken.“ Bevor der Markt sich so organisiert hat, hält er auch Ansätze für ein quantitativ ausgerichtetes Bond Management für kaum zielführend. Professionellere Strukturen, sprich: Wettbewerb, Transparenz und Liquidität, werden laut Froot auch die Katalysatoren sein, dass Rentenportfolios in der Zukunft stärker von externen Spezialisten verwaltet werden als von Investoren selber. Da gerade deutsche Institutionelle den Grossteil ihrer Gesamtanlagen in Renten investieren, und das noch in Eigenregie mit häufig nur einer Person, öffnet sich spezialisierten Bond-Verwaltern ein bisher völlig verschlossener Markt – allerdings eher mittel- als kurzfristig.

Malcolm P. Baker
Harvard Business School
Spezialgebiet: Behavioral Finance, Asset Pricing,  Investment Management
Jüngste Veröffentlichung: „Can Mutual Fund  
Managers Pick Stocks? Evidence from Their Trades Prior to Earnings Announcements“, Journal of Financial and Quantitative Analysis (noch unveröffentlicht)
Jüngste Auszeichnung: Glucksman Prize, NY University, 2005
Besonderheiten:
– Berater von Acadian Asset Management
– Aufsichtsrat von TAL International

2. Die Bailout-Orgie: Moral Hazard und Wettbewerbsverzerrung

Harvard-Professor Robert Pozen, der auch Chairman der 150 Milliarden Dollar schweren Investmentgesellschaft MFS ist, stört es, dass viele Investoren die Asset-Management-Industrie mit Investmentbanken assoziieren. Sie, und nicht Asset Manager, hätten freilich fragwürdige Finanzinstrumente entworfen, mit denen sich Investoren die Finger verbrannt haben.

In seinem anstehenden Buch „Too Big to Save? How to Fix the U.S. Financial System“ (eine kurze Zusammenfassung von Yale-Professor Robert Shiller findet sich unter http://www.facebook.com/pages/Bob-Pozen/119996123644?v=app_2347471856) widmet er sich aber einer entscheidenderen Frage: Warum helfen die Amerikaner gewissen Institutionen, wie etwa Bear Stearns, und anderen nicht? Was sollen die Kriterien dafür sein, wieso wurden diese Kriterien nicht klar kommuniziert, und wie sollen insbesondere die Mega-Banken für ihre Fehler zur Verantwortung gezogen werden? Die USA haben nach seinen Recherchen bereits rund 600 Institutionen gerettet, nicht nur mithilfe von Garantien, auch mit Kapital – leider aber auch solche, die gar kein Kapital brauchten und spätestens bei der Diskussion um die Begrenzung ihrer Bonuszahlungen wieder zurückgerudert sind. Laut Pozen hat das alles nicht nur sehr viel unfairen Wettbewerb produziert, sondern auch Moral Hazard: „Man signalisiert den Banken, dass man sie retten wird, auch wenn sie sich keine Gedanken über ihre Kontrahenten und Risiken machen.“ Banken, die Asset-Management-Einheiten besitzen und Staatsgelder erhalten haben, wurden gegenüber unabhängigen Asset Managern deutlich bevorteilt, die jahrelang solide gewirtschaftet haben – ein Thema, das uns in Europa ebenfalls beschäftigt, heute genauso wie in den 70er Jahren.

Pozens Forderung nach vernünftigen Kriterien kann gar nicht ernst genug genommen werden, denn diese sind existenziell für ein Wirtschafts- und Währungssystem, das auf dem Haftungsprinzip und auf Vertrauen basiert – in seine Institutionen und Individuen.

Andrew W. Lo
MIT Sloan School of Management
Spezialgebiet: Asset Pricing, Financial Engineering, Ökonometrie
Jüngste Veröffentlichung: „Survival of the
Richest: Market Efficiency from an Evolutionary Perspective”, Princeton University Press (noch unveröffentlicht)
Jüngste Auszeichnung: James R. Vertin Award, CFA Institute, 2005
Besonderheiten:
– Mitglied im NASDs Economic Advisory Board
– Gründer und Chief Scientific Officer der AlphaSimplex Group, eines quantitativen Asset Managers (2007 an Natixis verkauft)

3. Zurück in die 70er Jahre (oder: der Bernanke-Witz)

Luis Viceira von der Harvard Business School, der sich durch seine Arbeiten zum Thema Asset Allocation einen Namen gemacht hat, erwartet die Inflation zwar nicht in naher Zukunft zurück, dafür rechnet er allerdings infolge der derzeitigen Geldmengenexplosion innerhalb der kommenden drei Jahre mit einer ähnlichen Lage wie in den 70er Jahren: mit der Stagflation. Er verweist darauf, dass sich seit dieser Zeit eine Blase im Treasury-Markt aufgebaut hat, nicht zuletzt aufgrund der kontinuierlich fallenden Zinsen. „In den USA kursiert daher der Witz, dass Bernanke die Amerikaner vor einer Rückkehr in die 30er Jahre gerettet, sie dafür jedoch in die 70er Jahre katapultiert hat.“

Viceira verweist darauf, dass sich in den 70er Jahren nicht nur Anleihen schlecht entwickelt haben, sondern auch Aktien – die „verlorene Dekade“. Der Holland-affine Viceira, der dort in den Beiräten von APG Investments (die Investment-Einheit des weltweit mit rund 180 Milliarden Euro drittgrössten Pensionsfonds, Stichting Pensioenfonds ABP) und Netspar sitzt (ein unabhängiges Research- und Ausbildungsnetzwerk, das sich den Themen Altersvorsorge, Alterung und Ruhestand widmet), schwört auf inflationsindexierte Investments. Sie machen laut Viceira bei US-Endowments mittlerweile zwischen 5 und 8 Prozent der Kapitalanlage aus. Gerade bei diesen Endowments, die nach den teilweise drastischen Verlusten mit Aktien im vergangenen Jahr in die Schusslinie der Kritik gekommen sind, würden sich diese Quoten im Rahmen ihrer Reallokation erhöhen.

Robert C. Pozen
Harvard Business School
Spezialgebiet: US-Finanzsystem, Regulierung
Jüngste Veröffentlichung: „Too Big to Save? How to Fix the U.S. Financial System“, John Wiley & Sons, November 2009
Jüngste Auszeichnung: Chairman of the SEC
Advisory Committee on Improvements to Financial Reporting, August 2008
Besonderheiten:
– Chairman of the Board von MFS Investment Management (seit 2004)
– Mitglied der Bush-Kommission für die Reform der sozialen Sicherungssysteme (2001–2002)

4. Asset-Klassen bleiben nicht, was sie waren

Die Krise lehrt uns, nicht fortzuschreiben, was nicht fortzuschreiben ist. Das gilt für Charakteristika von Asset-Klassen genauso wie für die Art, wie Vermögen gestreut wird. Noch vor einem Jahr bestaunte man amerikanische Endowments, wie die von Harvard oder Yale. Jetzt ist alles anders, in einem Umfeld, in dem traditionelle Long-Only-Ansätze ein Comeback feiern und „Cash“ risikobehaftet ist, Bewertungsabschläge von Renten grösser sind als die von Aktien und alternative Anlagen wie Hedgefonds und Private Equity auf dem Prüfstand stehen. In der Krise mussten bekannte Investoren ihre illiquiden Investitionen zu Dumping-Preisen verschleudern, so dass die Verluste ihnen die Möglichkeit nahmen, strategisch zu agieren. Die bekannten Endowments, die in den Medien zuvor tausendfach zitiert wurden, sind nur ein Beispiel dafür. „US-Investoren haben gelernt, dass sie doch keinen so langen Anlagehorizont haben, um sich so massiv auf illiquide Anlagen zu stürzen“, sagt Malcolm Baker von der Harvard Business School.

 

Kenneth Froot erwartet einen solchen Perspektivenwechsel auch bei Anleihen: Solange die strukturellen Probleme des Bond-Marktes nicht gelöst werden, kann die Investment-Welt Anleihen nicht als weniger risikobehaftet ansehen als Aktien – Staatsanleihen teilweise ausgenommen.

„Die sicherste Anlageklasse, so vermuteten wir alle für lange Zeit, sind Sichteinlagen oder Barbestände. Das sind sie aber nicht mehr“, sagt Luis Viceira, denn gerade diese Investitionen seien am stärksten betroffen, wenn sich Preise und Zinsen ändern (die sogenannten „Inflations- sowie Zinsänderungsrisiken“). Inflationsindexierte Anleihen könnten „Cash“ aus seiner Perspektive als sicherste Anlagen ablösen. Sollte dies der Fall sein, dann müssten die Erträge aus Investitionen in diese Anleihen theoretisch geringer ausfallen, was den Trade-off zwischen risikobehafteten und risikofreien Anlageklassen widerspiegelt.

Andrew Lo vom MIT verweist darauf, was Investoren eigentlich wollen: Berechenbarkeit. Dieser Wunsch wird ihnen erfüllt werden: In rund fünf Jahren könnten sich seiner Aussage nach Investoren gegen alle möglichen Unwägbarkeiten der Kapitalmärkte versichern: Wer sich maximal 15 Prozent Volatilität erlauben will, wird sich genau das kaufen können, erwartet Lo. Die idealen Einrichtungen, die das Counterparty-Risiko tragen können, sind für ihn Hedgefonds. „Das Problem an der jetzigen Krise ist, dass die falschen Anleger das Geld verlieren – also solche, die es sich eben nicht erlauben können.“ Letztere bezeichnet er insgesamt als „Schatten-Hedgefonds-System“.

Überhaupt spielen Hedgefonds in seinen Überlegungen über die Zukunft der Kapitalanlage eine wichtige Rolle – obwohl seinen Recherchen nach bereits 4.000 Hedgefonds weltweit vom Markt verschwunden sind. Aus seiner Perspektive haben Hedgefonds per saldo mehr Nutzen gestiftet als Kosten verursacht. Lo ist – wie schon Harvard-Professor Robert Merton im spn-Interview Anfang des Jahres – der Meinung, dass die Disziplin Financial Engineering die Effizienz des Finanzsystems eindeutig gesteigert hat. „Das ist natürlich auch mit Kosten verbunden, genauso wie die Industrialisierung zum Klimawandel geführt hat.“ Mit Anlegern, die strukturierte Produkte pauschal nicht mehr anfassen würden, will er sich im Gespräch nicht recht befassen. Er ist fest davon überzeugt, dass es schon in fünf Jahren nicht weniger Financial Engineering geben wird, sondern deutlich mehr (vergleiche Interview auf Seite 29).

Luis M. Viceira
Harvard Business School
Spezialgebiet: Kapitalmärkte, Investment Management
Jüngste Veröffentlichung: „Understanding
Inflation-Indexed Bond Markets“, NBER
Working Paper Series, No. 15014, Mai 2009
Jüngste Auszeichnung: Graham and Dodd Award, 2005
Besonderheiten:
– Im Aufsichtsrat von APG Investments
(Investment-Einheit des 180 Milliarden Euro schweren holländischen Pensionsfonds ABP)
– Wissenschaftlicher Beirat von Netspar
(Universität Tilburg)

5. Die Jagd nach Alpha geht weiter

Während die Investment-Industrie immer stärker hinterfragt, ob Investoren Alpha, also „eine Mehrrendite auf der Basis von einzigartigen Einsichten“ (Zitat Andrew Lo), überhaupt brauchen, gewinnen passive Strategien an Bedeutung. Die Wissenschaftler, von Robert Pozen über Kenneth Froot bis zu Andrew Lo, sind sich dagegen einig, dass es das ultimative Ziel bleibt, Alpha zu finden. Nach dem Motto: „Jedes Alpha wird irgendwann zum Beta“ gilt es, exklusive Informationsquellen ausfindig zu machen oder Informationen so zu verarbeiten, dass sie differenzierte Einsichten verschaffen.

Eine besondere Zukunft sieht Luis Viceira zum Beispiel in der Erforschung von Netzwerken und ihrem Einfluss auf die Wertentwicklung von Portfolios. Heutzutage gibt es seiner Ansicht nach ausreichend Daten, die es erlauben, unterschiedliche Informationen zu kombinieren und nach sichtbaren Verbindungen zu suchen. Netzwerke könnten eine Alpha-Quelle und für einzelne Portfolio Manager sogar ausschlaggebend für die Portfolio-Performance sein. Auch Andrew Lo und Viceiras Harvard-Kollege Lauren Cohen forschen bereits in diese Richtung. Ein Autorenteam um Cohen hat 2008 die preisgekrönte Arbeit „The Small World of Investing: Board Connections and Mutual Fund Returns” im Journal of Political Economy veröffentlicht.

Kenneth Froot betont, dass es das selbstverständliche Ziel eines Investors sein sollte, Alpha zu finden, „den Vater aller intelligenteren Investments“. Beta Management (Market Timing) sollte man deutlich unterscheiden vom rein passiven Investieren (Ruhen lassen) – für beide gilt aber das alte Zitat „There is no free lunch“, schliesslich sind auch hier die Wölfe und Schafe unter sich.

Andrew Lo geht indes weiter als alle anderen, indem er das Universum der künftigen Asset-Klassen, der verfügbaren Indizes und folglich auch der Alpha-Möglichkeiten deutlich ausdehnt: „Investoren werden sich in Betas von Liquiditäts-Trades oder Carry Trades engagieren können.“ Folgerichtig erwartet Lo ein intellektuelles Aufrüsten bei Asset Managern. Solche, die sich dem verweigern, haben vermutlich schlechtere Überlebenschancen, sollte ihre Performance nicht stimmen.

6. Die Finanzwelt benötigt komplexere Kapitalmarktmodelle

Andrew Lo appelliert für ein besseres Rahmenwerk, das erklärt, wie und warum Wandel sich vollzieht. Seit einigen Jahren arbeitet er deshalb an seiner „Adaptive Markets Hypothesis“ – eine Arbeit, die ihn zum Albert Einstein der Finanzmärkte machen könnte, wenn sie gelingen sollte. Weder die viel gescholtene „Efficient Markets Hypothesis“ noch der Hoffnungsträger der vergangenen Jahre, der Behavioral-Finance-Ansatz, taugen für sich alleine genommen dafür, den Wandel zu erklären, sagt Lo. Mit anderen Worten: Was Finanzprofessoren ihren Studenten auf der ganzen Welt in den vergangenen Jahrzehnten beigebracht haben, ist nicht alles falsch – aber eben auch nicht richtig.

Die Adaptive Markets Hypothesis basiert auf einem evolutionären Ansatz und bedient sich auch aktuellen Researchs aus der kognitiven Neurowissenschaft, einem Feld, das die Schnittstellen zwischen der Psychologie und der Volkswirtschaft transformiert und revitalisiert und bei dem die Bedeutung von Emotionen in der Entscheidungsfindung untersucht wird. Beispielsweise gibt es sehr interessante Untersuchungen, die Unterschiede im Lernen aus Angst und Lernen aufgrund von Belohnungen aufzeigen. Die Auswirkungen auf das menschliche Nervensystem sind viel intensiver, wenn Menschen in einem von Angst geprägten negativen Umfeld lernen.

Märkte sind laut Lo heute ebenso wenig falsch oder richtig wie in der Vergangenheit, sie passen sich vielmehr permanent an. Deshalb hebt er hervor, dass Investoren nicht „back to the basics“ predigen sollten, sondern Asset-Allocation-Strategien brauchen, welche die Marktdynamik noch stärker in Betracht ziehen.


Ausgerechnet Hedgefonds sollen künftig als
Kontrahenten für Portfolioversicherungen aller Art
dienen? Hier am MIT laufen die Vorbereitungen dazu.

7. Kosten und Gebühren werden zu zentralen Themen

Die Finanzkrise, da sind sich Malcolm Baker und Kenneth Froot einig, wird Wettbewerb deutlich einschränken. Das wird mit grosser Wahrscheinlichkeit zu höheren Kosten für Investoren führen, insbesondere bei Transaktionen. Hier wird es in Kürze zu einer nicht unerheblichen Konzentration unter den Anbietern kommen, die Anlegern nichts Gutes verheisst. Dies sollte auch zu grösseren Geld-Brief-Spannen führen – genau das spiegelt sich derzeit in den höheren Gewinnen der noch aktiven Broker deutlich wider.

Asset Manager müssen laut Andrew Lo viel transparenter werden und aktiv Zielkonflikte adressieren. Hierbei spielen auch symmetrische Gebühren eine Rolle – in Zeiten der Underperformance sollten sie auch Gebühren abgeben.

Der verhältnismässig geringe Austausch von Investoren untereinander hat insbesondere bei alternativen Anlagen dazu geführt, dass Private-Equity- und Hedgefonds-Anbieter zu hohe Gebühren verlangen konnten. Dies ruft danach, Interessen noch stärker zu verzahnen und gemeinsame Plattformen zu nutzen, die diesen Austausch ermöglichen. Dadurch werden Investoren deutlich bessere Konditionen verhandeln können, sei es in Bezug auf die Kosten oder hinsichtlich der Verpflichtungen, die sie eingehen. So werden beispielsweise Lock-up-Perioden bei Hedgefonds-Beteiligungen in Frage gestellt. Wieso sollte ein Anleger sich für bis zu zwei Jahre binden, wenn der Hedgefonds-Manager überwiegend in liquide Mittel investiert?

Ausserdem: Warum sollten Manager ihre Gebührenmodelle nicht kreativer gestalten können? Die Basisgebühr könnte in geeigneten Fällen durch eine pauschale Summe abgelöst und mit einer erfolgsabhängigen Vergütung kombiniert werden. Dies hat für den Anleger den Vorteil, dass mit steigendem Volumen die Gebühr nicht mehr linear steigt und eine Vergütung nur noch bei entsprechender Outperformance der gegebenen Benchmark erhoben wird. Es könnte künftig auch sogenannte Default-Regelungen geben, bei denen im Falle einer blossen Benchmark-Performance – oder einer schlechteren Wertentwicklung – automatisch die Gebühr einer passiven Anlage greift. Dies würde die Kluft zu passiven Anbietern schliessen.

8. No Future für Greenwashing

In Bezug auf nachhaltige Anlagen sollten Investoren laut Professor John Sterman vom MIT ein vertrauensbasiertes und gemeinschaftliches Vorgehen mit Unternehmen bevorzugen. Investoren würden davon nachhaltig profitieren.

Da die Öffentlichkeit die Ausmasse der derzeitigen Veränderungen der Erderwärmung und des Kohlendioxidausstosses nicht greifen kann, seien von Politikern keine einschneidenden und drastischen Massnahmen zu erwarten. Laut Sterman haben wir die natürlichen Ressourcen bereits stark überstrapaziert, aber auch unsere eigenen. Das alles, mit dem Ziel steigender Einkommen, hat uns gemäss Sterman aber nicht glücklicher gemacht. Wir arbeiten mehr und härter als zuvor, sind dadurch aber nicht zufriedener. Sterman verweist auf die „Desinvestition-aus-Südafrika-Bewegung“ aus den 70er Jahren oder die Reaktion der Rückversicherungsunternehmen auf den Klimawandel, um zu unterstreichen, welchen Einfluss Investoren, aber auch Unternehmen haben, um wirklich etwas zu bewegen.

Die Herausforderung für institutionelle Investoren und für Unternehmen sei es, transparente Verfahren zu entwickeln, um den Einfluss nachhaltiger Entscheidungen besser messen zu können. Sterman hält es für kaum möglich, dass Regierungen Unternehmen, aber auch Investoren zur Nachhaltigkeit zwingen können. Eine bessere Alternative sei ein Opting-Out-Modell, bei dem die Player entweder nachhaltige Kriterien erfüllen oder ausdrücklich erklären müssen, warum sie darauf verzichten. Er rät Investoren und Unternehmen, sich auf diese Entwicklung im eigenen Interesse bereits jetzt einzustellen und auf das sogenannte Greenwashing, also auf Alibi-Nachhaltigkeit, zu verzichten.

Kenneth A. Froot
Harvard Business School
Spezialgebiet: Asset Pricing, Behavioral Finance, Risikomanagement
Jüngste Veröffentlichung: „Lessons for the Current Financial Crisis from Catastrophe Reinsurance“, The Irrational Economist: Making Decisions in a Dangerous World, Public Affairs Books, New York (wird 2010 veröffentlicht)
Jüngste Auszeichnung: Berater des Premierministers von Slowenien (1991–1992)
Besonderheit: Gründer und Partner von FDO Partners LLC (seit 1997) und State Street
Associates (seit 1999)

9. Internationale Diversifikation wird Anleger enttäuschen

Internationale Diversifikation steht auch bei US-Institutionellen ganz oben auf der Agenda. Dennoch: Der sogenannte Home Bias, also Kapital bevorzugt in heimischen Kapitalmärkten und Unternehmen anzulegen, wird nach Einschätzung von Harvard-Ökonom Andrei Shleifer auch künftig dominieren. Er geht noch weiter: Trotz steigender Portfolioinvestitionen in die sogenannten Emerging Markets wird der Löwenanteil des institutionellen Vermögens weiterhin in die entwickelten Kapitalmärkte fliessen: „Diese Vermögen suchen den sicheren Hafen, liquide Märkte, in denen Eigentum vor staatlichen Zugriffen geschützt ist – und selbst Asien kann diese Anforderung trotz der blendenden Wachstumsraten wegen der äusserst mangelhaften Corporate-Governance-Strukturen nicht erfüllen.“

Dass die Amerikaner selbst Deutschland noch nicht als voll entwickelten Markt ansehen, mag auf den ersten Blick überraschen. Doch die immer noch engen Verflechtungen des Bundes und der Länder in Grossunternehmen sowie die lauten deutschen Rufe nach scharfer Regulierung der Finanzmärkte und ihrer Marktteilnehmer haben Deutschlands Image als zweitklassigen Finanzmarkt nicht verbessert, im Gegenteil: „There’re all kinds of anti finance talk from Germany“, sagt Shleifer, der in den 90er Jahren einer der massgeblichen Berater bei der russischen Privatisierung war.

Demgegenüber steht seit Jahren eine Vielzahl von Medienberichten, die internationale Diversifikation gerade auch in die aufstrebenden B- und C-Kapitalmärkte propagieren, ja geradezu einfordern. Harvard-Professor Malcolm Baker bemüht angesichts dieser Entwicklung jedoch eine alte Weisheit: „Wir sollten uns endlich vergegenwärtigen, dass Empfehlungen nicht für alle Investoren gleich gelten können.“ Darüber hinaus widerspricht er auch der These, wonach die Allokation in die Emerging Markets einen so signifikanten positiven Streuungseffekt haben wird, wie das noch vor Jahren der Fall war.

Kenneth Froot, der für seine Analysen internationaler Kapitalströme bekannt ist, weist auf ein anderes Problem hin: Gerade in den Emerging Markets kann gleichgerichtetes Verhalten von institutionellen Anlegern in denselben Finanzinstrumenten und Zielmärkten unangenehme Folgen haben – der Schuss mit der Diversifikation geht dann nach hinten los.

John D. Sterman
MIT Sloan School of Management
Spezialgebiet: Wandel in Organisationen,
Nachhaltigkeit, Klimawandel
Jüngste Veröffentlichung: C-Learn Climate
Simulation, Climate Interactive (
http://forio.com/simulation/climate-development), 2009
Jüngste Auszeichnung: Jamieson Prize, 2009
Besonderheit: Sterman gilt weltweit als der Pionier für interaktive Simulationen bei der Management-Ausbildung (Management Flight Simulators)

10. An Wall Street und der Londoner City führt kein Weg vorbei

Gerade US-Professoren, wie unter anderem die von uns befragten, haben neben ihren akademischen Verpflichtungen auch lukrative Nebenjobs – von Beratungsmandaten über Aufsichtsratsmandate bis hin zu Beteiligungen an Asset-Management-Gesellschaften. Insofern wäre es naiv zu glauben, man bekäme auf die Frage, ob denn die Finanzsupermacht USA ihren Höhepunkt erreicht hat und sich ihre Bedeutung – auch gemessen an der Marktkapitalisierung – entsprechend bald stärker relativieren wird, objektive Antworten. Die Tatsache, dass die drei Finanzinstitutionen mit der höchsten Marktkapitalisierung aktuell aus China kommen und nicht mehr aus den USA, könnte jedenfalls auf eine nahe Zeitenwende hindeuten.

Ebenso naiv scheinen aber die Stimmen zu sein, die das amerikanische Selbstverständnis und den unbedingten Willen unterschätzen, die unangefochtene Nummer eins im Finanzsektor zu bleiben und dafür auch tiefgreifende Änderungen zu akzeptieren. Klipp und klar formuliert es Andrei Shleifer: „Die USA bleiben die vorherrschende Finanzsupermacht; nur London kann mit der Wall Street mithalten, vor allem wegen seiner prädestinierten geografischen Lage zwischen den USA und Asien.“

Andrei Shleifer hat in seinen 25 Jahren als Ökonom viele sogenannte Paradigmenwechsel erlebt, in denen den USA ein grösserer Bedeutungsverlust prognostiziert worden war. „In den 80er Jahren meinte man, Japan werde ökonomisch die Welt beherrschen, und jetzt sind es China und die Bric-Staaten.“ Laut Shleifer sei es zwar möglich, dass der Anteil der USA sinkt, aber er bleibe dominant. Seine Gründe: Die USA haben immer noch die liquidesten und grössten Finanzmärkte der Welt, und nirgendwo sind Investitionen vom Rechtssystem mehr geschützt. Sein eingängigstes Argument ist ganz einfach: „Die USA sind wahrscheinlich immer noch der beste Platz auf der ganzen Welt, um Unternehmer zu sein.“

Andrei Shleifer
Harvard Department of Economics
Spezialgebiet: Political Economics, Psychology and Economics
Jüngste Veröffentlichung: „Unstable Banking“, Juni 2009
Jüngste Auszeichnung: Distinguished CES Fellow 2004, München
Besonderheiten:
– Berater der russischen Regierung bei der Privatisierung (1991–1997)
– Principal bei LSV Asset Management (1994 – 2003) und darüber Verbindung zu Josef Lakonishok (Gründer, CIO und CEO) 

Fazit: Verbessern, nicht verbieten!

Im Mutterland der Finanzmärkte und zugleich der schwersten Finanzkrise seit Jahrzehnten mangelt es nicht an Ideen, was künftig besser werden muss und wie die Zukunft für die Kapitalanlage aussehen wird. Dafür sind die Amerikaner offensichtlich bereit, ganz neue Perspektiven einzunehmen und Althergebrachtes über Bord zu werfen.

Wie ein roter Faden zog sich dabei ein wichtiger Aspekt durch die Gespräche mit den Gelehrten: Die Amerikaner wollen die Märkte durch mehr Transparenz verbessern, statt sie durch übermässige Regulierung sterben zu lassen. Dieser Grundkonsens ist äusserst bemerkenswert und hat in Europa kein Pendant. Er bildet, zusammen mit dem grundsätzlichen, nach wie vor ungebrochenen Glauben der Amerikaner an freie Märkte, das Fundament für eine weitere Beobachtung: Die Asset-Management-Industrie wird als ein höchst attraktives Geschäft angesehen, für das es sich auch in den kommenden Jahren und Jahrzehnten lohnt, seine Kinder und Enkel auf die Universität zu schicken.





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