Schweizer Pensions- & Investmentnachrichten
Vor neuen Ufern
Veröffentlicht am:  02. November 2009

Nach 75 Jahren Geschäftstätigkeit war das Jahr 2008 das erste in ihrer Geschichte, für das die Migros-Pensionskasse eine Unterdeckung ausweisen musste. Der Deckungsgrad ging laut Geschäftsbericht auf 97,1 Prozent zurück, was bei einer Jahres-Performance der Kapitalanlagen von minus 12,3 Prozent wenig wundert. Doch mittlerweile sieht alles schon wieder besser aus. Schliesslich ist der SMI als Thermometer des Schweizer Aktienmarktes nach den anfänglichen Abrutschern Anfang Jahr nun mit mehr als 10 Prozent doch deutlich im Plus. Die Migros-Pensionskasse ist wohl auch aus dem Schneider, denn der Deckungsgrad erreichte Ende August 2009 wieder 102,2 Prozent. „Das befriedigt natürlich“, so Geschäftsleiter Thomas Hohl. Von einem guten Anlagejahr 2009 will er aber noch nicht sprechen: „Das tue ich erst am Jahresende.“

Der Deckungsgrad ist nämlich längst nicht alles. Hohl weiss, dass die Kasse auch noch ihre Wertschwankungsreserven wieder äufnen müsste. 2008 wurden davon die letzten 2,2 Milliarden Franken aufgezehrt, um den eigentlichen Jahresverlust von 2,6 Milliarden Franken auf die im Geschäftsbericht ausgewiesenen 428 Millionen zu reduzieren. „Wir sollten wieder freie Mittel bilden können, da unser Rentnerbestand sich über einen Teuerungsausgleich freuen würde“, stellt er jetzt fest. Die Migros-Firmengruppe ist der grösste privatrechtliche Arbeitgeber der Schweiz. An die Migros-Pensionskasse sind 42 Arbeitgeber angeschlossen. Das Vorsorgewerk verwaltet 14,7 Milliarden Franken (Ende 2008) und zählt 56.153 aktive Versicherte sowie 25.836 Rentner.

Bei einem kritischen Rückblick in Sachen zweite Säule fällt Hohl vor allem Folgendes auf: In den 90er Jahren sei der hohe Deckungsgrad der Kassen – oft waren es mehr als 130 Prozent – zunehmend in die Kritik geraten und es wurde gefordert, die Mittel zu verwenden. Das geschah, doch die Risikopolitik wurde nicht angepasst. „Heute fehlen die Mittel, die via Beitragsferien, Rückerstattungen und Rentenerhöhungen vergeben wurden“, meint Hohl. Man hätte angesichts der hohen Deckungsgrade zuallererst die Risiken aus den Portfolios nehmen sollen. Allerdings werde die berufliche Vorsorge in der Presse mittlerweile schlechter dargestellt, als sie ist. Während die Tagespresse stets den Deckungsgrad zum Mass aller Dinge stilisiere, sieht er im Cashflow und der genügenden Liquidität zentrale Kennzahlen, die von der Stabilität einer Kasse Zeugnis ablegen. Allerdings leugnet auch Hohl nicht, dass es für Unternehmen unschön ist, wenn gemäss angelsächsischen Buchhaltungsrichtlinien allfällige Deckungslücken der Pensionskasse auf die Erfolgsrechnung eines Unternehmens durchschlagen (Anmerkung der Redaktion: Ein augenfälliges Beispiel mag die Lage zahlreicher der Ascoop angeschlossener Transportunternehmen sein, wie zum Beispiel die der Rigi Bahnen oder der BLS AG).

Passivseite im Vordergrund der ALM-Studie

Hohl misst dem kontinuierlichen Monitoring der Anlagetätigkeit grosse Bedeutung bei. Die MPK erledigt das mit ALM-Studien im Vierjahresturnus. Auch im laufenden Jahr wurde eine solche vorgenommen. Diesmal war es C-ALM, welche von der MPK beauftragt wurde. Bisher hatte die MPK mit anderen Beratern wie KPMG oder Ecofin gearbeitet. Nun habe man jedoch einen anderen Ansatz gesucht, der die Belange des Passivbereiches stärker reflektierte als bisher. Den konnte C-ALM eben bieten. Die MPK gehört noch zu den wenigen Kassen mit Leistungsprimat. In den vergangenen zehn Jahren wurden weder die Zielrenditen noch die notwendigen Renditen auf dem Vermögen erreicht. „Deshalb haben wir die Wertschwankungsreserven verloren“, so Hohl. Und auch auf lange Sicht sei es laut Studie recht unwahrscheinlich, dass wieder substanzielle Wertschwankungsreserven gebildet werden könnten.

Deshalb wird nun geprüft, ob der Leistungskatalog an die finanziellen Möglichkeiten der Kasse anzupassen wäre oder ob gar einem Primatwechsel der Vorzug zu geben ist, um das finanzielle Fundament der Kasse langfristig zu sichern. Es wird also zu Veränderungen kommen. Nicht rasch und dramatisch, aber doch wohlüberlegt und fundiert, betont Hohl. Da die Migros basisdemokratisch organisiert ist, gilt es nicht nur den überparitätisch besetzten Stiftungsrat der Kasse, sondern auch die letztlich entscheidende Delegiertenversammlung mit ebenfalls deutlich überparitätischer Besetzung in die Entscheidungsfindung mit einzubeziehen. Hohl ist aber optimistisch, dass dieses Vorhaben gelingt. Bisher habe es nie Schwierigkeiten gegeben, berichtet er. Man müsse eben auf die unterschiedliche Wahrnehmung der relevanten Sachverhalte Rücksicht nehmen. Bis 2012 ist vorgesehen, das neue Kassenreglement in Kraft zu setzen.

Anlagestrategie wird nur marginal adjustiert

Allerdings hat die ALM-Studie die bisherige Anlagestrategie der Kasse bestätigt. Die Strategie, die Asset Allocation und die Anlagen selbst sind demnach im Moment situationsadäquat. Der Markt gebe nicht mehr Rendite her, als man derzeit erziele, wenn man die Risikofähigkeit der Kasse berücksichtigt. Entsprechend sind nur geringe Variationen in der Asset Allocation geplant. Grundlegend ist vorgesehen, dass 60 Prozent der Gelder in Sachwerte angelegt werden, die wiederum in 30 Prozent Risikopapiere und 30 Prozent Immobilien zerfallen. Die restlichen 40 Prozent sind für Nominalwerte vorgesehen. 2008 schloss noch mit einem Übergewicht der Nominalwerte, die auf 47,2 Prozent des Vermögens kamen. Nun erfolgt lediglich eine leichte Variation der Zielgrössen. Für Aktien Schweiz sind das beispielsweise noch 8 statt bisher 10 Prozent, für

Aktien Ausland 17 nach bisher 16 Prozent. Alternative Anlagen dürfen 5 Prozent des Portfolios ausmachen. Hohl sieht darin den Core-Satellite-Ansatz realisiert: Auf 25 Prozent Aktien kommen 5 Prozent alternative Anlagen und auf 25 Prozent Immobilien Inland kommen 5 Prozent Immobilien Ausland. Von den Satelliten erhofft man sich eher eine Risikostreuung als eine Mehr-Performance.

Im laufenden Jahr zeigten sich die ausländischen Aktien in der Performance besser als die einheimischen Titel. Allerdings büsste diese Klasse 2008 auch markante 45 Prozent ein und war schlechter als die Schweizer Titel, welche um 35 Prozent nachgaben. Die MPK hat Aktien seit November 2008 antizyklisch zugekauft. „Seit März 2009 hat sich das sehr positiv entwickelt“, stellt Hohl nun fest. Auch bei Obligationen konnten im laufenden Jahr Fortschritte verzeichnet werden. Momentan weniger gut entwickelt sich die Situation bei den Immobilien Ausland. Diese leiden unter Abschreibungsbedarf, doch wird die Kassenrechnung auch durch Wechselkursverluste beeinflusst. Gegenwärtig verortet man aber Chancen in Australien und investiert in dortige Liegenschaften.

Mit Immobilien sehr zufrieden

Sehr konstant und mit guten Renditen zeige sich 2009 jedoch der schweizerische Immobilienbestand. Der machte per Jahres-ende 2008 mit 27,1 Prozent den grössten Teil des Portfolios der Kasse aus und warf respektable 4,8 Prozent ab. Migros setzt weiter auf die Anlageklasse. Seit einigen Monaten finden sich wieder vernünftige Angebote auf dem Markt, berichtet Hohl. Die MPK investiert dort wie bis anhin „relativ viel Geld“, sei es in Kauf oder Renovation von Objekten. Verhalten zeigt sich Hohl mit Blick auf die alternativen Anlageklassen. So recht zufrieden wirkt er bei dem Rückblick auf Private Equity und Hedgefonds nicht. Man könne diese Anlageklassen nicht mit der gleichen Elle messen wie die traditionellen und es gebe ausserordentlich hohe Wertschwankungen, sagt Hohl. Zudem seien gerade bei Hedgfonds die Benchmarks oft nicht transparent genug. Bei Private Equity kritisiert er die nötige langfristige Verpflichtung, die oftmals Liquiditätsbedürfnissen zuwiderlaufe. Dennoch wird die MPK ihr Exposure in alternative Anlageklassen von derzeit 4 auf 5 Prozent ausbauen.

Neue Engagements kann sich Hohl nun in Wandelanleihen und beim Ausbau der Emerging Markets vorstellen. Zudem ist vorgesehen, die bisher recht breiten Bandbreiten bei der taktischen Asset Allocation einzuengen und auch asymmetrisch um den Mittelwert herumzulegen. Zudem möchte man aktiver Aufträge zum Handeln, beziehungsweise Realisieren von bestimmten prozentualen Allokationszielen, vergeben. Der Anteil ausländischer Dividendenpapiere soll zu Lasten schweizerischer Papiere ausgebaut werden. Spezielle nachhaltige Anlagen sind nicht vorgesehen, und auch bei der Auswahl der gehaltenen Aktien spielen Nachhaltigkeitskriterien momentan keine Rolle, berichtet Hohl.

Verwaltungskosten? M-Budget!

Die MPK erledigt die Wertschriftenverwaltung mit ihrer eigenen Anlagestiftung. Deren Mitarbeiter sind innerhalb der Finanzverwaltung des Migros-Genossenschaftsbundes ein Team, das vorrangig für die MPK arbeitet. Allerdings agieren sie auch für andere Migros-Konzerngesellschaften wie beispielsweise Globus. Mandate für das Asset Management werden nicht nach aussen vergeben. Deshalb ist man ausserordentlich güns-tig: Die Gesamtkosten der Vermögensverwaltung für etwa 11 Milliarden Franken belaufen sich auf rund 2 Millionen Franken jährlich. Der Verwaltungsaufwand für die Umsetzung des Kassenreglements kostet den einzelnen Versicherten somit nur 97,60 Franken jährlich. Es gibt zwar immer wieder Anfragen von externen Kassen dank dieser günstigen Verwaltung, doch Hohl sieht derzeit noch rechtliche Probleme und ungeklärte Haftungsfragen, die ein solches Dienstleistungsangebot verhindern.





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