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Martin Gubler |
Für die Zurich Invest ist der beste Ratgeber für Pensionskassen eine maximale Diversifikation der Asset Allocation. Diese sollte am besten kontinuierlich um neue Anlageklassen erweitert und optimiert werden. Hierbei ist man für vieles offen, lediglich bei Private Equity ist man vorsichtig.
Fragen: Michael Lennert
Antworten: Martin Gubler, CEO, Zurich Invest AG
Martin Gubler ist seit Dezember 1999 für Zurich tätig. Er hat langjährige Erfahrung als Direktionsmitglied im Anlage- und Kapitalmarktgeschäft bei verschiedenen Bankinstituten.
Der gelernte Bankkaufmann hat unter anderem ein MBA in Financial Services and Insurance (HSG) erworben und absolvierte das Executive Program des Swiss Finance Institute (Swiss Banking School).
ML
spn: Herr Gubler, wie lauten derzeit die Top-Themen auf der Agenda der Zurich Invest AG?
Martin Gubler: Ein strategischer Schwerpunkt bei der Zurich Invest AG liegt derzeit auf der weiteren Optimierung der Anlageallokationen unserer verwalteten Pensionskassengelder. Zudem überprüfen wir die Lancierung weiterer Anlagekategorien. Dazu gehören beispielsweise Direktanlagen Immobilien Ausland und Investments im Bereich Infrastruktur.
spn: Wie gehen Sie bei der Erschliessung von neuen Anlagekategorien für die Portfolios vor?
Gubler: Bei der Erschliessung neuer Anlagekategorien legen wir besonderen Wert auf die Nachhaltigkeit und Transparenz. Aus unserer Sicht gehören kurzfristige Trendanlagen und strukturierte Produkte nicht zwingend in Portfolios von Pensionskassen. Bei der Lancierung neuer Anlagegefässe kommt dann der unabhängige Investitionsprozess der Zurich Invest zur Anwendung. Das heisst, externe Asset Manager werden ausschliesslich nach objektiven Kriterien ausgewählt.
spn: Sie sprechen die Asset Allocation an. Wie sind Sie denn mit Ihrer Asset Allocation bis jetzt durch die Krise gekommen?
Gubler: Im Vergleich zur Benchmark und zu Peer Groups sind wir bei unseren gemischten Vermögen bis anhin relativ gut durch die Krise gekommen. Das tröstet den Kunden natürlich wenig, da real doch substanzielle Verluste angefallen sind. Allerdings konnte im laufenden Jahr bereits wieder einiges aufgeholt werden.
spn: Wo lagen die Gründe für das relativ gute Abschneiden?
Gubler: Gründe für unser relativ gutes Abschneiden waren eine defensive Positionierung im Aktienbereich sowie das Festhalten an einer breiten Diversifikation in traditionelle und alternative Anlagekatego-rien. Deshalb waren wir auch nicht übermässig enttäuscht über die Entwicklung unserer Hedgefonds-Anlagen. Diese – oft zu Unrecht an den Pranger gestellt – haben wir nie als Obligationenersatz oder als Anlage mit stets positiven Erträgen betrachtet. Sie wurden anstelle einer höheren Aktienquote eingesetzt. Das hat sich auch in der Krise bewährt, in der Verluste bei Hedgefonds deutlich geringer ausgefallen sind als bei Aktien. Diese Diversifikation ist Voraussetzung, um langfristig mit möglichst geringem Risiko eine gute reale Rendite zu erzielen.
Zusätzlich hat uns geholfen, dass die Mehrheit unserer aktiven Aktienmandate Überschussrenditen gegenüber der Benchmark erzielt hat.
spn: Sie sprachen Aktien an. Die Durchschnittsrendite, die man mit Aktien in der Vergangenheit erwirtschaften konnte, sank durch die Krise substanziell. Zudem sieht es so aus, dass man auch in Zukunft mit weniger grossen Wachstumsraten rechnen muss. Liegt die Zeit der Aktien somit hinter uns und sollte man eher auf sichere Obligationen setzen?
Gubler: Natürlich sah man im Höhepunkt der Krise eine Flucht in Obligationen – vorzugsweise festverzinsliche Staatspapiere. Das hat nominell sicher seine Berechtigung. Real sieht das natürlich wieder anders aus, insbesondere wenn man mögliche Inflationsszenarien in die Diskussion mit einbezieht. Dann nützt es wenig, wenn man eine Nominalgarantie hat, aber reale Wertverluste erleidet. Langfristig betrachtet sollte man Aktien aber ganz bestimmt nicht den Rücken kehren. Investments in gut geführte Unternehmungen versprechen auch in Zukunft attraktive Renditen und bieten weit besseren Schutz gegen Inflation als festverzinsliche Anlagen. Die Notenbanken werden zwar versuchen, solche Tendenzen im Keim zu ersticken. Aber der Verdacht, dass die Politik in vielen Staaten in Zukunft mehr Inflation in Kauf nehmen wird, um die immensen Schuldenlasten zu reduzieren, lässt sich auch nicht von der Hand weisen.
spn: Was bedeutet diese Argumentation für Ihre Asset Allocation?
Gubler: Gegenwärtig sind Aktien in unseren Mischmandaten neutral gewichtet, und wir sehen keinen Grund, eine aggressivere Position einzunehmen. Die Aktienmärkte haben sich seit den Tiefs im ersten Quartal um rund 40 Prozent erholt. Der gestiegene Risikoappetit der Investoren hat die meisten Indizes auf neue Jahreshöchststände getrieben, und die Gefahr einer zu optimistischen Reaktion auf die Quartalsperiode birgt ein gewisses Rückschlagspotenzial. Wir bei Zurich Invest halten allerdings nichts von ständigen taktischen Umschichtungen, zudem birgt ein Ausstieg aus Aktien die Gefahr, an den bes-ten Tagen nicht mit dabei zu sein. Oft sind ein paar wenige starke Börsentage für einen grossen Teil der Performance verantwortlich.
Zusätzlich diktiert natürlich auch die Risikofähigkeit der Pensionskassen die Höhe des Engagements in derartigen Beteiligungspapieren. Gleichwohl stellt sich natürlich auch die Frage, wie man Risiko definiert. Und im Moment generell zu sagen, Aktien sind risikoreich, Obligationen hingegen nicht, halte ich nicht für die richtige Analyse für den langfristigen Investor.
spn: Haben sich die Portfoliostrukturen wegen der Krise verändert?
Gubler: Nicht wesentlich. Beispielsweise die Allokationen unseres Anlageprofils „Defensiv“ mit limitierter Risikofähigkeit bestimmen sich aus dem vorhandenen beziehungsweise definierten Risikobudget. Wir wollen verhindern, dass im „worst case“ mit höchstmöglicher Wahrscheinlichkeit ein Verlust von 7 Prozent überschritten wird.
Die Aktienbandbreite liegt zwischen 15 Prozent und 30 Prozent. Dabei halten wir auch alternative Anlagen wie Immobilien (10 bis15 Prozent) und Hedgefonds (5 bis 10 Prozent) im Portfolio. Der Rest setzt sich grösstenteils aus in- und ausländischen Obligationenanlagen im Investment-Grade-Bereich zusammen. Wie bereits erwähnt, werden wir versuchen, diese Diversifikation mit neuen Anlageklassen weiter zu optimieren. Maximale Diversifikation ist für die langfristig orientierten Pensionskassen der beste Ratgeber – vor, in oder nach der Krise.
spn: Fehlt dann nicht noch Private Equity als alternative Beimischung in Ihren Anlagestrukturen?
Gubler: Das Schwierige bei Private Equity ist, dass eine Investition nur Sinn macht, wenn man bei den besten Private Equity Managern der Branche (Top Quartile) dabei ist. Nur die sind in der Lage, einen substanziellen Mehrwert gegenüber kotierten Aktien beziehungsweise eine gute Prämie für die geringere Liquidität zu erzielen.
Die Manager-Selektion, aber auch Umsetzung und Allokation sind anspruchsvoll. Gleichzeitig korreliert Private Equity stark mit dem Aktienmarkt.
Deswegen beschäftigen wir uns gegenwärtig auch eher mehr mit Anlagemöglichkeiten, die geringere Korrelationen zu Aktien aufweisen. Aber natürlich ist Private Equity ein Thema, mit dem wir uns laufend auseinan-dersetzen.
spn: Doch so optimal hat das Prinzip der Diversifikation im vergangenen Jahr doch nicht funktioniert, oder?
Gubler: Ich denke, das kommt auf die Sicht des Betrachters an. Richtig ist allerdings, dass überdurchschnittlich viele Anlagekategorien südwärts tendiert haben, wie neben Aktien insbesondere auch ausländische kotierte Immobilienanlagen, Hedgefonds und Commodities. In unserem Fall haben zum Höhepunkt der Krise aber Schweizer Immobilienanlagen und Hedgefonds als Aktiensubstitut durchaus einen positiven Diversifikationseffekt erzielt und die Verluste gedämpft.
spn: Aber haben nicht etwa Anlagen, wie Hedgefonds, die in jeder Marktlage absolut positive Returns versprochen haben, auch enttäuscht?
Gubler: Versprochen denke ich nicht, aber dort, wo Hedgefonds anstelle von Obligationen eingesetzt wurden, dürfte die Enttäuschung natürlich gross sein.
Wie bereits erwähnt, haben wir Hedgefonds nie als Absolute-Return-Anlagen oder als Ersatz für Obligationen betrachtet.
spn: Kommen wir zu einem Thema der Pensionskassenlandschaft. Zahlreiche Pensionskassen sprechen von strukturellen Problemen. Wie sehen Sie diese und wie geht man da vor?
Gubler: Eine Kasse kann eine ungünstige Struktur aufweisen, wenn sie beispielsweise einen grossen Rentnerbestand hat. Eine Lösung könnte darin bestehen, die Rentner aus der Kasse herauszulösen, mit der Konsequenz, dass die Kasse zwei Anlagestrategien fährt: eine, die auf die Verpflichtungen von Rentnern, und eine, die auf die Risikofähigkeit von den Aktiven ausgerichtet ist. Man könnte beispielsweise eine Rentnerkasse gründen oder eine gemeinsame Kasse, bei der sich Unternehmen zusammenschliessen. Das kann auch eine Versicherungslösung sein, bei der ein Versicherer anbietet, die Rentner zu übernehmen, mit der Konsequenz, dass das Langlebigkeitsrisiko auf die Versicherungsbilanz übergeht.
Generell entscheidend ist der gerechte Ausgleich zwischen Aktiven und Rentnern. Hier muss man genau prüfen, wer die Risiken trägt. Das Problem der Demografie ist keine kurzfristige Angelegenheit, das muss man jetzt anpacken, sonst verlieren die Pensionskassen einen Grossteil der Handlungsfähigkeit.
spn: Sie sprechen den gerechten Ausgleich zwischen Aktiven und Rentnern an. Hier sind wir doch auch bei der Diskussion um den Umwandlungssatz. Senken oder nicht, das ist hier die Frage, oder?
Gubler: Der Umwandlungssatz sollte natürlich an die realen Gegebenheiten angepasst werden. Die Lebenserwartung steigt, mit der Konsequenz, dass eine längere Periode finanziert werden muss. Ein Problem in der Schweiz ist, dass etliche BVG-Themen oft nur plakativ abgehandelt werden. So werden die Rentner beispielsweise oft nur als Opfer dargestellt. Langfristig betrachtet sind es aber die Aktiven, welche die Rechnung beziehungsweise Defizite zu begleichen haben. Es ist daher wichtig, diese Interessengruppe besser zu mobilisieren.
spn: Wie steht es generell um Versicherungslösungen bei der beruflichen Vorsorge?
Gubler: Die klassische Vollversicherungs-Pensionskassenlösung bietet die Zurich schon länger nicht mehr an. Sie entspricht weder den Bedürfnissen des Kunden/der Destinatäre noch den Aktionären der Anbieter. Diese Modelle wurden über viele Jahre durch eine überdurchschnittlich gute Börsenentwicklung getragen. Heute ist die Situation eine ganz andere. Die Anlagestrukturen, die Versicherer aufgrund Bilanzanforderungen oder aufsichtsrechtlicher Verordnungen umsetzen müssen, können nicht (mehr) optimiert auf die Bedürfnisse der langfristig orientierten Destinatäre ausgerichtet werden. Suboptimale Lösungen können in der Regel langfristig nicht überleben. Aber wie heisst es oft: Totgesagte leben länger.
spn: Sie sprechen den klassischen Konflikt Sicherheit versus langfristiges Investieren an.
Gubler: Natürlich sagen mir Leute, das ist zwar gut, was sie uns erzählen. Aber bei Ihnen gibt es gleichwohl kurzfristige Risiken, es kann zur Unterdeckung kommen und es besteht das Risiko von Sanierungsbeiträgen. Das stimmt, aber auch die Versicherer haben ihre Stellschrauben. Sicherlich hat man eine Garantie, doch wenn sich die Märkte schlecht entwickeln, steigt zeitgleich das Risiko von Prämienerhöhungen.
Und ob man nun Gelder in Form von Sanierungsbeiträgen oder in Form von Prämienerhöhungen einsammelt, kommt im Prinzip auf das Gleiche heraus.
spn: Themenwechsel. Welche Lehren ziehen Sie aus der Krise?
Gubler: Nehmen Sie als Beispiel das Risikomanagement. Ich glaube nicht, dass das Risikomanagement während der Krise versagt hat. Das Risikomanagement hat aufgezeigt, dass es Klumpenrisiken gibt. Wichtig ist aber, dass man diese Risiken nicht ignoriert, sondern vermeidet, und da kommt die langfristige Sicht der Diversifikation wieder ins Spiel.
spn: Bedeutet das: Nach der Krise ist vor der Krise? Als Beispiel kann man hier sicher nehmen: Einige Investmentbanken verdienen ja schon wieder so prächtig wie vor der Krise. Bei denen hat man bestimmt nicht das Gefühl, dass sie sonderlich viel gelernt haben?
Gubler: Ein Fakt ist, dass sich Krisen mittlerweile schneller wiederholen. Das ist natürlich beunruhigend. Aber der Mensch gewöhnt sich auch an Krisen – mit der Konsequenz, dass er nicht mehr ganz so extrem reagiert, wenn diese schneller aufeinander folgen würden. Und das ist sicherlich gut. Um nicht falsch verstanden zu werden: Das soll kein Zweckoptimismus sein. Aber wir alle stehen vor grossen Herausforderungen, die es mit Zuversicht zu lösen gilt – besser heute als morgen.
spn: Vielen Dank für das Gespräch.
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