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Christer Elmehagen |
Das schwedische System der Altersvorsorge und der BV ist so stabil, dass ihm trotz der in Schweden üblichen aggressiven Anlagestrategien die derzeitige Krise wenig anhaben kann, glaubt ein langjähriger, just ausgeschiedener CEO, der das System von innen kennt.
Fragen: Reiner Gatermann
Antworten: Christer Elmehagen, bis Dezember 2008 zehn Jahre lang Vorstandsvorsitzender des schwedischen Versicherungsunternehmens AMF
spn: Herr Elmehagen, auch die schwedische BV basiert nicht auf einer Pflicht, sondern auf Vereinbarungen zwischen den Tarifparteien. Trotzdem haben rund 90 Prozent der Arbeitnehmer irgendeine Art von BV. Was macht das schwedische System so attraktiv?
Elmehagen: In Schweden haben wir eine lange, erfolgreiche Tradition der Zusammenarbeit zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften. Sie begann bereits in den dreissiger Jahren des vorigen Jahrhunderts und hält bis heute an. Die vielen Kollektivverträge bilden eine gesunde Machtbalance zwischen den beiden Organisationen. Beide sind sich einig darin, so weit wie möglich eigene Lösungen zu finden, statt den Gesetzgeber anzurufen. Vom Ende der siebziger bis Mitte der achtziger Jahre hatten wir eine Periode, in der die Gewerkschaften glaubten, mit Hilfe einer starken sozialdemokratischen Regierung ihre eigene Position auf dem Gesetzeswege verbessern zu können. In den neunziger Jahren bereuten sie dies, als sich die Arbeitgeber aus der Zusammenarbeit zurückzogen. Es dauerte lange, die Vertrauensbasis wieder zu stärken. Man sah ein, eine Terrorbalance – wie wir es hier gern nennen – dient unseren gemeinsamen Interessen am besten.
spn: Nun scheint das Demographie-Problem in Schweden nicht so dramatisch wie in anderen Ländern zu sein, doch auch hier verändert sich die Bevölkerungspyramide recht stark. Wie stellt sich Schweden darauf ein?
Elmehagen: Wir haben den ersten Schritt getan, indem wir das freiwillige Pensionsalter heraufgesetzt haben. Jeder Arbeitnehmer hat das Recht, bis zum 67. Lebensjahr zu arbeiten, und ich bin davon überzeugt, es werden weitere ähnliche Massnahmen kommen. Es gibt kaum noch jemand, der mit 61 in den Ruhestand gehen will. Und dieser Trend wird sich verstärken, falls die gesetzliche Rente tatsächlich gesenkt werden sollte. Dann wird die BV noch attraktiver. Und ich glaube auch, dass Schweden auf längere Sicht ein Gesetz bekommt, dass das Pensionsalter verpflichtend heraufsetzt.
spn: Schwedische Versicherungsgesellschaften haben einen Grossteil ihres Kapitals in Aktien investiert. Die bereits veröffentlichten Zahlen für 2008 und vor allem die Prognosen geben Anlass zu Befürchtungen. Besteht die Gefahr von Unterdeckungen?
Elmehagen: Nein. Unser System ist so konstruiert, dass wir über die Garantieausschüttung hinaus über ausreichende Reserven und Anpassungsmöglichkeiten verfügen, mit denen eine Unterdeckung ausgeschlossen ist. Allerdings könnte die nicht garantierte Ausschüttung schrumpfen. In bin weiterhin davon überzeugt, dass über einen längeren Zeitraum Aktien eine bessere Rendite aufweisen als andere Anlageformen, auch wenn es heute nicht danach aussieht.
spn: Gäbe die aktuelle Finanzkrise Anlass, die Prinzipien des schwedischen Systems zu überprüfen?
Elmehagen: Nein. Es enttäuscht mich dagegen, dass jetzt, wo das System erstmals auf eine ernsthafte Probe gestellt wird und vielleicht einige Renten gekürzt werden müssen, einige Politiker gleich nach Eingriffen und Korrekturen rufen. Damit zeigen sie einen kurzfristigen Opportunismus anstatt der langfristigen Klugheit zu vertrauen. Auf längere Perspektive hin hege ich keine Befürchtungen für das schwedische Pensionssystem. Was wir dagegen benötigen, ist ein besseres Wissen der Versicherungsnehmer, damit sie fundierte Investment-Entscheidungen treffen können. Gleichzeitig müssen unsere Politiker dem System Arbeitsruhe geben und es nicht bei der ersten Gelegenheit durch plumpe Eingriffe beeinflussen, wie es sich jetzt andeutet. Demnach wollen sie die sogenannte Bremse im System, die 2010 zu einer Pensionssenkung führen könnte, aufheben. Das halte ich für falsch, denn die Bremse, auch wenn sie im Augenblick unbequem sein mag, soll die langfristige Stabilität des Systems sichern.
spn: Welche Position nehmen die schwedische Finanzdienstleistung und die schwedische Regierung in Brüssel bezüglich der Solvency-II-Regelungen ein?
Elmehagen: Die schwedische Regierung ist in Brüssel doch recht aktiv. Vor allem geht es um die Frage, welche Mittel wir in unsere Kapitalbasis einbeziehen können. Werden unsere nicht garantierten Mittel als Teil unserer Kapitalbasis akzeptiert, dann haben wir keine Probleme mit Solvency II. Wir glauben, in dieser Frage in Brüssel Gehör gefunden zu haben. Sollte dagegen die Kapitalbasis nur die garantierten Mittel umfassen, dann kann Versicherungs-Schweden zumachen.
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