Schweizer Pensions- & Investmentnachrichten
Abseits des Alltags

Christoph Oeschger, Geschäftsführer, Avadis Vorsorge AG und ABB Pensionskasse

Veröffentlicht am:  14. April 2009

Auch die Pensionskasse der ABB war im Jahr 2008 nicht auf Rosen gebettet. Der Deckungsgrad sank bis Ende des Jahres auf 97 Prozent, die Jahres-Performance auf die Vermögensanlagen betrug minus 8,3 Prozent. „Es war in jeder Hinsicht ein dramatisches Jahr“, erklärt Christoph Oeschger, Geschäftsführer der Avadis Vorsorge AG und Steuermann der ABB Pensionskasse. Es ist nicht nur, dass die Aktienmärkte eine sehr schlechte Entwicklung zeigten. Was Oeschger wirklich beunruhigt: Offenbar hat das Konzept der Diversifikation versagt. „Wir sind immer noch in einer Phase, in der wir versuchen zu verstehen, was geschehen ist“, resümiert er. Und es geht darum herauszufinden, ob 2008 in dieser Hinsicht ein Ausnahmejahr war oder ob man möglicherweise ein Opfer von gewissen grundlegenden Irrtümern geworden ist.

Immerhin konnte die ABB Pensionskasse das „ausserordentlich schlechte Jahr“ 2008 noch recht vernünftig abschliessen. Nachdem per Mitte 2008 eine Negativ-Performance von 3,8 Prozent erzielt wurde, akzentuierte sich der Verlust per Jahresultimo auf 8,3 Prozent. Damit ging der Deckungsgrad auf rund 97 Prozent zurück. Die Bilanz der Kasse weist Ende 2008 ein Volumen von 2,9 (Ende 2007: 3,2) Milliarden auf. „Je mehr wir Zahlen anderer Kassen sehen, umso mehr zeigt sich, dass es ein vergleichsweise sehr gutes Resultat ist“, meint Oeschger. Doch Anfang 2009 brachte kein Balsam, sondern eher noch Salz auf die Wunden im Portfolio. „Es macht nicht sehr zuversichtlich, wenn man die ersten zehn Wochen des laufenden Jahres anschaut“, sagt er.

Unterdeckung ist absehbar

Auch bei ABB heisst es jetzt, Situationen ins Auge zu schauen, die es in den vergangenen Jahrzehnten nicht gab. Denn der Deckungsgrad ist mittlerweile in der Gegend von 90 Prozent angekommen, Sanierungsmassnahmen werden absehbar. „Ein Deckungsgrad von 90 Prozent ist gravierend“, gibt Oeschger zu. Mit Blick auf aktuelle Massnahmen fallen dann Vokabeln wie Zinsverzicht und sogar Sanierungsbeiträge. Noch im ersten Halbjahr dieses Jahres ist mit diesbezüglichen Entscheidungen zu rechnen.

Ansonsten wird man versuchen „Zusatzballast“ abzuwerfen, sprich Zusatzleistungen der Kasse zu reduzieren. Per Anfang 2009 gab es bereits einschneidende Veränderungen im überobligatorischen Bereich. Dort wurde beschlossen, dass die Wahlmöglichkeit zwischen Renten- und Kapitalbezug eingeschränkt wird. Ab einem gewissen Salär müssen die Neu-Pensionäre hier nun das Kapital beziehen. Hintergrund ist, die demografische Entwicklung abzufedern und die Zahl der Rentner und Versicherten wieder zu einem besseren Gleichgewicht zu führen.

Quote Versicherte-Rentner ungünstig

Dieses Verhältnis ist auch im obligatorischen Teil nicht auf Seiten der Kasse. Denn Ende 2008 fanden sich dort 7.674 Versicherte und 7.600 Rentner. Zudem ist das Durchschnittsalter der Versicherten mit 42 Jahren vergleichsweise hoch. Es wurden denn auch bereits in den vergangenen Jahren schon verschiedene Optimierungsmassnahmen zur Senkung der finanziellen Belastung der Kasse ergriffen. Dazu zählte unter anderem die Senkung des Umwandlungssatzes. Dieser wird bis 2011 auf 6,5 Prozent zurückgeführt. Auch der technische Zinssatz wurde mit 3,375 Prozent neu definiert. Oeschger sieht allerdings die Möglichkeit, dass sich der Stiftungsrat doch noch mit weiterführenden Überlegungen in dieser Richtung befassen wird. Eventuell könnte das 2010 der Fall sein. Hier werden dann existente Leistungsangebote im Vordergrund stehen, die noch nicht vollständig ausfinanziert sind.

Von Seiten der Versicherten ist in der aktuellen Lage keine sonderlich erhöhte Quote von besorgten Anfragen zu melden. Demnach gebe es lediglich auf insgesamt tiefem Niveau mehr Anfragen von Versicherten zur Kassenlage. Allerdings informiert die Kasse derzeit auch besonders aktiv – mit dem Wissen um die allfällige Ankündigung eines Zinsverzichts sicher ein wichtiger Schritt auf die Versicherten zu. Doch werden Nullverzinsung und Sanierungsbeiträge nicht ausreichen, um die Kasse wieder in die grüne Zone zu führen. „Eine Sanierung gegen die Märkte wird nicht funktionieren“, meint Oeschger. Die Unterdeckung sei das Resultat des Exposures gegenüber den Kapitalmärkten. „Und nur die Kapitalmärkte können uns da wieder heraushelfen.“

Indexiert investiert

Derzeit ist die ABB Pensionskasse in den meisten Anlagekategorien indexiert investiert. Dabei werden Indizes exakt repliziert und keine entsprechenden Produkte gekauft. Das ist dank der zur Verfügung stehenden Kapitalvolumen möglich. Die jeweils beauftragten Asset Manager erhalten Flat Fees als Vergütung. Obligationen in Schweizer Franken verwalten demnach CSAM, ZKB und Loyal Finance. Fremdwährungsanleihen steuert State Street. Im Aktienkorb Schweiz spiegelt Verwalter UBS den eigenen UBS-100-Index wider und für Aktien Welt ist wiederum State Street zuständig. Die Kategorie Private Equity wird über direkte Anteile an Limited Partnerships realisiert, wobei hier Portfolio Advisors zur Seite stehen. Und Goldman Sachs liefert Dach-Hedgefonds. Schweizer Immobilien schliesslich bestehen aus einem grossen Paket an der entsprechenden Avadis Anlagestiftung. Diese ist gegen 1,6 Milliarden Schweizer Franken schwer, davon stehen 560 Millionen der ABB Pensionskasse zu. Im Portfolio sind hier zu 80 Prozent Wohnliegenschaften, der Rest entfällt auf Büro- und andere gewerblich nutzbare Flächen. Derzeit laufen auch diverse Bauprojekte mit Volumen zwischen 30 und 50 Millionen Franken in verschiedenen Schweizer Städten und Regionen.

Im laufenden Jahr wird man sich bei ABB die Frage nach der künftigen Struktur der Asset Allocation stellen. Derzeit hält die Kasse noch an ihren strategischen Quoten fest, es werden auch schon seit Monaten Aktien zugekauft, um das untere Ende der vorgesehenen Bandbreite nicht zu verlassen. Diese lautet für Aktien Schweiz auf 7 Prozent und für Aktien Welt auf 14 Prozent. Aktien der Emerging Markets, Hedgefonds und Private Equity sollen mindestens ein Prozent des Kassenportfolios darstellen. Doch im Sommer möchte man sich nochmals grundlegend mit der Strategie befassen und die Asset Allocation gegebenenfalls einer Revision unterziehen. Für einen unabhängigen Blick von aussen im Sinne einer Second Opinion wurden PPCMetrics noch mit einem Gutachten beauftragt.

Die Probleme mit der Kapitalanlage überstrahlen laut Oeschger alle anderen Vorhaben der Kasse. Seiner Meinung nach werden sich Kassen von gewissen Anlageklassen vermehrt trennen. Unter diesen würde er Hedgefonds ansiedeln. Aber auch bei Private Equity glaubt er nicht an lebhafte Volumenzuwächse und erwartet ein geringeres Interesse an Rohstoff-Investments.

Vernetzung zerstört Diversifikation

Das eingangs erwähnte Versagen des Diversifikationsansatzes beschäftigt Oeschger indessen intensiv. Er kann sich vorstellen, dass eine Ursache dafür in der starken Vernetzung der Marktteilnehmer lag. Alle hätten die gleichen Konzepte und Informationen genutzt. Wer Aktien hatte, besass auch Hedgefonds et cetera. Die Schwäche eines Teilmarktes habe die anderen beeinträchtigt. Möglicherweise seien die als einzelne Märkte identifizierten Segmente doch viel stärker voneinander abhängig, als man bisher glaubte. „Ich spüre am Markt eine gewisse Hilflosigkeit“, gibt Oeschger zu. Je diversifizierter eine Kasse war, umso schlechter habe sie abgeschnitten.

Zwar habe man schon gewusst, dass Korrelationszahlen in Stresssituationen schlechter funktionieren und tendenziell in Richtung 1,0 streben. Doch 2008 scheint einiges fundamental anders gelaufen zu sein. Wandelanleihen sind fast so stark eingebrochen wie Aktien. Hedgefonds verloren etwas weniger, brachten aber in keinster Weise, was man erwartete. Rohstoffe kamen gleichermassen unter die Räder. „Eigentlich ist alles in die falsche Richtung gelaufen mit Ausnahme der Immobilien Schweiz“, resümiert Oeschger. Nun werde es mental immer schwieriger, rational zu bleiben. Zwar würden Pensionskassen als langfristige Anleger bei schwachen Märkten nicht gleich kalte Füsse bekommen. Doch gebe es Schmerzgrenzen. Mittlerweile sei alles anders geworden. „Wir betreten im eigentlichen Sinne Neuland. Wir weisen Unterdeckungen auf, die wir uns nicht vorstellen konnten.“

Tabelle 1: Asset Allocation 2008

Tabelle 2: Performance 2008

Tabelle 3: Entwicklung Rentner- und Versichertenzahlen

Tabelle 4: Entwicklung Deckungsgrad 1999–2008





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