Schweizer Pensions- & Investmentnachrichten

Manuel Amman

„Äusserst beschränkte Erfolgsaussichten“
Veröffentlicht am:  12. Dezember 2008

Pensionskassen sind nicht sehr erfolgreich mit einem aktiven Investment-Ansatz. Dies sagt auf jeden Fall der Sankt Galler Finanzmarktspezialist Manuel Ammann. Sie seien auch nicht sehr erfolgreich in der Selektion der Anlage-Manager. Aber egal, denn: Bei Pensionskassen geht es schliesslich um Beta, und nicht um Alpha.

Fragen: Andreas Valda

Antworten: Manuel Ammann, Professor für Finanzmarkttheorie und Direktor des Instituts für Finanzen und Banken an der Universität Sankt Gallen

Manuel Ammann ist Professor für Finanzen an der Universität Sankt Gallen. Er leitet das Masterprogramm für Banken und Finanzen und Doktorate in Finance.

Manuel Ammann war Gastprofessor an der New York University und Assistenzprofessor an der University of California in Berkeley. Er gibt die Fachzeitschrift „Financial Markets and Portfolio Management“ heraus, forscht über Finanzmärkte, derivative Instrumente und Asset Management, berät Banken, Investoren, Industrieunternehmen, Behörden und präsidiert die Sankt Galler Firma Algofin. Ammann kam 1970 in Romanshorn am Bodensee zur Welt und ist dort aufgewachsen. An der Simon Fraser University in Kanada studierte er Informatik als Erststudium. Ammann wohnt in Sankt Gallen, lenkt Segelflugzeuge und ist Fallschirmspringer.

spn: Herr Ammann, dieses Gespräch führen wir Mitte November, nachdem die Weltrezession zur Tatsache geworden ist. Welches Szenario ist noch zu erwarten?

Manuel Ammann: Der schwierigste Moment war, als der unmittelbare Zusammenbruch des internationalen Bankensystems drohte. Worauf verschiedene Notenbanken und Regierungen weitgehende Massnahmen ergriffen. Möglicherweise dreht sich die Lage bald wieder in die andere Richtung. Ein Drogensüchtiger, der immer Kredite brauchte, um sich wohlzufühlen, ist jetzt plötzlich auf Entzug. Er bricht zusammen und es geht ihm schlecht. Also gibt man ihm wieder Kredite. Damit wird möglicherweise der Grundstein für die nächste Fehlentwicklung gelegt.

spn: Sie sind Finanzmarktspezialist. Was wissen Sie über den Finanzmarkt, was Laien nicht wissen?

Ammann: Man könnte nun eine lange Liste mit aktuellen Forschungsresultaten aufstellen. Das bringt aber wenig, denn vielfach sind es einfache Tatsachen, die das Publikum immer wieder vergisst. Etwa die Schwierigkeiten der Renditeprognosen für die meisten Anlagekategorien. Forschungen zeigen, dass die Prognosefähigkeit selbst von professionellen Anlegern sehr stark begrenzt ist ...

spn: …,dass sie überschätzt wird…?

Ammann: Dass sie überschätzt wird, mit der Folge, dass Pensionskassen-Manager viel zu aktiv investieren, ohne die nötigen Resultate damit zu erzielen. Oder Pensionskassen-Verwalter suchen verzweifelt aktiv investierende Asset-Manager, in der Hoffnung, diese würden ihnen das berühmte Alpha erzeugen. Diese Hoffnung wird immer wieder enttäuscht.

spn: Ist es eine Illusion, besser als der Markt abzuschneiden?

Ammann: Die Möglichkeiten sind langfristig äusserst limitiert, mehr als mit dem passiven Ansatz zu erreichen, also mehr als eine marktnahe Performance zu erzielen. Diese fundamentale Erkenntnis der Finanzmarkt-theorie hat sich noch nicht durchgesetzt. Ich sage nicht, dass aktives Management völlig unsinnig ist und dass damit gute Resultate unmöglich zu erzeugen wären. Aber Pensionskassen sind im Durchschnitt nicht sehr erfolgreich mit dem aktiven Ansatz. Und sie sind auch nicht sehr erfolgreich in der Selektion der Anlage-Manager, die einen aktiven Ansatz verfolgen.

spn: Sie haben viel geforscht und auch die Kosten mit der Performance von Pensionskassen verglichen. Was war für Sie persönlich die bemerkenswerteste Entdeckung der letzten zehn Jahre?

Ammann: Es gibt letztlich wenige ganz fundamental neue Erkenntnisse, welche man vor zehn Jahren nicht zumindest in den Grundzügen kannte. Die Finanzmarktforschung hat sich darauf konzentriert, Ansätze der 90er Jahre zu verfeinern und empirisch zu untersuchen, etwa die Frage nach der Höhe von Risikoprämien verschiedener Anlagestile. Man weiss seit längerem, dass neben dem Markt noch weitere Faktoren die Prämie beeinflussen wie Size (Firmengrösse), Book-to-Market Ratio (Buchwert-Marktwert-Verhältnis), Momentum (Beschleunigung eines Aktienpreises) und andere Risikofaktoren, auf denen man eine Anlagestrategie aufbauen kann. Die Verfeinerung verhalf institutionellen Anlegern zu neuen Strategien.

spn: Und die Verhaltensforschung?

Ammann: Behavior-Ansätze braucht man heutzutage oft, um Phänomene zu erklären, beispielsweise eine plötzlich hohe Volatilität oder eine Überreaktion auf bestimmte Nachrichten. Meines Erachtens wird aber viel zu schnell auf den Behavior-Ansatz zurückgegriffen. Man geht der Sache nicht auf den Grund, sondern spricht vorschnell von irrationalen Märkten. Der rationale Ansatz ist vom Behavior-Ansatz verdrängt worden.

spn: Weiss man, wie gross der Faktor Mensch ist, der den Herdentrieb erzeugt, und welchen Anteil „Maschinen“, also Kauf- und Verkaufsprogramme, haben?

Ammann: Im realen Finanzmarkt spielen sehr viele Faktoren hinein, die man beispielsweise in einem Experiment nicht abbilden kann. In Fallstudien können im Nachhinein – forensisch – Effekte eruiert werden, die für einen Crash ausschlaggebend waren, so etwa 2001. Man weiss heute, dass Versicherungsgesellschaften damals ihre Positionen abstiessen, um die Leistungsversprechen (Liabilities) nicht zu gefährden. Dieses Verhalten verstärkte den Abschwung.

spn: Das war ein „Maschinen-Herdentrieb“.

Ammann: Solche Fragen stellen sich auch jetzt wieder. Wie risikofähig sind institutionelle Anleger wirklich? Und die Hedgefonds? Wo zwingen institutionelle Begebenheiten zu einer Liquidation? Das sind Beispiele, die zeigen, dass nicht einfach irrationales Verhalten Krisen provoziert, sondern dass durchaus rationales Verhalten eine Rolle spielt.

spn: Vorsorgeeinrichtungen wechseln seit der Dotcom-Krise vermehrt von subjektiven zu objektiven Anlagestrategien. Das verstärkt den Eindruck, all dies werde nur unternommen, um sich rechtfertigen zu können. Ist die Rechtfertigung nicht wichtiger geworden als der Inhalt?

Ammann: Das ist schon eine Gefahr. Beratung wird manchmal nur gemacht, um Entscheidungen zu rechtfertigen. Dass Pensionskassen den Anlageprozess professionalisieren, ist zu begrüssen. Das Ziel ist aber nicht, möglichst viele Gutachten einzuholen und möglichst viele Checkpunkte einer guten Stiftungsführung abzuhaken, sondern dass man zu einer günstigen Anlagestrategie gelangt.

spn: Nehmen wir Warren Buffett. Was hat er gemacht? Er foutierte sich wichtige Anlagegrundsätze wie die Diversifizierung. Er hat immer die Fundamentaldaten von Firmen studiert und sich im Detail für das Geschäft interessiert. Er ist einer, der wartet, bis der richtige Moment gekommen ist. Warum kann das nicht eine Pensionskasse?

Ammann: Erstens ist Warren Buffett eine ganz grosse Ausnahme. Natürlich gilt: Wer über gute Prognosefähigkeiten oder genügend Glück verfügt, braucht keine Diversifikation. Schade nur, dass Prognosefähigkeit und Glück so untreue Begleiter des durchschnittlichen Portfolio Managers sind.

spn: Er entschied subjektiv, nicht objektiv aufgrund einer ALM-Strategie …

Ammann: Ja, schon. Aber wie viele Leute aus der riesigen Masse von Investoren, Analysten und Portfoli Managern machen ihm das nach? Wenige, sehr wenige. Zweitens, Sie sagen es: Warren Buffett wusste zu warten. Pensionskassen wären von ihrer Zielsetzung her eigentlich geeignet dafür, einen langen Anlagehorizont zu haben. Wenn aber institutionelle Begebenheiten diese Zeit verkürzen, wenn also der Reporting- und Rechtfertigungsdruck in kurzen Abständen erfolgt, so führt dies automatisch zu einer viel kürzeren Anlagestrategie, beispielsweise: „Wir gehen hin und messen jedes Jahr die Unterdeckung.” Hier haben wir eine grosse Diskrepanz in der zweiten Säule zwischen Anspruch und Realität. Von der Idee her könnten sie einen langen Anlagehorizont haben, in der Praxis besteht dieser aber nicht.

spn: Das heisst, jährlich den Deckungsgrad zu messen, ist blanker Unsinn!

Ammann: Sobald man zu messen beginnt, bekommt der Prozess eine Eigendynamik. Das führt zu Anlageentscheiden auf Jahresbasis. Hinzu kommt: Auch die Verpflichtung, das Freizügigkeitskapital jährlich zu verzinsen, führt zu einem kurzfristigen Horizont.

spn: Wie gehen denn ALM-Berater damit um? Eigentlich müssten sie und die Pensionskassen solche Beratungen ablehnen.

Ammann: Es gibt effektiv einen Widerspruch. Kurzfristige Anforderungen verlangen nach einer Kapitalschutz-Strategie, so wie es Versicherer tun. Kassen müssten demnach eine klassische Portfolio-Insurance-Strategie fahren. Das machen die Vorsorgeeinrichtungen heute aber nicht. Warum? Weil sie damit auf keinen grünen Zweig

kämen, denn diese Portfolio-Insurance-Strategie ist teuer. Den Kapitalerhalt permanent zu garantieren, kostet sehr viel Geld. Pensionskassen versuchen nun, die Leistungsverpflichtung über einen längeren Horizont zu erfüllen. Sie sagen: „Wir können ja kurzfristig in eine Unterdeckung fallen. Deshalb lassen wir eine risikoreichere Strategie zu.” Mit dem Effekt, dass bei starker Unterdeckung die Versicherten zur Kasse gebeten werden. Um zu Warren Buffett zurückzukommen: Er hat eine ungleich höhere Risikofähigkeit als die Pensionskassen, denn Rentenverpflichtungen wirken wie Kredite. Sie zwingen die Kassen zur Vorsicht. Anders Buffet mit seinem Eigenkapital. Er kann viel freier wirtschaften, hat keinen Rechtfertigungsdruck und verfügt über viel höhere Schwankungsreserven als Pensionskassen.

spn: Die Leistung von Buffett ist auch, dass er sich für die Firmen interessiert. Ganz im Gegensatz zu Stiftungsräten, die aufgrund abstrakter Anlagestrategien entscheiden.

Ammann: Für einen Stiftungsrat ist es keine Lösung, zu sagen: „Wir investieren nur in Firmen, deren Business wir verstehen.” Firmen selbst zu beurteilen, heisst, eine sehr aktive Strategie zu verfolgen. Buffett machte dies und war bisher ausnehmend erfolgreich. Aber Tausende andere waren es nicht und vernichteten viel Kapital. Pensionskassen kommen nicht darum herum, sich zu bescheiden, dass sie nicht mehr verdienen können, als der Markt hergibt. Pensionskassen sollten den Fokus nicht darauf legen, wie sie die Benchmarks schlagen, sondern wie sie ein möglichst kostengünstiges Anlagekonzept umsetzen können, bei welchem die eingegangenen Risiken langfristig attraktiv entschädigt werden. Kurz: Bei Pensionskassen geht es um Beta, nicht um Alpha.





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