Schweizer Pensions- & Investmentnachrichten
Finanzkrise frisst Deckung weg
Veröffentlicht am:  09. Oktober 2008

Zunehmend bröckelt den Schweizer Pensionskassen der Deckungsgrad weg. Vor allem öffentlich-rechtliche Kassen weisen mangelnde Portfoliobestände aus – die Ausfinanzierung binnen 40 Jahren wird vor diesem Hintergrund eine zusätzliche Herausforderung. Doch möglicherweise ist der Stresstest noch gar nicht zu Ende.

Ende 2007 wurde für die Gesamtheit der im AWP/Complementa Risiko Check-up erfassten Kassen ein gewichteter Deckungsgrad von 109,1 Prozent errechnet. „Das mag erstaunen“, sagte Complementa-CEO Michael Brandenberger bei der Präsentation der jüngsten Umfrageergebnisse in Zürich, begründete es aber mit einem gegenüber Vorjahr veränderten Teilnehmerkreis, vergleichsweise rasch eingeleiteten Massnahmen zur Risikobegrenzung und je nach Quelle unterschiedlichen Performance-Angaben. Allerdings ging der gewichtete Deckungsgrad bis zur Präsentation auf knapp über 100 Prozent zurück, schätzt Brandenberger. Dabei geht es den privatrechtlichen Kassen wesentlich besser als den öffentlich-rechtlichen. Für erstere wurde per Ende August ein Deckungsgrad von 110,3 Prozent errechnet. Diese Gruppe könnte noch einmal die gleichen Verluste, wie sie bisher im Jahresverlauf zusammengekommen sind, vertragen, erklärte er.

Ausfinanzierung: Nagelprobe für öffentliche Kassen

Für die öffentlich-rechtlichen Kassen hingegen wurde per Ende August ein vorliegender Deckungsgrad von 94,8 Prozent angegeben. Zwar sind manche wegen des Perennitätsprinzips seit jeher nicht voll ausfinanziert. Doch die Uhr läuft gegen diese Kassen, sollen sie doch binnen 40 Jahren voll ausfinanziert sein. Entsprechend äusserte sich Asip-Direktor Hanspeter Konrad auf derselben Veranstaltung zu den aktuellen bundesrätlichen Beschlüssen und bedauerte die Abkehr von der Mischfinanzierung. „Die Änderung beruht auf der irrigen Annahme, dass die einmalige Ausfinanzierung der Kassen alle Probleme löst“, sagte er. Den Kapitalbedarf schätzte er auf 16 Milliarden Franken und weitere 14 Milliarden Franken für Wertschwankungsreserven.

Derweil waren Ende Juni schon 62 Prozent aller öffentlich-rechtlichen Kassen und vor allem 85 Prozent der grossen Kassen unter ihnen unterdeckt, wie aus der Erhebung von Complementa hervorgeht. Bei privatrechtlich organisierten Kassen zeigten nur 13 Prozent eine Unterdeckung, wobei grosse, mittlere und kleine Kassen gleichmässig betroffen waren. Insgesamt wiesen demnach 19 Prozent aller schweizerischen Pensionskassen nach dem ersten Halbjahr 2008 eine Unterdeckung aus. Immerhin soll diese gemäss Brandenberger noch nicht massiv sein.

Deckungsgrad bröckelt rasch weg

Auffallend ist indessen der rasche Rückgang, den die finanzielle Stabilität der Kassen seit Ende 2007 erlitten hat. Denn damals rechnete Complementa noch 62 Prozent aller Pensionskassen der höchsten Risikofähigkeitsgruppe zu. Ende Juni 2008 waren es nur noch 28 Prozent. 53 Prozent finden sich in der mittleren Risikokategorie wieder und haben keine weitere grosse Verlusttoleranz mehr, wollen sie nicht in die Unterdeckung abgleiten. Grob geschätzt sind damit die guten Jahre 2005 und 2006 eleminiert – die Deckungssituation ist wieder ähnlich wie Ende 2004. Brandenberger hofft, dass sich die Lage an den Finanzmärkten nicht wesentlich weiter verschlechtert. Insgesamt sei die Lage „nicht besonders positiv, aber auch nicht besonders Besorgnis erregend“. Aktuell seien bei gleichem durchschnittlichem Deckungsgrad wesentlich weniger Kassen in einer Unterdeckung als noch 2002 – damals traf es 45 Prozent der Kassen.

Wandel in den Portfolios

Auch in den Portfolios der Kassen ist im langjährigen Vergleich seit 1998 einiges passiert. Beispielsweise relativierte sich der damals noch starke Home Bias in Sachen Aktien und sank von 38,5 Prozent auf mittlerweile 11 Prozent Schweizer Aktien in den Portfolios. Im gleichen Zuge legte der Anteil ausländischer Dividendenpapiere von knapp über 10 auf rund 18 Prozent zu. Ferner wurden grosse Immobilienbestände umgeschichtet. Die Quote für Direktanlagen ging von über 15 auf rund 10 Prozent zurück, diejenige für Immobilienfonds stieg von null auf knapp 5 Prozent an. Brandenberger begründete das mit dem engen Markt, an dem alle Immobilien-Anlagestiftungen bereits lange Wartelisten für Anlageinteressenten führten.

Alternative Anlagen etabliert

Die Mehrheit aller Pensionskassen hat mittlerweile alternative Anlagen im Portfolio. „Sie haben ganz massiv zugenommen“, so Brandenberger, und finden sich jetzt bei 60,4 Prozent aller Vorsorgeeinrichtungen. Besonders beliebt sind offenbar Hedgefonds, die für 80 Prozent der Kassen die Anlage der Wahl sind. 28 Prozent legen in Rohstoffe an, Private Equity findet dagegen kaum Interessenten. Während sich die Zahl der in Rohstoffe anlegenden Kassen von 2005 auf 2006 verdoppelte, stieg sie bis 2007 nochmals um 40 Prozent an. Durchschnittlich befinden sich nun 7 Prozent der jeweiligen Kassenvermögen in alternativen Anlageklassen. „Wir sind über die Testphase hinaus“, sagte er.

Am AWP/Complementa Risiko Check-up haben 427 (Vorjahr: 510) Pensionskassen teilgenommen, die Vermögen von 422,1 (391,5) Milliarden Franken verwalten. Darunter waren 374 privatrechtlich organisierte und 53 öffentlich-rechtliche Kassen. Erfasst werden mithin 2,34 (1,93) Millionen Versicherte, davon 1,8 Millionen Beitragszahler und 0,5 Millionen Rentner. Insgesamt werden 80 Prozent des Gesamtkapitals und 80 Prozent der Destinatäre in autonomen und teilautonomen Einrichtungen erfasst. Von der Gesamtheit der Pensionskassen haben aber nur 16 Prozent teilgenommen

Stresstest noch nicht vorbei

Allerdings könnte der Stresstest für die Portfolios noch nicht vorbei sein. Wollte man ihm keinen Pessimismus unterstellen, dann fielen die Prognosen von Peter Bänziger, Leiter Asset Management und Institutionelle Kunden bei Swisscanto Asset Management, zumindest verhalten vorsichtig aus. „Das schwarze Tuch bleibt über der Kristallkugel“, stellte er fest, als es um eine Prognose des SMI bis Jahresende ging. Mehrere Indikatoren deuten nach seiner Auffassung darauf hin, dass sich die Lage in Sachen Liquidität und an den Märkten generell noch nicht entspannt hat.

Der Leiter Asset Management hofft auf eine langsame Entschärfung der Lage bis ins Jahr 2009 hinein. Bis dahin dürfte man hohe Spreads, starke Kursschwankungen und nervöse Anleger sehen.

Sein Rat: Keine risikoreichen Assets zukaufen. Immerhin ist seit der Intervention der US-Regierung die Wahrscheinlichkeit für eine kräftige temporäre Erholung und deutlich höhere Kurse gegen Jahresanfang 2009 gestiegen. Doch sicher ist das Szenario „keineswegs“.



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