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Dr. phil. Manuel Bachmann, MBA HSG, Autor des Management-Magazins www.absolutum.ch und Dozent an der Universität Luzern |
Im Finanzsektor sind Informationen die eigentlichen Steuergrössen des Geschäfts. Blicken wir auf die Krise im amerikanischen Investment Banking, so sehen wir, dass die vorhandenen Informationen zu kolossalen Fehleinschätzungen geführt haben. Wie war das möglich? Wir verstehen Informationen so lange nicht, wie wir nicht gelernt haben, sie zu deuten.
Viel Information bedeutet nichts
Das Problem besteht im mechanischen Missverständnis von Information. Information, sobald sie genau definiert, exakt übertragbar und wie in einer Computerdatei quantifizierbar ist, verschwindet. Sie wird bedeutungslos. Um im mechanischen Verständnis den Informationsfluss zu maximieren, muss man Rauschen einsetzen – denn mehr Information kann man durch einen Kommunikationskanal nicht schicken. Rauschen aber ist das Letzte, das man für Wissen brauchen kann. Um etwas Bedeutendes zu sagen, muss man das Maximalpotenzial der Informationsverarbeitung reduzieren. Es mag erstaunlich klingen, aber es ist so: Je mehr Information, desto bedeutungsloser die Information. Je weniger Information, desto sinn- und bedeutungsvoller kann sie sein. Das ist eine grundlegende Erkenntnis, auf die ein Pionier der mathematischen Informationstheorie, Claude Shannon, bereits vor 60 Jahren hinwies.
Informationen müssen gedeutet werden
Was wir für echtes Wissen brauchen, ist nicht maximierte Information, sondern Bedeutung, die erst in der Mehrdeutigkeit, in der Andeutung, in der Interpretation und damit im Subjektiven entsteht. Solange man an der Information sozusagen „kleben bleibt“, ist es schwierig zu erschliessen, was sie bedeutet. Im Geschäftsleben sind es meistens Feinheiten, blosse Andeutungen, von den anderen übersehene Details, die entscheidend sind. Man muss erst lernen, die Zeichen richtig zu deuten. Ein Beispiel: Als ich mich während einer Firmenübernahme um den wertvollsten Geschäftsbereich der übernommenen Firma kümmern musste, betrat ich die zuständige Abteilung für eine Vorgehensbesprechung. Mir wurde vom Abteilungsleiter die Hand gereicht, aber sie war glitschig vor Schweiss und kalt wie ein toter Fisch. Kurz darauf trat ein, womit niemand gerechnet hatte. Die gesamte Abteilung wechselte über Nacht zur Konkurrenz. Sie nahmen alles mit, Fachwissen und Kunden – und verwüsteten sogar noch ihre Büros. Im Vorfeld hatte es keine Informationen gegeben, nichts deutete darauf hin bis auf die schweisskalte Hand. In ihr war der bevorstehende Abgang vollumfänglich angedeutet gewesen.
Informationen deuten ist fehleranfällig. Was in den 90er Jahren unter dem Schlagwort „New Economy“ ablief, war ein bombastischer Teufelskreis von Fehldeutungen der vorhandenen Informationen. Man entwickelte eine ganze Generation von Strategien unter dem Namen „e-Business“. Das Grundproblem bestand darin, dass mit diesen Strategien keine Gewinnschwelle in Sicht kam und dass dieses Problem einfach „strategisch“ weggedeutet wurde. Man erklärte die bisherigen Gesetze der Old Economy einfach ausser Kraft. Man bestätigte sich gegenseitig und deutete abweichende Anzeichen gemeinsam falsch. So entstand eine Selbstimmunisierung gegen die Realität, indem die Strategien die Folie vorgaben, wie die Realität zu deuten war. Diese Selbstimmunisierung war so stark und so anhaltend, dass Milliardenkapital vernichtet wurde.
Grundsätze zur Orientierung
Um Informationen richtig zu deuten, gibt es aus philosophischer Sicht drei Grundsätze:
Erster Grundsatz: Man hat immer zu wenig Information, um das Ganze beurteilen zu können. Aber auch wenn das Ganze unsichtbar bleibt, spiegelt es sich in gewissen Details und wird dort erkennbar. Das lehrt das erwähnte Beispiel mit der schweisskalten Hand, in der das Ganze sozusagen verschlüsselt war.
Zweiter Grundsatz: Informationen deuten ist ein Prozess, der Zeit braucht und Widersprüche einbegreift. Wie die Dinge wirklich stehen, kann man nicht schlagartig, sondern nur allmählich erkennen: durch sorgfälltiges Durchdenken, das Einholen anderer Meinungen, das Vergleichen mit der eigenen Erfahrung et cetera. Dabei gibt es immer widersprüchliche Perspektiven, die zugleich möglich sind. Mit diesen Widersprüchen müssen Sie umzugehen lernen, beispielsweise sie mit Vertrauenspersonen ausdiskutieren.
Dritter Grundsatz: Informationen richtig deuten kann man nur, wenn man die eigenen Deutungsmuster reflektiert. Gerade bei scheinbar eindeutigen Informationen muss man sich fragen: Stimmen die Annahmen? Sind Meinungen unhinterfragt übernommen worden? Neigt man vorab zu einer bestimmten Interpretation, ohne genügend Gründe dafür zu haben? Gibt es auch ganz andere Sichtweisen, die bislang noch nicht berücksichtigt wurden?
Wie verhindert man Fehldeutungen?
Wären diese drei Grundsätze bei den Entscheidungsträgern beachtet worden, wären die Verblendungen der New Economy und der aktuellen Finanzkrise zu verhindern gewesen. Es hätte trotzdem Fehldeutungen von Informationen gegeben, aber sie wären punktuell geblieben. Eine allgemeine strategische Selbstimmunisierung gegen die Realität wäre dann gar nicht erst aufgekommen.
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