Schweizer Pensions- & Investmentnachrichten
„Hohe Kosten sind eine Ausrede“

Dominique Biedermann, Leiter Stiftung Ethos, Genf

Veröffentlicht am:  10. April 2008

Seit zehn Jahren leitet Dominique Biedermann die Stiftung Ethos. Im Interview erklärt er, warum er kein Aktivist ist, warum er keine Stimmen kauft und wie er bei der UBS mit einem Prozent der Aktienstimmen 45 Prozent Stimmen hinter sich brachte.

Fragen: Andreas Valda

Antworten: Dominique Biedermann, Leiter Stiftung Ethos, Genf

Zur Person: Dominique Biedermann, Jahrgang 1958, wuchs als Kind Basler Eltern in Genf auf und absolvierte dort alle Schulen. Mit einer Matur mathematisch-naturwissenschaftlicher Richtung studierte er Nationalökonomie an der Universität Genf. 1988 schloss er das Doktorat ab. Die Arbeit untersuchte „Realzinssätze in einem Umfeld flexibler Währungssysteme“. Zuerst arbeitete er drei Jahre als Ökonom des Genfer Gesundheitsdepartements. 1991 trat er in die Dienste der Pensionskasse des Kantons Genf ein. 1994 bis 1998 führte er die Kasse und war Initiant der Gründung der Stiftung Ethos 1997. 1998 übernahm er deren Geschäftsführung, die er nun seit zehn Jahren ausübt. Dominique Biedermann ist verheiratet mit einer Griechin und hat drei erwachsene Kinder. Er fährt gerne Ski, macht Bergtouren und verbringt den Sommer in Griechenland.

AV



spn: Herr Biedermann, sind Sie ein Aktivist?

Dominique Biedermann: Nein, ich bin der Vertreter von aktiven Aktionären.

spn: Wie sieht Ihr typischer Arbeitstag aus?

Biedermann: Den gibt es nicht (er lacht). Jeder Tag bringt etwas Neues. Ich bin gleichzeitig im Kontakt mit Pensionskassen, unseren Kunden, aber auch mit den obersten Etagen der Unternehmen, deren Aktionäre wir sind. Und ich pflege regelmässig Kontakt mit den Medien.

spn: Wie bündeln Sie die Stimmen, um an einer Generalversammlung (GV) Erfolg zu haben, etwa am Beispiel der UBS?

Biedermann: Es ist notwendig, sehr früh zu kommunizieren, worum es geht. Die Aktionäre erhalten die Tagesordnung drei bis vier Wochen im Voraus. Im Fall der UBS haben wir unseren Antrag auf Sonderprüfung absichtlich schon im Dezember gestellt und in die Öffentlichkeit gebracht. Unsere Absicht war, die Aktionäre zu sensibilisieren. Damit sie auf dem Laufenden sind und sich rechtzeitig eine Meinung bilden können.

spn: Der Weg über die Medien ist demnach Teil Ihrer Strategie?

Biedermann: Wir haben zwei Kanäle: Erstens das eigene News-System per E-Mail. Der zweite Kanal sind die Medien.

spn: Um beim Beispiel UBS zu bleiben: Wie haben Sie beim Traktandum Sonderprüfung 45 Prozent der anwesenden Aktionärsstimmen hinter sich gebracht? Telefonierten Sie im Vorfeld der GV tageweise oder war es die Berichterstattung der Medien, die half?

Biedermann: Beides. Man muss sich Zeit nehmen, um das Thema zu erklären. Im Fall der UBS mussten wir zum Beispiel ausländischen Aktionären erklären, was genau eine Sonderprüfung gemäss schweizerischem Recht ist.

spn: Wohin gingen die meisten Telefonate? Nach England, in die USA? Mussten Sie nur einzelne Meinungsführer bearbeiten oder hundertmal zum Hörer greifen?

Biedermann: Es gibt Personen, die ihr eigenes Netzwerk haben, die, sofern sie von unserem Anliegen überzeugt sind, unsere Empfehlung verbreiten. Britische Pensionskassen vertreten dabei eine wichtige Position.

spn: Sie sind international bekannt und werden geachtet, das zeigten Recherchen für die Beiträge. Welche internationalen Anbieter von Aktionärsdiensten schätzen Sie persönlich?

Biedermann: Der weltweit grösste Anbieter ist ISS von Riskmetrics.

spn: Arbeiten Sie mit ihm zusammen?

Biedermann: Wir kennen uns, aber wir arbeiten nicht zusammen. ISS verkauft seine Analysen nicht nur an Pensionskassen, sondern auch an Banken und deren Fonds.

spn: …was Ethos nicht macht?

Biedermann: Was wir selten machen.

spn: Wer sind andere wichtige Konkurrenten?

Biedermann: Glass Lewis&Co., das ist der weltweit zweitgrösste Anbieter. Der wurde – das ist noch interessant – vor zwei Monaten vom Ontario Pension Fund gekauft. So wie auch ISS kürzlich von der Finanzgesellschaft Riskmetrics gekauft wurde. Andere Anbieter konzentrieren sich mehr auf den Dialog mit Unternehmen, zum Beispiel die englische F&C.

spn: Als Chef eines Aktionärsdienstes können Sie andere überzeugen, per Vollmacht abstimmen oder Sie können Stimmrechte physisch übernehmen. Wie muss man sich das konkret vorstellen?

Biedermann: Die Stiftung Ethos ist Aktionärin von mehr als 100 Schweizer Unternehmen. Unsere Fonds, die von Pictet Funds verwaltet werden, sind auch in Schweizer Aktien investiert. Für diese Aktien stimmt Pictet nach unseren Anweisungen. Oft gehen wir aus Zeitgründen nicht persönlich an Generalversammlungen, sondern lassen unsere Stimmrechte von sogenannten unabhängigen Stimmrechtsvertretern per Vollmacht ausüben. Oft geben uns aber institutionelle Anleger, also Pensionskassen, die Vollmacht, für sie abzustimmen. Deren Stimmen werden dann mit unseren gebündelt.

spn: Wie viele Stimmen übten Sie bei der UBS direkt aus?

Biedermann: Relativ wenige. Anwesend waren 710 Millionen Stimmen, 34 Prozent des gesamten Kapitals. Wir vertraten bloss acht Millionen. Sie sehen, nicht die physischen Stimmrechte sind entscheidend, sondern die richtige Botschaft, die man im Voraus verkündet. Ausländische Aktionäre gaben uns keine Vollmacht. Sie stimmen aber für unser Anliegen.

spn: Kann man Stimmen auch mieten?

Biedermann: Das sollten Sie mit den grossen Depotbanken diskutieren, etwa der UBS selber. Wir selber machen da nicht mit und empfehlen den Pensionskassen auch, ihre Aktien auf diese Art nicht auszulehnen, auch wenn man dafür ein paar Basispunkte Entschädigung bekommt. Es gibt Pensionskassen, die Aktien-Lending nur ausserhalb der Zeit der Generalversammlung praktizieren. So können die Stimmrechte behalten werden. Doch dies führt dazu, dass sich die kleine Entschädigung halbiert.

spn: Wie hoch ist die Entschädigung etwa?

Biedermann: Fragen Sie die Banken. Geschätzt sind es vier Basispunkte pro Jahr, also 0,04 Prozent des Aktienwerts.

spn: Wo holen Sie Ihre Analysen her, um sich eine Aktionärsmeinung zu bilden?

Biedermann: Die Analysen sind der letzte Teil einer Kette von Handlungen. Gehen wir der Reihe nach: Zunächst gibt es die Grundsätze zur Corporate Governance. Das ist unsere Verfassung, wenn Sie so wollen. Auf 75 A5-Seiten wird unsere Haltung definiert. Die gibt es seit zehn Jahren. Auf weiteren 25 Seiten werden die Richtlinien zur Ausübung der Stimmrechte definiert. Diese werden von Jahr zu Jahr leicht angepasst. Und schliesslich gibt es die jährlichen GV-Analysen. Je nach Unternehmen werden auf 10 bis 30 A4-Seiten die konkreten Aspekte beurteilt: Geschäftsbericht, Tätigkeit des Verwaltungsrates, Vergütungspraxis, Kapitalerhöhungen oder Rückkaufsprogramme und so weiter. Wir analysieren die Anträge des Verwaltungsrates und empfehlen eine Zustimmung oder Ablehnung der Geschäfte.

spn: Erstellen Sie diese Analysen inhouse?

Biedermann: Die Grundsätze und Richtlinien sowie die Analysen zur Corporate Governance sind unser Werk. Analysen zu ökologischen und sozialen Aspekten eines Unternehmens holen wir uns bei der dafür spezialisierten Firma Centre Info.

spn: Und Analysen ausländischer Firmen?

Biedermann: Wir tauschen uns mit ausländischen, lokal aktiven Partnern aus. Der Rahmen ist das Netzwerk European Corporate Governance Service (ECGS). Es wird geführt von unserem englischen Pendant PIRC (Pensions & Investment Research Consultants) in London. Dazu gehört je ein spanischer, holländischer, deutscher und französischer Aktionärsservice. Wir bedienen das Netzwerk mit unseren Schweizer Analysen und erhalten im Gegenzug die unserer Partner. ECGS verkauft zudem unsere Analysen an zum Beispiel britische oder amerikanische Investoren.

spn: Was ist der wirtschaftliche Wert?

Biedermann: Im Fall der UBS zeigte sich, dass sich Engagement lohnt. Dank der hohen Zustimmung ist die Grossbank bereit, die Ergebnisse der Untersuchung der Eidgenössischen Bankenkommission zum Risk Management zu publizieren.

spn: Nun, dass beweist noch nicht, dass Sie Shareholder Value geschaffen haben. Im Gegenteil, im Voraus waren Sie offenbar zu wenig kritisch, so dass es zu diesen Verlusten kommen konnte.

Biedermann: Gut, für die UBS ist es noch zu kurzfristig, um den Wert der Intervention zu beurteilen. Aber nehmen wir das Beispiel Nestlé. 2005 engagierten wir uns stark gegen das Doppelmandat des Präsidenten und Konzernchefs Peter Brabeck. Wir erhielten 36 Prozent Unterstützung, der Antrag zur Trennung der Ämter wurde aber abgelehnt. Eigentlich hatten wir verloren. Doch drei Jahre später kommt es dennoch zur Trennung. Die Statuten werden renoviert. Und auch die Gewinnaussichten sind rosig. Der Aktienwert hat sich in den letzten Monaten sehr gut entwickelt. Das Beispiel zeigt, dass gute Corporate Governance auch gute Resultate hervorbringt. Wenn Ethos damals keinen Antrag gestellt hätte, hätten sich die Aktionäre nie kritisch äussern können. Das Gleiche gilt für die UBS.

spn: Wie viel kostet Ihr Dienst?

Biedermann: Pensionskassen können in einen Ethos-Fonds investieren. Dann erhalten sie alle unsere Analysen gratis. Wenn eine Pensionskasse unseren Aktionärsservice abonniert, bezahlt sie für die 100 grössten Schweizer Unternehmen 10.000 Franken. Für Mitglieder des Pensionskassenverbandes Asip gibt es 15 Prozent Rabatt.

spn: Das heisst, es kostet nicht viel.

Biedermann: Rechnen wir nach. Verwaltet eine Kasse 100 Millionen Franken, so kosten sie unsere Stimmrechtsempfehlungen 0,085 Promille. Bei 1.000 Versicherten sind das 8,50 Franken pro Versicherten und Jahr. Bei grossen Kassen ist es weniger als ein Franken. Die Kosten zur Wahrnehmung der Aktionärsrechte sind also eine Ausrede.



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