Schweizer Pensions- & Investmentnachrichten
Unaufgeregte Schweizer Kassenmanager

Daniel Dubach, Avadis Anlagestiftung, Geschäftsführer

Veröffentlicht am:  07. Februar 2008

Fondsmanager haben Anfang Januar die Geduld verloren. So auf jeden Fall lautete der Tenor einer monatlich von der amerikanischen Investmentbank Merrill Lynch durchgeführten Fondsmanager-Umfrage. Der Grund: Sie flüchteten scharenweise in den Geldmarkt.

Nicht jedoch die Schweizer Pensionskassen. Sie bewahrten ruhig Blut. Dieses Bild zeigt eine Blitzumfrage von spn per Ende Januar. Die befragten Fondsmanager hingegen haben offenbar vor den Entwicklungen an den Börsen kapituliert. Während sie im Herbst den Aktien tapfer die Stange hielten, haben sie zu Jahresbeginn ihre Anlagepolitik grundlegend defensiver ausgerichtet. Im Zeitraum vom 4. bis zum 10. Januar, also vor dem Montags-Crash, favorisierten nur noch 6 Prozent der Befragten Aktien, im Dezember waren es noch netto 20 Prozent gewesen. Statt in Obligationen sind sie in den Geldmarkt geflüchtet. „Derzeit fahren netto 31 Prozent der Fondsmanager eine überdurchschnittliche Bargeldposition. Ein Höchstwert, der seit fast fünf Jahren nicht mehr erreicht wurde“, hiess es Mitte Januar in der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ).

Langfristige Sicht der Dinge

Nicht so die Schweizer Pensionskassen. Eine Blitzumfrage unter gewichtigen Kassen, Stiftungen und Finanzmarkt-Fachleuten Ende Januar ergab ein unaufgeregtes Bild. „Betrachte ich das Anlageverhalten der 25 bis 30 Kassen, die bei uns anlegen, so stelle ich fest: Sie behandeln das Thema ganz langfristig“, sagt Daniel Dubach, Leiter der Vorsorgestiftung Avadis. Hat die Kasse beispielsweise einen strategischen Aktienanteil von 25 Prozent definiert, wird etwa eine Bandbreite von plus/minus 5 Prozent festgelegt. Sinkt der Aktienanteil wertmässig unter 20 Prozent, löst dies Zukäufe aus. Diese sogenannte Rebalancing-Strategie führte dazu, dass einige Kassen „eher Zukäufe tätigten“, sagt Dubach.

Der Anlagechef der Pensionskasse BVK des Kantons Zürich, Daniel Gloor, beschreibt die Entwicklung ähnlich. Die BVK hat für fünf Jahre, bis 2012, eine Planquote für Aktien von 30 Prozent definiert. Als Folge der Kursanstiege an den Börsen im ersten Halbjahr 2007 überstieg der Wert das Ziel deutlich. „In der Folge reduzierten wir von März bis Juli 2007 die Aktienbestände im Gegenwert von rund 800 Millionen Franken – oder 4 Prozent der Gesamtanlage.” Seither habe die BVK keine weiteren Aktienbestände mehr verkauft. Zurzeit beträgt die Aktienquote rund 28 Prozent. „Bei einem weiteren Rückgang der Kursnotierungen sind wiederum Rebalancing-Massnahmen im Sinne einer Aufstockung der Aktienquoten zu prüfen“, bekennt Gloor.

Liegt das Glück wirklich im Rebalancing?

Dominique Ammann, Partner der Investment-Beraterin PPC Metrics, bestätigt den Befund kassenübergreifend: „Die Pensionskassen, die wir kennen, haben ihre Aktienbestände nicht reduziert. Einzelne haben in der Schwächephase der letzten Woche sogar Zukäufe getätigt.“ Im Vordergrund stehe die langfristige Anlagepolitik auf der Grundlage der Risikofähigkeit jeder Kasse. „In der Regel wird deshalb nicht kurzfristig prozyklisch agiert“, so Ammann.

Finanzmarkt-Professor Martin Janssen hinterfragt die Resultate der Merrill Lynch-Umfrage am Beispiel eines Aktienfonds Schweiz. „Wenn ein solcher Anlagefonds im Dezember zwei Prozent Liquidität gehalten hat und jetzt auf vier Prozent erhöht, kann man dann von grossen Liquiditätsbeständen sprechen?“, fragt sich Professor Janssen. Seine Antwort ist klar: Gross ist das noch nicht. Darüber hinaus kritisiert er die aktiv geführte Vermögensverwaltung: „Warum lernen die Fondsmanager denn nicht, dass sie den Markt nicht schlagen können? Gerade haben diverse Investment-Banking-Abteilungen grosser Banken mit aller Deutlichkeit gezeigt, dass das nicht geht.“

Problem Herdentrieb

Dass es an den Aktienbörsen trotzdem immer wieder zum Ausverkauf kommt, hat laut Finanzökonom Thorsten Hens mit der menschlichen Natur zu tun – „mit dem Herdentrieb, der sich über zigtausend Jahre entwickelt hat. Man rennt davon, wenn alle anderen auch davonrennen“. Irgendwann komme der Punkt, wo die psychologische Risikofähigkeit des Anlegers erschöpft sei. „Dann ändert er kurzfristig die Strategie und schliesst sich der Herde an“, sagte Hens der NZZ zwei Tage nach dem Börsensturz vom 21. Januar.

Kritik wird nicht nur am prozyklischen Handeln, sondern auch an der Rebalancing-Strategie geäussert, denn sie setzt langfristig auf steigende Aktienwerte. Bei einer anhaltenden Baisse würden Pensionskassen mit massiven Verlusten konfrontiert werden.

„Das ist zwar korrekt“, sagt Joseph Steiger, Anlageexperte der Beruflichen Vorsorge beim Bundesamt für Sozialversicherungen. „Die Vergangenheit zeigte aber, dass man mit der Rebalancing-Strategie nicht schlecht gefahren ist“, erläutert der Anlageexperte weiter.

Zum Ausmass der Verluste der Januar-Korrektur liegen Steiger zwar keine konkreten Zahlen vor. Doch in der Regel verhielten sich die Schweizer Pensionskassen nicht prozyklisch.

„Vereinfachend gesagt kann davon ausgegangen werden, dass wenn sich das Aktienportfolio der Kassen um 5 Prozent bewegt, sich der Deckungsgrad im Schnitt um 1,5 Prozent verändert“, errechnete Steiger. Ausgehend von einem Deckungsgrad Ende 2006 – der letzten aktuellen Zahl – sei die Lage nicht dramatisch. „Zwar dürfte die Zahl der Pensionskassen mit Unterdeckung ansteigen. Aber die Mehrzahl der Pensionskassen hat ausreichende Reserven, um die bisherigen Verluste der Aktienmärkte zu kompensieren“, erklärt Steiger. AV





Privacy Policy
Terms and Conditions

Mailing address: Financial Times Ltd, Number One Southwark Bridge, London, SE1 9HL, United Kingdom

© The Financial Times Limited 2010