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Beat Wittmann |
Die Bank Julius Bär hat sich neu positioniert. Gleichwohl ist sie das geblieben, was sie schon immer war:
ein Vermögensverwalter für Privatkunden sowie einer für institutionelle Kunden. Nur eben noch fokussierter und noch konzentrierter. An diesen Ansatz wird geglaubt. Denn man will alles sein – nur keine Universalbank.
Fragen: Michael Lennert
Antworten: Beat Wittmann, CEO Investment Products, Julius Bär
Die beruflichen Stationen von Beat Wittmann kann man – wenn man will – kurz und knapp zusammenfassen: Studium der Volkswirtschaft in Basel, rund zehn Jahre UBS, danach rund zehn Jahre Clariden Bank und seit November des vergangenen Jahres Chief Executive Officer (CEO) Investment Products bei Julius Bär.
Man kann es – wenn man will – aber auch ausführlicher darstellen. Mit volkswirtschaftlichen Themen und den Kapitalmärkten wurde Wittmann, so sagt er, schon seit früher Kindheit konfrontiert, denn zum einen ist sein Vater emeritierter Professor für Volkswirtschaftslehre, zum anderen habe er von ihm schon frühzeitig gelernt, auf was es hierbei ankommt: dass nur die besseren Argumente und Resultate zählen. Das prägte sicher auch seine berufliche Laufbahn, die 1985 im Equity Investment Research und Fund Management bei der UBS in Zürich begann. Nach verschiedenen Stationen wechselte Wittmann dann von 1995 bis zum vergangenen Jahr zur Clariden Leu Bank in Zürich, wo er als Member of the Executive
Board und CEO Investment Products verantwortlich zeichnete. ML
spn: Herr Wittmann, bei Julius Bär gab es Anfang dieses Jahres Umstrukturierungen, sprich, ein neues Geschäftsmodell wurde implementiert. Können Sie dieses neue Geschäftsmodell kurz skizzieren, und in welchem Umfang ist das institutionelle Geschäft betroffen?
Beatt Wittmann: Gerne. Was wir gemacht haben, war die Einführung einer reinen Holding-Struktur und die Anpassung der Organisations- und Rechtsstruktur der Gruppe an das neue Geschäftsmodell. Dies sieht nun wie folgt aus: Nach dem Zusammenschluss von Julius Bär Asset Management Europa mit dem Wealth Management Solutions-Bereich von Julius Bär Private Banking zum Bereich Investment Products umfasst die Bank Julius Bär die Geschäftsbereiche Private Banking und Investment Products. Dabei übernahm Alex W. Widmer die Funktion des CEO der Bank Julius Bär, David M. Solo leitet die spezialisierten Asset Management Gesellschaften GAM und JBIM (USA) und ich zeichne für den Bereich Investment Products verantwortlich. Hierunter ist auch das institutionelle Geschäft subsumiert.
spn: Gibt es bei Ihrem neuen Geschäftsmodell keine Überschneidungen, beispielsweise zwischen dem Bereich Investment Products und den angebotenen Produkten von GAM?
Wittmann: Wir bieten ein Geschäftsmodell der offenen Architektur an, bei dem die Messlatten ganz klar definiert sind: Das ist sicherlich die Performance, aber auch das Risiko, die Kosten sowie die Produktklarheit. Mit derartigen Produkten, die natürlich den Bedürfnissen der Kunden und den Opportunitäten des Marktes entsprechen müssen, gehen wir kompetitiv auf den Markt.
spn: Auch kompetitiv gegenüber GAM?
Wittmann: Natürlich, auch kompetitiv gegenüber GAM. Sonst wäre es ja keine offene Architektur. Wichtig zu nennen ist in diesem Zusammenhang sicher die Tatsache, dass wir insbesondere in den vergangenen zwei Jahren vermehrt eine strukturelle Konvergenz zwischen der alternativen Investment-Industrie, die traditionell Absolute-Return-orientiert ist – und dazu zählen wir auch GAM –, und der traditionellen Asset-Management-Welt der Banken, die traditionell Relativ-Return-orientiert ist, feststellen. Das findet bei uns auch so statt. Deswegen kann es sicher auch zu Überschneidungen kommen. Das spielt jedoch überhaupt keine Rolle, denn wenn GAM ein kompetitives Produkt hat, kaufen wir es für unsere Kunden. So einfach ist das. Das verstehen wir unter offener Architektur. Es wäre nicht offen, wenn die Kundenberater eine feste Produktquote vorgeschrieben bekommen würden. Das wäre ein klarer Unsinn.
spn: Wie wollen Sie sich zukünftig im institutionellen Geschäft positionieren?
Wittmann: Julius Bär ist schon klar positioniert: als Wealth Manager und nicht als Universalbank. Und zwar als Vermögensverwalter für Privatkunden sowie als Vermögensverwalter für institutionelle Kunden. Das war so, das ist so und das wird auch so bleiben.
spn: Gab es Schwächen bei der Aufstellung im institutionellen Geschäft von Julius Bär, und wenn ja, wo lagen diese?
Wittmann: Wenn man die Kreditkrise betrachtet – glücklicherweise sind wir hiervon nicht betroffen – respektive mit was für Problemen die Universalbanken und ihre Investment-Sparten derzeit zu kämpfen haben, ist Julius Bär als Wealth Manager und als Brand sehr gut positioniert.
Es ist natürlich auch so: Da wir sowohl Private Banking als auch das Asset-Management-Geschäft betreiben, ist es zeitweise eine Herausforderung, den Pensionskassen oder den Consultants verständlich zu machen, warum wir beides machen, und nicht etwa lediglich das institutionelle Business.
Das Geschäft besteht aus drei Elementen: den Kunden, den Kapitalmärkten und den Anbietern. Dabei haben wir als Anbieter eine Meinung zu den Kapitalmärkten. Ob wir dieses Investment-Know-how nun einer Pensionskasse entweder als Mandat, als Beratung oder als Finanzprodukt oder dem Retail-Markt oder einem Privatkunden anbieten, ist aus meiner Sicht vollkommen das Gleiche. Natürlich differieren die Anlagehorizonte, die Risiken, die steuerlichen Rahmenbedingungen und die Bedürfnisse der Kunden. Letztendlich lautet die Fragestellung jedoch: Wohin geht der Kapitalmarkt? Und hierbei zählen am Schluss ausschliesslich die Anlageresultate – hier gilt es zu überzeugen.
spn: Noch einmal zurück zu den von der Krise betroffenen Kollegen. Sind Sie denn gerade nicht froh, kein Investmentbanker zu sein?
Wittmann: Nein, das kann ich auch nicht sagen. Sehen Sie, ich bin Asset Manager seit 20 Jahren. Das ist gut so, und das werde ich auch sicher bleiben. Gleichwohl, es stimmt, sicherlich gibt es Unterschiede zwischen einem Investmentbanker und einem Asset Manager. Das Investment Banking ist ein reines Transaktionsgeschäft, bei dem ein Deal irgendwann abgeschlossen ist, beim Asset Management ist das anders, da ist der Deal oder die Arbeit nie abgeschlossen. Das ist wie ein Marathon. Das sind eben sehr spezifische unterschiedliche Kulturen, was man auch am Persönlichkeitsprofil sieht.
spn: Doch noch einmal zur Marke Julius Bär. Wie würden Sie derzeit Ihre Marktposition in der Schweiz charakterisieren?
Wittmann: Wir fühlen uns solide und stark und werden, unabhängig vom Umfeld, weiter organisch wachsen. Ich würde sogar sagen, wir tun unser Bestes, im härteren Umfeld aggressiver zu wachsen.
spn: Sie sagen aggressiver wachsen. Würden Sie eine/n Bank/Asset Manager übernehmen, um weiter zu wachsen?
Wittmann: Sagen wir es so: Ich bin davon überzeugt, dass die Turbulenzen an den Finanzmärkten die Geschäftsmodelle von Banken und Vermögensverwaltern aufs Härteste testen und dass gewisse Institute spezielle Geschäftsfelder verlassen werden. Darauf warten wir.
Gleichwohl, wenn es Gelegenheiten gibt, müssen diese sinnvoll sein und gewissen Kriterien genügen, sprich, es muss ein Wealth-Management-Geschäftsfeld sein, es muss fokussiert und verdaubar sein. Wir müssen es also übernehmen und integrieren können. Und es muss der Preis stimmen.
spn: Mit welchen Bewerbern vergleichen Sie sich, und in welche „Regionen“ des Geschäftes wollen Sie vordringen?
Wittmann: Ich halte es für nicht sinnvoll, sich mit jemandem zu vergleichen. Denn gerade weil man das in unserer Industrie so häufig macht, ist diese derart extrem prozyklisch.
Weshalb findet denn so eine Kreditkrise statt? Weil die absolute Mehrheit der Marktteilnehmer im Sommer des vergangenen Jahres nicht nur Kredite gekauft hat, sondern auch noch Schulden gemacht, also das Ganze geleveraged hat. In der Finanzindustrie ist es immer so. Weil die Leute immer schauen, was die anderen machen, laufen sie alle drei bis vier Jahre in eine Krise hinein. Im Jahre 2000 war es die Dotcom-Krise, jetzt ist es die Subprime-Krise.
Deswegen interessiert Julius Bär auch nicht, was die Wettbewerber machen, sondern ganz allein zwei Dinge: Was geschieht im Kapitalmarkt, und was sind die Bedürfnisse unserer Kunden?
spn: Anders gefragt: Gibt es denn Wettbewerber, die für Sie stark positioniert sind und die Sie respektieren?
Wittmann: Sicherlich, vor allem Pictet. Pictet hat schon vor Jahrzehnten ein exaktes Geschäftsmodell definiert, dieses kontinuierlich aufgebaut und durchgezogen. Pictet lebt auch ein Zwei-Säulen-Modell wie wir, operiert also als Privatbank und als Asset Manager, nutzt daraus die Synergien und wächst seit 20 Jahren organisch. Dem zollt Respekt.
spn: Wie sieht das institutionelle Geschäft von Julius Bär in fünf Jahren aus?
Wittmann: Wir glauben an die Fokussierung. Denn wenn man sich auf eine Sache konzentriert, zieht man langfristig die besseren Leute an und wird Employer of Choice. Unser Geschäft steht und lebt mit der Qualität unserer Mitarbeiter. Zudem sind wir der Auffassung, dass man erfolgreicher ist, wenn man sich langfristig spezialisiert, als wenn man im übertragenen Sinn einen Gemischtwarenladen betreibt. Deswegen werden wir in fünf Jahren auch noch gleich aufgestellt sein wie heute.
spn: Sie sprachen schon öfters die Kreditkrise an. Welche Lehren ziehen Sie aus der Kreditkrise?
Wittmann: Ich glaube leider, dass die Mehrheit der Marktteilnehmer keine Lehre aus der Krise ziehen wird. Deswegen haben wir ja alle drei bis vier Jahre eine grössere Krise an den Finanzmärkten.
spn: Und Sie ganz persönlich?
Wittmann: Sehen Sie, jede Situation ist eine andere Situation und muss deswegen anhand von mehreren Kriterien analysiert werden. Und das sind Kriterien wie Bewertung, Preisentwicklung und Stimmung.
Die Kreditkrise war vorhersehbar. Die Bewertungen waren bereits im ersten Halbjahr 2007 exzessiv, die Corporate Defaults waren bei null Prozent. Es kann nicht tiefer gehen. Bei einer Rezession sind sie bei zwölf, im Normalfall bei vier bis fünf, die Spreads waren minimal und viele Marktteilnehmer haben geleveraged. Die Hedgefonds beispielsweise haben acht-, neun-, zehnmal 20 Basispunkte geleveraged und das als Produkt angeboten. Und CDO-Strukturen wurden an Retail-Investoren weiterverkauft. Wenn man das sieht, darf man einfach nicht mehr investiert sein.
spn: Wäre es nicht ratsamer gewesen, Ihre Erkenntnisse früher zu publizieren? Vielleicht hätte sich ein Teil Ihrer Kollegen dadurch nicht so die Finger verbrannt?
Wittmann: Ich habe im Juni des vergangenen Jahres im Park Hyatt in Zürich eine Präsentation gehalten und auf drei Risiken verwiesen: die äusserst laxe Kreditvergabe, den fallenden Dollar und den steigendem Ölpreis. Erläutert habe ich dies unter anderem am Beispiel eines langjährigen Bonds. Dieser wurde auf die Air Jamaica emittiert, hatte eine Laufzeit von 20 Jahren, einen Drei-Prozent-Pick-up auf US-Treasury, war überzeichnet, die Investmentbank war Bear Stearns. Hierbei habe ich die Anwesenden gefragt: Würden Sie persönlich einem Inselstaat in der Karibik und dessen Airline zu diesen Konditionen Geld für 20 Jahre geben? Sicher nicht!
spn: Sie sagen, nach der Krise ist vor der Krise. Wo findet dann Ihrer Meinung nach die nächste Finanzkrise statt?
Wittmann: Die nächste Korrektur läuft in ausgesuchten Emerging Markets. Denn meiner Meinung nach werden gewisse Emerging Markets in den nächsten Monaten stark unter Druck kommen.
spn: Welche Länder meinen Sie genau?
Wittmann: Gefährdet sind Länder, die Rohstoffe und Energie importieren müssen, Länder – da auch die Lebensmittelpreise massiv gestiegen sind –, die ihre lokale Bevölkerung mit der Grundversorgung subventionieren und damit den Staatshaushalt belasten müssen, und Länder, die keinen Exportüberschuss erwirtschaften. Gefährdet sind des Weiteren Länder, die hoch in einer Fremdwährung verschuldet sind. Das sind die Kriterien, die für uns relevant sind und für einzelne Länder in Südostasien und in Osteuropa zutreffen.
spn: Wie geht es mit der Kreditkrise weiter, und wie sollte sich ein Institutioneller positionieren?
Wittmann: In den USA stellt sich weiter die Schlüsselfrage, in welchem negativen Ausmass sich die Kreditkrise auf Konsum und den Arbeitsmarkt niederschlägt, Stichwort: allfällige US-Rezession.
Gleichwohl, da wir uns in einem Wahljahr befinden, steht für mich fest, dass sowohl die Regierung als auch die US-Zentralbank alles daransetzen werden, an allen fiskal- und geldpolitischen Schrauben zu drehen, um eine harte Landung der US-Wirtschaft zu verhindern. Kurzfristig ist das sicher gut, mittel- und langfristig nicht, da es die Exzesse nicht bereinigt. Zudem werden wir den Preis für diese Reflationspolitik mittelfristig in Form von höheren Inflationsraten zahlen. Deswegen raten wir einem institutionellen Investor oder einer Pensionskasse, sich hierauf frühzeitig einzustellen und sich rechtzeitig zu positionieren.
spn: Was heisst das konkret?
Wittmann: Konkret empfiehlt es sich in Anlagethemen zu investieren, die reale Renditen abwerfen. Wir etwa investieren in Reflation Trades, also in alles, was Inflationsschutz bietet – das ist vor allem besonders für Pensionskassen notwendig und dringend zu emp-fehlen. Reflation Trades sind Investments in Infrastruktur, Rohstoffe, Energie, Edelmetalle sowie inflationsgebundene Bonds. Gleichzeitig bauen wir in Stärkephasen Corporate Bonds ab, denn diese sind in diesem Marktumfeld eindeutig die Verlierer.
spn: Geht man recht in der Annahme, dass Sie sich mit diesen Themen verstärkt am Markt positionieren wollen?
Wittmann: Genau. Wir werden das Marktumfeld nutzen, um frühzeitig Opportunitäten zu ergreifen.
spn: Gibt es weitere Themenschwerpunkte, über die sich ein institutioneller Investor bei Julius Bär freuen kann?
Wittmann: Sicherlich. Es gibt noch weitere Anlagethemen, die wir ausbauen wollen, da wir sie für die nächsten drei bis vier Jahre als sehr relevant erachten. Das sind nicht traditionelle Fixed-Income-Anlagen, eben wie schon angetönt inflationsgebundene Anleihen, Distressed-Credits- und Emerging-Markets-Produkte sowie Absolute-Return-Strategien.
spn: Welche Asset-Klassen wird Julius Bär niemals anbieten?
Wittmann: Wir bieten keine Indexprodukte an, obwohl wir diese im Rahmen der Asset Allocation einsetzen, wenn sie Sinn machen.
spn: Themen wie 130:30-Produkte oder Portable Alpha geben die Richtung vor. Auch bei Julius Bär?
Wittmann: Unsere Industrie – das muss ich selbstkritisch sagen – erfindet allerlei. Deswegen muss man bei jeder Produktneuheit analysieren, ob es eine nachhaltige, wertsteigernde Innovation ist oder ein kurzfristig orientierter Marketing-Gag.
spn: Konkret: Würden Sie Portable-Alpha-Produkte anbieten?
Wittmann: Für mich ist das ein relativ allgemein generischer Term und auch kein Produkt per se. Ich sage immer: Zuerst kommt die Kapitalmarktsicht, dann das Kundenprofil und dazwischen liegt die Portfolio-Konstruktion. In diesem Kontext kann Portable Alpha durchaus Sinn machen.
spn: Und 130:30-Produkte?
Wittmann: Hier mache ich ein Fragezeichen. Sicherlich kann es dem Bedürfnis eines Kunden entsprechen. Gleichwohl riecht es mir danach, dass man argumentiert: Ja, jetzt hat man eine Long-Only-Strategie gefahren, zeitgleich veränderte sich der Kapitalmarkt, mit dem Ergebnis, dass man nun auch etwas Flexibilität haben wolle, quasi die andere Seite des Marktes spielen, um einen Mix von absoluter und relativer Performance hinzubekommen.
spn: Sie glauben also an die Alpha-Fähigkeit eines Managers?
Wittmann: Wir verstehen uns als aktiven Manager, der Risiken eingeht und für die eingegangenen Risiken auch entschädigt werden will.
spn: Also als Manager, der beispielsweise einen hohen Tracking Error bevorzugt?
Wittmann: Sicherlich, gleichwohl ist ein hoher Tracking Error lediglich ein Teil des Spektrums eines Risikomanagements. Wissen Sie, ich kann Ihnen nur eines sagen: Ein Grossteil unserer Industrie verkauft aktives Management mit Gebühren, die aktivem Management entsprechen, und de facto haben sie einen Benchmark-plus/minus-Ansatz. Das machen wir nicht, da wir beispielsweise bereits bei der Asset Allocation Wetten auf Anlagekategorien eingehen. Für uns sind zwei Sachen wichtig: eine klare Meinung zu haben sowie ein qualitativer Investment-Ansatz.
spn: Und wenn eine Wette danebengeht? Fährt man da mit günstigeren Indexprodukten und einem passiven Anlagestil nicht besser?
Wittmann: Sicher, die Märkte sind in gewissen Phasen effizient und in gewissen Phasen weniger effizient. Wir haben es in den vergangenen Wochen gesehen. Wenn an den Börsen die Emotionen dominieren, sind die Märkte ineffizient, dann wird jede Bankaktie verkauft. Sicherlich bei einigen zu Recht, bei einigen anderen wird aber auch übertrieben. Je mehr der Markt von Emotionen und Liquiditätsbedürfnissen getrieben wird, desto irrationaler ist er. Das ist sicher eine Gegebenheit, die man nicht ignorieren kann.
Doch zum zweiten Teil der Frage: Wenn Investoren zu mir sagen, dass sie lieber passiv investieren, sage ich: Alles, was sie tun, ist aktiv, die Asset Allocation ist aktiv und macht 70 bis 80 Prozent des Returns aus.
spn: Es gibt jedoch auch etliche aktive Asset Manager, die ihrer Benchmark öfters hinterherjagen. Ihre Meinung?
Wittmann: Die Performance zu verbessern ist ein Dauerauftrag.
Die Investment-Performance ist abhängig, einerseits von der Struktur und Disziplin des Anlageprozesses, also vom Research bis hin zum Risikomanagement, andererseits natürlich von der Qualität und dem Background der Mitarbeiter. Nehmen Sie die aktuelle Kreditkrise: Zuerst hatte das nur den Kreditmarkt betroffen und jetzt hat das Auswirkungen auch auf Bereiche, die nicht direkt von der Kreditkrise betroffen sind. Das sind Interdependenzen im internationalen Kapitalmarkt, die Sie nur bewältigen können, wenn Sie das ganze Spektrum an Spezialisten abdecken können und eine Kultur haben, bei der sich alle austauschen und am Schluss eine klare Meinung haben. Diese Stärke haben wir und bauen sie kontinuierlich aus.
spn: Sie sagten vorher, dass Sie mittelfristig mit höheren Inflationsraten rechnen. Sind die Schweizer Institutionellen Ihrer Ansicht nach auf ein solches Szenario vorbereitet?
Wittmann: Es werden etliche Pensionskassen, wenn sie nicht in Anlagen investieren, die sie schützen, in den nächsten zwei bis drei Jahren massive Probleme bekommen. Insbesondere da eine typische Schweizer Pensionskasse rund 50 Prozent ihrer Anlagen in traditionellen Fixed-Income-Anleihen investiert. Diesen Pensionskassen prophezeie ich leider einen real negativen Return.
spn: Wie beurteilen Sie das Anlageverhalten von Schweizer Pensionskassen?
Wittmann: Ich würde mir wünschen, dass man im Durchschnitt offener ist für mehr nicht traditionelle Ansätze, also im Speziellen für eine stärkere Beimischung von alternativen Anlagen oder das Verwenden von Absolute-Return-Strategien. Darin liegt die Zukunft.
spn: Woran liegt das? An den Anlagereglementarien?
Wittmann: Nein, die Rahmenbedingungen sind sicher nicht schuld an einer mangelnden Performance. Dafür sind die Freiheiten zu gross. Das sollte man auch einmal positiv hervorstreichen. Die Regulierung ist flexibel und offen.
spn: Welche Tendenzen im Asset Management sehen Sie mit grosser Besorgnis?
Wittmann: Ein grosses Problem ist sicher das schon angetönte Herdenverhalten sowie die Übertreibungen und Exzesse, die immer wieder zu Krisen führen werden. Deswegen ist es ja so wichtig, sich eine klare Meinung zu bilden, diese auch offen zu vertreten und insbesondere Allgemeinwahrheiten immer kritisch zu hinterfragen. Ansonsten ist das eine klare Wachstumsbranche.
spn: Worüber wird sich die Investment-Branche in den kommenden Jahren noch wundern?
Wittmann: Ich glaube nicht, dass es irgendetwas ganz Neues geben wird, das wir nicht schon irgendwie gesehen haben.
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