Die zweite Säule ist eine gigantische Geldumwälzmaschine. Im Jahr 2006 – neuere Zahlen gibt es nicht – wurden 108 Milliarden Franken einbezahlt und 69 Milliarden entnommen. Die Transaktions- und Kontrollkosten dieser Geldströme dürften ein Hauptgrund für die hohen Durchführungskosten der zweiten Säule sein.
Auch wenn die Statistik zurzeit keine Antwort bezüglich der Auswirkungen der Finanzkrise auf Pensionskassen geben kann, so bietet sie einen vertieften Einblick ins System der Beruflichen Vorsorge und provoziert Fragen, wie zum Beispiel, ob die riesigen jährlichen Geldströme volkswirtschaftlich effizient sind.
Immerhin, der Zufluss war dank guter Entwicklung der Finanzmärkte beachtlich. Dies zeigt eine provisorische Auswertung des Bundesamtes für Statistik vom letzten November. Das Vermögen belief sich auf 581 Milliarden Franken. Die zweite Säule legte 2006 gegenüber dem Vorjahr um 38 Milliarden Franken zu. Diesen Gewinn teilen sich die vier rechnerischen Grössen: das (versicherungstechnisch) garantierte Vorsorgekapital, die Wertschwankungsreserven, die freien Mittel und die Arbeitgeberreserven (für Details siehe Abbildung 1). Die Zahlen basieren auf der Auswertung von 770 Fragebögen. Neuere Zahlen gibt es nicht. Das Resultat aus 2007 wird erst kommenden November publiziert werden.
Auffallend an der Auswertung sind die immensen Geldströme. Sie werden vom Bundesamt bewusst nicht aggregiert. Aber spn hat es getan. Das überraschende Resultat: 2006 wurden den rund 2.700 Pensionskassen und Vorsorgestiftungen rund 108 Milliarden Franken gutgeschrieben. Im gleichen Jahr mussten sie Abflüsse von rund 69 Milliarden Franken hinnehmen. Zwar dürfte der effektiv verschobene Geldbetrag um einige Milliarden Franken tiefer sein. Denn in der Erfolgsrechnung sind auch Buchgewinne und -verluste erfasst, sogenannte „Wertveränderungen auf Wertschriften und Immobilien”. Doch sie werden nicht detailliert aufgeführt, sondern nur zusammen mit den realisierten Kursgewinnen und -verlusten erfasst. Schätzt man den Anteil der Buchgewinne auf zwei Drittel des Vermögensertrages, so dürften im Jahr 2006 per Saldo effektiv rund 90 Milliarden Franken als flüssiges Geld in die Pensionskassen und Vorsorgestiftungen verschoben worden sein.
Eine Milliarde mehr Kapitalbezüge durch Neurentner
Bei den Ausgaben stechen die hohen Kapitalbezüge und -einlagen ins Auge. Wegen berufsbedingter Austritte wurden 19 Milliarden Franken auf Freizügigkeitskonten oder in die Kassen der neuen Arbeitgeber eingezahlt. Dem stehen Einzahlungen von 18 Milliarden Franken bei Stellenantritt und Einkäufe in Pensionskassen für 400 Millionen gegenüber. 4 Milliarden Franken bezogen aktiv Versicherte, also Werktätige, zur Finanzierung von Wohneigentum (Vorbezug), infolge einer Scheidung (Teil der Ansprüche), bei Aufnahme von Selbstständigkeit oder wegen Auswanderung (Barauszahlung). Die Rentenlast stieg um 2,2 Milliarden auf 26 Milliarden Franken. Knapp 900.000 Pensionäre erhielten 15 Milliarden Franken in Form einer monatlichen Rente, weitere 28.000 frisch Pensionierte liessen sich ihr Erspartes ganz auszahlen. Das schlug mit 5 Milliarden Franken zu Buche – fast eine Milliarde mehr als 2005. Offenbar haben die Leute zunehmend die Furcht, dass ihr Rentenanspruch gekürzt werden könnte. Sie wollen das Geld lieber in Cash ausbezahlt sehen, um es selber anzulegen.
Darüber hinaus hinterfragen immer mehr Vorsorgewerke die Geldflüsse der Versicherungen. 18 Milliarden Franken wurden von den Vorsorgeeinrichtungen an Prämien und Einmaleinlagen überwiesen. Zurück an die Kassen flossen 16,6 Milliarden Franken, mit denen zum Teil auch direkt die Leistungsbezüger vergütet werden. Die Tendenz bei den Prämien ist zum ersten Mal sinkend. Das Bundesamt interpretiert dies mit „dem Trend zur Verlagerung von den kollektiv rückversicherten und teilautonomen Kassen hin zu den autonomen”. Mit anderen Worten: Die Vorsorgewerke und Kassen kündigen Rückversicherungsverträge und tragen Risiken vermehrt selber.
Hauptmotor autonome Pensionskassen
Um diesen Prozess zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf die Versorgerstruktur der zweiten Säule. Der wichtigste Motor sind die 830 autonomen Pensionskassen. Sie versichern rund ein Drittel aller Werktätigen und vereinen ein Vermögen von rund 420 Milliarden Franken (siehe Abbildung 4, Stand 2005). Ihre Leistungen kommen die Versicherten in der Grosszahl günstig zu stehen.
Der zweitwichtigste Motor sind die Sammelstiftungen der Lebensversicherer. Sie werden in der Statistik unter dem Begriff „Kollektive Sammeleinrichtungen” geführt. 17 Stiftungen vereinigen 820.000 Versicherte. Ihnen sind vor allem Kleinfirmen angeschlossen. Ihr Deckungskapitel ist garantiert. Es wird im Jahr 2005 geschätzte 65 Milliarden Franken betragen haben. (Die garantierten Deckungskapitalien aller Gemeinschafts– und Sammeleinrichtungen wurden 2005 mit 77 Milliarden Franken beziffert.) Die administrativen Kosten je Versicherten und Jahr sind hoch. Aus diesem Grunde und wegen der im Vergleich tiefen Verzinsung des Deckungskapitals sind ihnen zwischen 2002 und 2006 viele Anschlussverträge verloren gegangen.
Der drittwichtigste Motor sind die sogenannten Gemeinschaftsreinrichtungen. Damit bezeichnet der Bund die Vorsorgeeinrichtungen der Branchenverbände, etwa der Maler und Metzger. In der Regel werden die Anschlüsse nicht pro Arbeitgeber geführt, sondern pro Einrichtung mit einigen wenigen Vorsorgeplänen. Deshalb sind sie in der Regel äusserst günstig in der Verwaltungskostenabrechnung (siehe spn Juni 2007). 80 Kassen versichern 550.000 Versicherte bei einem Vermögen von 50 Milliarden Franken (Stand 2005).
Der viertwichtigste Motor der zweiten Säule sind die autonomen und teilautonomen Sammelstiftungen. Sie haben in den vergangenen Jahren bedeutende Zuwächse verzeichnet. Zum einen entstanden neue Stiftungen in Konkurrenz zu denen der Lebensversicherer. Zum anderen erfuhren etablierte wie frischgebackene, (halb)autonome Sammelstiftungen einen regen Zuwachs an Versichertenbeständen. 76 Einrichtungen versicherten 2005 rund 300.000 Versicherte und verwalteten 25 Milliarden Franken. Heute dürften diese Zahlen deutlich grösser sein.
Und schliesslich der fünftwichtigste Motor, das sind die 950 sogenannten teilautonomen Pensionskassen der Unternehmen. Sie versichern 160.000 Werktätige und verwalteten 2005 ein Kapital von 26 Milliarden Franken. Sie äufnen das Alterskapital, lassen Leistungen bei Tod und Invalidität von einem Lebensversicherer decken. Deshalb werden sie von der Statistik als halbautonom bezeichnet. Diese Rückversicherungen kommen die Kassen und damit die Versicherten vereinzelt teuer zu stehen. Eine exklusive Auswertung von spn vergangenen Juni zeigte, dass viele Versicherte mit Kosten in der Höhe von 700 bis 900 Franken pro Jahr konfrontiert sind.
Statt Kapitaldeckungs- ein Umlagerungsverfahren
Wie lange noch im System per Saldo ein Gewinn herausschaut, ist nicht abzuschätzen. Zu ungewiss ist der Einfluss der derzeitigen Kapitalmärkte auf den Aufwertungsgewinn. Der „Beitrag“ der Anlagen macht, gemessen am guten Börsenjahr 2006, die Hälfte der Beiträge aus: 35 Milliarden. Die andere Hälfte überweisen die Unternehmen in Form von Arbeitgeber- und Arbeitnehmerbeiträgen, zuletzt 38 Milliarden. Stellt man die Höhe der Rentenbezüge in Relation, so fällt auf, dass die zweite Säule schon heute zum Teil im Umlageverfahren arbeitet. Die Renten machen insgesamt 26 Milliarden Franken aus. Die Vermögenserträge schaffen es, davon rund 14 Milliarden Franken zu begleichen. Der Rest muss entweder durch Wertpapierverkäufe oder durch Arbeitnehmerbeiträge finanziert werden. Tendenz steigend.
![]() | Abbildung 2: Anlagen. Das Vermögen der zweiten Säule ist wie folgt angelegt: knapp ein Drittel in Obligationen, ein Fünftel in Aktien, ein Sechstel in Immobilien (und Hypotheken) und ein Zwanzigstel in Alternativen Anlagen (Hedgefonds und andere). Flüssiggehalten werden 45 Milliarden Franken, beim Arbeitgeber angelegt sind 12 Milliarden, weitere Anlageformen machen 14 Milliarden aus; Quelle: BfS, Berechnungen: spn, Angaben in Franken. |
| Abbildung 3: Versicherte. Die Eigentümer des Tresors der zweiten Säule sind die 3,4 Millionen Werktätigen und knapp eine Million Rentner. Letztere sind zu unterscheiden in Altersrentner, die eine Rente beziehen oder ihr Erspartes nach der Pension als Einmalzahlung erhalten haben, und Bezüger von Invaliden-, Witwen- oder Waisenrenten; Quelle: BfS, Berechnungen: spn. | ![]() |
Diese Entwicklung steht im Widerspruch zur öffentlichen Meinung, die Berufliche Vorsorge arbeite im sogenannten Kapitaldeckungsverfahren, bei dem Renten vom Ertrag des gesparten Kapitals finanziert werden. Nicht zuletzt werden mit diesem Argument die um ein Vielfaches höheren Durchführungskosten der zweiten Säule gerechtfertigt. 2006 belief sich der ausgewiesene Vermögensverwaltungsaufwand auf 0,8 Milliarden Franken. Der technische Verwaltungsaufwand ist noch nicht detailliert erfasst. 2005 kostete er 0,7 Milliarden Franken. Hinzu kommen die versteckten Vermögensverwaltungs- und Administrationskosten der indirekten Anlagen (Anlagefonds und Stiftungen). Deren Höhe ist unbekannt. Das Bundesamt schreibt: „Der bei externen Stellen anfallende Verwaltungsaufwand ist nur sehr schwer bis kaum erhebbar.“ Deshalb werden die Durchführungskosten von der Branche geschätzt, und zwar auf 4 Milliarden Franken. Zum Vergleich: Gemäss der Schweizerischen Sozialversicherungsstatistik 2006 beliefen sich die Durchführungskosten der ersten Säule auf 141 Millionen Franken – 28 Mal weniger.
Enorme Geldströme
Vergleicht man nun die Geldflüsse der ersten und zweiten Säule, so gibt es erste Antworten auf die eingangs gestellte Frage nach der Effizienz: In die AHV werden jährlich 34 Milliarden Franken als Beiträge ein- und 32 Milliarden als Renten ausgezahlt, zum grössten Teil im Umlageverfahren. In die Berufliche Vorsorge werden jährlich geschätzt 90 Milliarden Franken ein- und 69 Milliarden ausgezahlt. Die von der ersten Säule verursachten Geldströme summieren sich auf 65 Milliarden Franken, die von der zweiten Säule verursachten auf geschätzt 160 Milliarden – zweieinhalb Mal mehr. Was dieses Umherschieben an Transaktions- und Kontrollaufwand bewirkt, hat bisher noch niemand analysiert. Doch allein die Relation der Durchführungskosten von 141 Millionen zu 4 Milliarden Franken legt den Schluss nahe, dass die Verwaltung dieser Transaktionen Unsummen verschlingt – zum Schaden der Versicherten.
![]() | Abbildung 4: Akteure. Zwar gibt es 2.700 Vorsorgeeinrichtungen, aber nur 2.200 versichern obligatorische Ansprüche gemäss Gesetz. Sie sind die relevanten Kassen in der Beruflichen Vorsorge. Es gibt im Wesentlichen fünf Arten: autonome Pensionskassen, teilautonome Pensionskassen, Gemeinschaftseinrichtungen, autonome Sammeleinrichtungen und Sammelstiftungen von Lebensversicherern oder Treuhändern. Die Angaben zum Vermögen und zur Anzahl der Versicherten weisen auf die Bedeutung der einzelnen Typen hin. Am kostengünstigsten operieren die Gemeinschaftseinrichtungen der Verbände, am teuersten die teilautonomen Pensionskassen und Sammelstiftungen der Lebensversicherer; Quelle: BfS, Berechnungen: spn, gerundete Werte, Vermögen in Franken, Statistik 2005. |
Rein systemimmanent?
Das Bundesamt für Statistik relativiert zwar diese Geldströme: „Aus der Sicht der gesamten Beruflichen Vorsorge stellen bestimmte Rechnungspositionen reine systeminterne Transferzahlungen dar. Dies ist beispielsweise bei den Freizügigkeitsleistungen der Fall, wenn diese von der einen auf die andere Vorsorgeeinrichtung überwiesen werden.“ Diese Überweisungen werden allerdings immer physisch ausgelöst. Kasse A zahlt an das Freizügigkeitskonto der Bank A und diese zahlt den Betrag später an Kasse B. Oder das Geld wird direkt an Kasse B überwiesen – Jahr für Jahr fast 20 Milliarden Franken. Nur im letzten Fall wird der Geldstrom um die Hälfte reduziert (Auszahlung = Einnahme). Denkbar ist auch, dass ein Teil der Versicherungsprämien mit Leistungen verrechnet wird. Alle anderen Ein- und Ausgaben führen zu physischen Überweisungen.
Lösungen liegen auf der Hand
Lösungen für dieses Problem liegen auf der Hand: Eine wäre, die Pensionskonten individuell zu gestalten und lebenslang zu behalten, wie es etwa Chile kennt. Damit würden Transaktionen beim Stellenwechsel wegfallen. Eine weitere wäre, kleine Pensionskassen zur Fusion zu zwingen. Damit würden die Versichertenbestände grösser und die Notwendigkeit von Rückversicherungen fiele genauso weg wie die Geldflüsse zu den Versicherungen. Und eine dritte Lösung wäre, schrittweise die erste und zweite Säule zu vereinen und im Schwerpunkt ein Umlageverfahren anzustreben. Für letztere Variante plädieren hinter vorgehaltener Hand inzwischen auch bürgerliche Exponenten, wie der Chef der Wirtschafts-Denkfabrik Avenir Suisse, Thomas Held.
Fehlerteufel
In der Herbstausgabe von spn erschien ein kurzer Bericht über Swisscanto mit dem Vorwurf, das Unternehmen würde einer (nicht genannten) Pensionskasse basierend auf einem Zehn-Jahres-Vertrag hohe Provisionseinnahmen vorenthalten. Die Verwaltungskosten würden sich in der Folge auf rund 1.000 Franken pro Versicherten und Jahr belaufen. Das ist falsch. Der Vertrag dauerte drei Jahre und definierte ein Verwaltungsmandat und einen Brokerage-Vertrag. Die von Swisscanto verrechneten Verwaltungskosten beliefen sich auf rund 340 Franken pro Jahr. Korrekt ist auch, dass sich die Verwaltungskosten der Pensionskasse je Versicherten auf rund 840 Franken beliefen. Die Differenz verursachte eine grosse Revisionsgesellschaft. Sie verrechnete Sonderaufwände in der Verwaltung, die sich auf rund 500 Franken pro Versicherten beliefen. spn






